Forum am Schlosspark Ludwigsburg als Ort für Stuttgarter Ersatz-Oper wieder im Gespräch
Für 224 Millionen Euro soll im Stuttgarter Norden ein Neubau entstehen. Doch die Lösung der Opern-Finanzierungsprobleme könnte auch in Ludwigsburg liegen.
Für 224 Millionen Euro soll im Stuttgarter Norden ein Neubau entstehen. Doch die Lösung der Opern-Finanzierungsprobleme könnte auch in Ludwigsburg liegen.
Die Oberbürgermeister von Stuttgart und von Ludwigsburg, Frank Nopper (CDU) und Matthias Knecht (parteilos), haben das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst um ein dringendes Gespräch nach der Landtagswahl gebeten: Sie wärmen den alten Vorschlag auf, das Forum am Schlosspark in Ludwigsburg als Opern-Interimsspielstätte für die Zeit der Sanierung des Littmannbaus im Schlossgarten zu nutzen. Diese Interim soll eigentlich in der Maker-City bei den Wagenhallen am Nordbahnhof gebaut werden. Ein Sprecher von Ministerin Petra Olschowski (Grüne) sagte, ob sich das Forum eigne, könne derzeit nicht beurteilt werden.
Stuttgart und Ludwigsburg sind in finanzieller Not: Ein Verzicht auf die Ersatzoper würde die Landeshauptstadt Geld sparen, Ludwigsburg könnte Unterstützung für die geplante zeitnahe Rundumsanierung des maroden Forums durch das Land gebrauchen – und als Gegenleistung Oper und Ballett für viele Jahre Asyl gewähren.
Stuttgarts Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) bestätigte auf Anfrage unserer Zeitung ein Gespräch zwischen den Stadtoberhäuptern. Er zeigte sich sehr zurückhaltend und betonte, die Initiative sei von Ludwigsburg ausgegangen. Städte und Land müssten die Plausibilität prüfen. Er sehe derzeit aber keine Veranlassung, die Planung für die Interimsoper am Nordbahnhof zu unterbrechen oder gar in Frage zu stellen.
Die Anforderungen an ein Opernhaus seien komplex. „Dafür taugt nicht jeder Saal.“ Mayer gibt zudem zu bedenken, dass sich die Stadt nicht nur hälftig an den Kosten für die Infrastruktur der Staatstheater in Stuttgart beteiligt, sondern auch am Betrieb. Diesen zu finanzieren, während die Musik in der Nachbarstadt spiele, sei nicht darstellbar. Ins gleiche Horn stößt der Geschäftsführende Intendant der Württembergischen Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks. Er fragt, was wohl der Stuttgarter Gemeinderat dazu sagen würde, in den zehn Jahren des Interims rund 500 Millionen Euro für den hochwertigen Spielbetrieb in Ludwigsburg hinlegen zu müssen. Hendriks wurde vom Plan überrascht, das Gastspieltheater als Ersatzoper zu nutzen. Er hätte gedacht, diesen hätte man vor zehn Jahren erfolgreich wegen der zu geringen Platzkapazitäten für die Belegschaft abgeräumt – von der Bühnentechnik ganz zu schweigen.
„Das Thema des Forum am Schlosspark als Interimsspielstätte der Stuttgarter Oper ist eine Idee der Stadt Ludwigsburg. Es betrifft die Zeit nach der Generalsanierung unserer Veranstaltungsstätte ab 2032. Es handelt sich um einen Lösungsweg, der in Zeiten knapper kommunaler Kassen und zunehmender interkommunaler Zusammenarbeit durchaus naheliegt, jedoch erst einer näheren Prüfung bedarf“, sagt ein Sprecher der Stadt Ludwigsburg auf Anfrage. Alle Beteiligten würden bald Gespräche führen. Aus deren Sicht sei das Vorhaben lukrativ und deshalb nachvollziehbar, sagt Intendant Hendriks.
Das Forum am Schlosspark in Ludwigsburg ist eines der drei größten Kultur- und Kongresshäuser in Baden-Württemberg. Es hat einen Theatersaal mit 1248 Plätzen, einen Bürgersaal für bis zu 1400 Gäste, Seminarräume und Foyers. Es wurde 1988 eröffnet – und ist in einem schlechten baulichen Zustand. Die Stadt ist finanziell ähnlich klamm wie Stuttgart, der Gedanke an eine Mitfinanzierung für ein Opern-Interim liegt daher nahe.
Doch es gibt Haken. Der Standort war vor Jahren bereits als Ausweichquartier untersucht worden, wenn auch oberflächlich. Zu kleiner Backstage-Bereich, keine Anbaumöglichkeit, kein Platz für 1000 Opern-Beschäftigte und eine schwierige Anlieferung. Die Mängelliste war so lang, dass man nicht darüber hinwegsehen wollte. Womöglich führen allseits leere Kassen nun aber zu einer neuen Sichtweise.
OB Frank Nopper hat gute Gründe, sich Alternativen nicht zu verschließen: Die Sanierung des Opernhauses und die Interims-Spielstätte im Stuttgarter Norden drohen finanziell aus dem Ruder zu laufen. Die Landeshauptstadt hatte zuletzt mit der Verabschiedung des Doppelhaushalts 2026/2027 bei dem 1,8-Milliarden-Euro-Reizthema eine Einsparung beim Opern-Interim (bisher bei 224 Millionen) von 20 Prozent beschlossen.
Auf den einseitigen Sparbeschluss des Gemeinderates hat Olschowski bisher öffentlich nicht reagiert, auch der Opern-Verwaltungsrat als zentrales Entscheidungsgremium hat sich damit noch nicht befasst. Womöglich braucht er das aber auch nicht mehr, wenn die Lösung in Ludwigsburg läge.
Stefan Conzelmann, Sprecher der Fraktion SPD/Volt im Gemeinderat, hatte in dieser Woche in einem Ausschuss des Rates die Gretchenfrage gestellt: „Nur für den Fall des Worst-Case, was wäre, wenn die neue Landesregierung die Interimsoper absagen würde?“, fragte der Genosse mit Blick auf die Entwicklung der sogenannten Maker City. Das Brachgelände schießt an das Kulturquartier Wagenhallen an, es ist im Zusammenhang mit dem Bahnprojekt Stuttgart 21 frei geworden. Hier will die Stadt beispielhaft Wohnen und Arbeiten zusammenbringen. Die Interimsoper mit 1200 Sitzplätzen sollte der wesentliche Anker im Gebiet werden. Das Gebäude wird vom Stuttgarter Büro a+r Architekten mit NL Architects(Amsterdam) und der Projektgesellschaft Württembergische Staatstheater (ProWST)geplant.
Bereits vor der neuerlichen Einsparvorgabe von rund 45 Millionen Euro hatte der Verwaltungsrat Mitte 2025 einen Einsparauftrag zum Interim an ProWST gegeben. „Wir kümmern uns um diesen und haben Sparpotenzial erkannt. Bei der Interimsoper werden wir die Geschossfläche um rund 40 Prozent reduzieren und damit mehr als die Fläche von zwei Fußballfeldern einsparen. Das Interim muss einfacher und kleiner werden“, sagt ProWST-Sprecherin Andrea Goletz auf Anfrage. Überlegungen, auf den Neubau zu verzichten, seien der Projektgesellschaft nicht bekannt.
Die von der Stadt geforderten Einsparungen stellen, so heißt es im Hintergrund, einen adäquaten Betrieb in Frage, denn die bisher geplanten 1200 Zuschauerplätze (die Oper hat heute 1400) müssten auf um die 1000, vielleicht sogar darunter fallen. Das hat mit Vorgaben zur Entfluchtung und dem Brandschutz zu tun; mehr Geschossfläche bedeutet mehr Verkehrsfläche, mehr Treppenhäusern und Umgänge und damit höhere Kosten.
Die Frage sei allerdings, wo für die Staatsoper als Nutzer die Schmerzgrenze liege, ist zu hören. Die Sorge ist, dass ein zehnjähriges Interim mit eingeschränktem Betrieb in einem kleinen Haus oder weit außerhalb den guten Ruf der Oper nachhaltig ruinieren könnte. Bühnenstars und wichtiges Personal könnten abwandern.