Tausende Menschen haben am Freitag in Stuttgart gegen Aufrüstung und Wehrpflicht demonstriert. Prominenteste Rednerin war die evangelische Theologin Margot Käßmann.
Unter dem Motto „Nie wieder kriegstüchtig! Stehen wir auf für Frieden“ hat ein breites Bündnis aus mehr als 500 Friedensinitiativen und -organisationen am Tag der Deutschen Einheit in der Stuttgarter Innenstadt gegen Militarisierung, Hochrüstung und Wehrpflicht demonstriert. Tausende von Menschen sind dem Aufruf des Veranstalters gefolgt und haben sich an den Protesten beteiligt.
Schon vor 13 Uhr drängten am Freitagnachmittag die Demonstranten auf den Stuttgart Schlossplatz. Darunter auch Familien mit Kindern und viele junge Menschen. Nach der Auftaktkundgebung setzte sich gegen 14.30 Uhr ein kilometerlanger Demonstrationszug über Planie, Hauptstätter Straße, Wilhelmsplatz, Olgastraße und Charlottenplatz in Marsch. Das führte zeitweise zu Verkehrsbehinderungen auf dem City-Ring.
Laut dem Veranstalter, dem Friedensnetz Baden-Württemberg, beteiligten sich mindestens 15 000 Protestierende an der Demonstration. Die Teilnehmer zeigten Transparente wie „Friedensfähig statt kriegstüchtig“ oder „Verhandeln statt schießen“. Viele Proteste richteten sich gegen höhere Verteidigungsausgaben und Aufrüstung, wie sie aktuell die Bundesregierung angesichts der verschärften geopolitischen Sicherheitslage anstrebt.
Drohende Rückkehr zur Wehrpflicht löst Ängste aus
Vor allem die drohende Rückkehr zur Wehrpflicht löst bei vielen Menschen offenbar konkrete Ängste aus. So wie bei der 30-jährigen Karim: „Die ganze Bevölkerung und vor allem die jungen Leute sollen aktuell auf einen Krieg eingestellt werden“, betont die junge Frau. „Vielen ist gar nicht klar, welcher Gefahr sie damit entgegengehen.“ Sie sehe in der Wehrpflicht und der Hochrüstung ein Schritt zur Eskalation, jedoch nicht zum Frieden. Ins selbe Horn stößt Patrick Hohner aus Stuttgart. Er fürchtet, „dass ein Krieg uns alle betreffen würde“. Jüngere, Ältere und auch Frauen würden wahrscheinlich eingezogen werden, glaubt er. Er kritisierte deshalb die Tendenz zur Militarisierung scharf.
Die 44-jährige Petra, auch sie will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, hat am Freitag auch ihren zwölfjährigen Sohn mit auf den Schlossplatz genommen. Sie hält ein selbst bemaltes Schild mit der Aufschrift „Unsere Kinder bekommt ihr nicht“ in die Höhe. Sie glaubt, dass ihr Sohn in wenigen Jahren Wehrdienst leisten muss. „Ich hätte nicht gedacht, dass das wieder kommt“, sagt sie. Dabei helfen, die Bundeswehr wieder zur „konventionell stärksten Armee Europas“ zu machen, wie es Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei seiner Regierungserklärung angekündigt hatte, wolle sie auf keinen Fall.
Neben dem Ukrainekrieg stand bei den Kundgebungen vor und nach dem Demonstrationszug der Gaza-Konflikt im Mittelpunkt der Redebeiträge. Dabei wurden auch immer wieder isrealkritische Positionen vertreten.
Prominenteste Rednerin war die evangelische Theologin Margot Käßmann
Zu den Unterstützern der mit 10 000 Teilnehmern angekündigten Demonstration gehören lokale und bundesweite Friedensinitiativen, Bündnisse gegen die Wehrpflicht, Jugendverbände sowie Parteien und Gewerkschaften. Zeitgleich zur Stuttgarter Demonstration fand unter demselben Motto eine Großdemonstration in Berlin statt.
Zentrale Forderungen des Bündnisses in Stuttgart und Berlin sind unter anderem ein Nein zur angekündigten Wehrpflicht, ein Stopp der Waffenlieferungen nach Israel und in die Ukraine, keine Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland sowie ein Asylrecht für internationale Kriegsdienstverweigerer.
Prominenteste Rednerin in Stuttgart war die evangelische Theologin Margot Käßmann, die bei der Abschlusskundgebung auf dem Schlossplatz das Wort ergriff: Sie kritisierte scharf, dass die Bundesregierung gezielt Kriegsangst schüre und sprach in Bezug auf die angekündigte Rückkehr zur Wehrpflicht, von einer „Kriegsdienstplicht“. Sie betonte auch, dass Judenhass und Antisemitismus mit der Friedenbewegung nicht vereinbar sei.