Flughafen Stuttgart „Stuttgart ist zu teuer für Ryanair“
Rayanair meidet den Stuttgarter Flughafen seit Jahren – Marketing-Chef Marcel Pouchain Meyer erklärt was sich ändern müsste und welche Ziele dann ab Stuttgart denkbar wären.
Rayanair meidet den Stuttgarter Flughafen seit Jahren – Marketing-Chef Marcel Pouchain Meyer erklärt was sich ändern müsste und welche Ziele dann ab Stuttgart denkbar wären.
Der Wettbewerb im Luftverkehr wird mit harten Bandagen geführt. Die Airlines schauen aufs Geld und setzen Flughafenbetreiber unter Zugzwang, die ihrerseits aber in der Pflicht stehen, Geld zu verdienen. Gänzlich frei sind sie bei der Preisgestaltung aber nicht, weil Gebühren und Steuern andernorts festgesetzt werden. Im Interview formuliert Marcel Pouchain Meyer, Marketing-Chef bei Ryanair, eine klare Erwartungshaltung und sagt, was sich ändern müsste, damit die große Low-Cost-Airline wieder nach Stuttgart zurückkehrt.
Herr Pouchain Meyer, Ryanair meidet den Stuttgarter Flughafen seit Jahren. Warum?
Marcel Pouchain Meyer: Leider ist der Stuttgarter Flughafen für Ryanair zu teuer. Die Entgelte sind für eine Low-Cost-Airline wie uns zu hoch. Dass es auch anders geht, zeigen auch andere Flughäfen wie beispielsweise Memmingen oder Karlsruhe/Baden-Baden. Das liegt natürlich auch an der Größe der Flughäfen und den damit verbundenen Kosten. Der entscheidende Punkt sind aber die hoheitlichen Kosten, insbesondere die schädliche Luftverkehrssteuer.
Die Bundesregierung hat die Luftverkehrssteuer gesenkt. War das genug?
Marcel Pouchain Meyer: Wir sind noch pessimistisch, da die Finanzierungsfrage zwischen Verkehrs- und Finanzministerium nicht vollständig geklärt ist. Dennoch haben wir uns verpflichtet, als Reaktion 300 000 zusätzliche Sitzplätze im deutschen Markt anzubieten. Positiv haben wir zur Kenntnis genommen, dass der Flughafen Stuttgart ab 1. November die Sicherheitskontrollen selbst übernimmt. Erfahrungsgemäß führt dies zu Kostensenkungen – in Berlin waren es mehrere Cent pro Passagier, in Köln sogar einige Euros.
Wo haben Sie das Angebot ausgebaut nach der Entscheidung der Bundesregierung?
Marcel Pouchain Meyer: Wir haben Saarbrücken und Friedrichshafen neu ins Programm genommen und bieten mehr Frequenzen von Karlsruhe/Baden-Baden, Nürnberg, Köln, Bremen und Düsseldorf-Weeze an. Im Gegenzug kürzen wir an größeren Flughäfen wie Berlin und Hamburg. Unsere Gesamtkapazität in Deutschland ist im Sommervergleich um ein Prozent gesunken, da wir Kapazitäten in Länder ohne Luftverkehrssteuer und insgesamt niedrigeren Zugangskosten verlagern.
In Stuttgart ist Eurowings der größte Carrier. Warum funktioniert es dort, aber nicht bei Ihnen?
Marcel Pouchain Meyer: Wir sind ein echter Low-Cost-Carrier mit fundamental anderen Kostenstrukturen als Eurowings. 2 einfache Beispiele. Wir setzen ausschließlich auf die Boeing 737-800, 95 Prozent unseres Vertriebs läuft direkt über App und Website. Das macht uns effizienter, aber auch sensibler für hohe Flughafenentgelte. Eurowings kann mit anderen Geschäftsmodellen und höheren Ticketpreisen in Stuttgart operieren – wir nicht.
Ende 2023 nannte Ryanair-Chef Eddie Wilson Stuttgart als negatives Beispiel für die deutsche Luftverkehrskrise. Was läuft schief?
Marcel Pouchain Meyer: Aus unserer Perspektive ist Deutschland beim Thema Kosten nicht wettbewerbsfähig. Die Luftverkehrssteuer wird zwar von 15,53 auf 12,53 Euro gesenkt, ist aber im europäischen Vergleich immer noch sehr hoch. Die Niederlande haben 29 Euro – für uns bei Ticketpreisen von 45 bis 55 Euro unmöglich. Länder wie Polen, Ungarn und Italien haben gar keine Luftverkehrssteuer, Schweden hat sie abgeschafft. Dazu kommen Sicherheitsgebühren: In Deutschland bis zu 15 Euro, in andere Länder ein Drittel davon. Die Flugsicherungsgebühren sind seit Corona dreimal so hoch wie vorher. Wenn dann noch Flughäfen wie Stuttgart mit hohen Entgelten hinzukommen, ist eine Zusammenarbeit kaum möglich. Während Stuttgart bei 75 Prozent des Vor-Corona-Niveaus liegt, hat Karlsruhe/Baden-Baden beispielsweise 149 Prozent erreicht – Ryanair ist dort größter Kunde und Wachstumstreiber.
Der Flughafen Stuttgart muss wirtschaftlich arbeiten. Ist das Geschäftsmodell von Ryanair nur mit deutschen Regionalflughäfen vereinbar?
Marcel Pouchain Meyer: Wir sind nicht allein mit dieser Einschätzung. Lufthansa engagiert sich verstärkt in Italien, EasyJet zieht sich aus Berlin zurück, British Airways reduziert Strecken nach London – auch ab Stuttgart. Das zeigt: Es ist ein strukturelles Problem in Deutschland. Als größte Airline Europas mit 643 eigenen Flugzeugen können wir unsere Kapazitäten dorthin verlagern, wo die Rahmenbedingungen stimmen.
Das Thema Luftverkehr spielte im Landtagswahlkampf kaum eine Rolle. Fehlt das politische Bewusstsein?
Marcel Pouchain Meyer: Ja, das bedauern wir. Die Bedeutung des Flughafens wird unterschätzt. Stuttgart liegt signifikant unter Vor-Corona-Niveau, andere Flughäfen deutlich darüber. Ein weiterer Punkt: Für vierköpfige Familien werden Flüge immer teurer. Der Flughafen Stuttgart braucht ein ausgewogenes Portfolio inklusive Low-Cost-Carrier, um Flugreisen für alle Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Das ist uns als Ryanair ein wichtiges Anliegen.
Ryanair war bereits in Stuttgart und transportierte im ersten Jahr 100.000 Passagiere. Warum sind Sie gegangen?
Marcel Pouchain Meyer: Die Preise sind gestiegen. Bei bilateralen Vereinbarungen konnten wir uns nicht mehr einigen. Wir hatten sogar eine Basis mit stationierten Flugzeugen – das bedeutete Arbeitsplätze für Piloten und Kabinenpersonal.
Welche Ziele wären ab Stuttgart denkbar, wenn die Konditionen stimmen?
Marcel Pouchain Meyer: Typische Sommerziele wie Palma de Mallorca und Malaga. Italien ist stark in unserem Programm, etwa Trapani und Lamezia Terme. Stuttgart braucht aber vor allem Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zu europäischen Hauptstädten – dafür sind wir prädestiniert. Wir haben der Bundesregierung einen konkreten Wachstumsplan vorgelegt: Verdopplung unserer stationierten Flugzeuge von 30 auf 60, das Passagieraufkommen würde von 17 auf 34 Millionen steigen. Der Flughafen Stuttgart könnte dabei eine strategisch wichtige Rolle spielen – wenn die Rahmenbedingungen passen.
Person
Marcel Pouchain Meyer ist bei Ryanair „Head of Marketing & Communications DACH“- also für die Region Deutschland, Österreich und Schweiz. Er arbeiten seit rund 1,5 Jahren für die Airline. Der 30-Jährige leitete zuvor unter anderem die Kommunikation bei Roche Diagnostics und Dentsply Sirona in Deutschland. Sein Fokus liegt auf Medienarbeit, Marketing und strategischer Unternehmenskommunikation.
Airline
Ryanair gilt als einer der Wegbereiter für Billigfluglinien, die aber für sich die Bezeichnung Low-Cost-Carrier vorziehen. Die Fluglinie hatte in der Vergangenheit bereits eine Basis am Stuttgarter Flughafen, hat das Engagement aber unter Hinweis auf die Kosten wieder beendet.