Die Wände sind gefliest und gestrichen, das Stromnetz ist erneuert, die Decke abgehängt. Viel weiter kam Fatih Yildizeli in seinem Lokal an der Stuttgarter Eberhardstraße nicht. „Wir sind bald für Sie da!“, lautet zwar die Ankündigung für das Loqma Churros im Fenster. Aber das städtische Baurechtsamt verhängte für die Neueröffnung einen Baustopp. Neben Zementsäcken, Farbeimern und Blechrohren steht seine Instagram-taugliche Wanddekoration noch in Folie gehüllt mitten im Raum. „Diet always starts tomorrow“, lautet der Slogan für Loqma Churros. Fatih Yildizeli wartet seit Monaten auf eine Nachricht von der Stadt und zahlt derweil Tausende von Euro für Pacht und andere Kosten, ohne Einnahmen zu haben – wie viele andere Gastronomen.
Hilfsangebote übers Internet für Loqma Churros
„Was ist los?“, wird der 39-Jährige immer wieder gefragt. Über Instagram erhielt er sogar Hilfsangebote für die Fertigstellung seines Cafés, damit er es endlich aufmacht. Neben dem andalusischen Spritzgebäck sollen in der Eberhardstraße die in Südosteuropa äußerst beliebten Hefeteigbällchen Lokma angeboten werden. „Es belastet mich sehr“, sagt Fatih Yildizeli. Im Januar unterschrieb er den Mietvertrag, der die Genehmigung für den Umbau der Räume zu einer Schank- und Speisewirtschaft enthielt. Beim Antrag für den Einbau der dafür notwendigen Lüftungsanlage stellte sich heraus, dass die vom Eigentümer eingereichten Skizzen des Gebäudes falsch waren – und die Behörde verhängte einen Baustopp. Die Frist für die Bearbeitung der korrigierten Unterlagen, die am 7. November endete, ließen die Beamten einfach verstreichen.
„Coming soon!“, heißt es auch schon seit einem Jahr in der Nadlerstraße 19. „Freut euch auf superleckeres Eis und Schokolade“, steht auf der Ankündigung für Kesselglück. Über die Warteschleife will der Betreiber aber nicht reden, über das Café sollen nur gute Nachrichten geschrieben werden. An der Ecke zwischen König- und Eberhardstraße sucht Block House seit Monaten mit Plakaten nach Personal für die Filiale im neuen Hofbräu-Eck, doch der Einzug ist von November auf den Spätsommer verschoben worden. Weitere Fragen beantwortet die Hamburger Unternehmenszentrale ebenfalls nicht. Zuvor soll sich die Ulmer Hausbrauerei Barfüßer für den Standort interessiert, sich allerdings nach einem langwierigen Genehmigungsverfahren zurückgezogen haben. Der Geschäftsleitung sei keine Stellungnahme möglich, teilt die Firma mit.
Fünf Fälle mit übertrieben langen Verfahren
Jochen Alber sind aktuell mindestens fünf Fälle bekannt, in denen sich das Verfahren „übertrieben“ in die Länge zieht. Aus Angst, gegenüber dem Amt noch schlechtere Karten zu haben, gingen die Gastronomen damit ungern an die Öffentlichkeit, sagt der Geschäftsführer des baden-württembergischen Hotel- und Gaststättenverbands. Als ausgestandenes Beispiel nennt er Cupcakes & Bagels am Hölderlinplatz: Dessen Betreiberin Tihana Canjuga musste wegen einer Nutzungsänderung von einer Bäckereifiliale in ein Café ein Jahr ausharren. „Die Verfahrensdauer in Stuttgart ist deutlich zu lang“, sagt Jochen Alber, häufig sei sie sogar doppelt so lang wie vorgeschrieben. In ganz Baden-Württemberg sei Stuttgart ein Sonderfall. „Hochmotivierte Gastronomen werden durch die Behörden ausgebremst“, kritisiert er – und nicht alle hätten für diese Durststrecke genug Liquidität. Er hofft auf Besserung durch eine Lotsenstelle, die bei der Wirtschaftsförderung geschaffen werden soll.
Stadtverwaltung schiebt den Schwarzen Peter weiter
Die Stadtverwaltung führt den Personalmangel als Erklärung an: Frei werdende Stellen im Baurechtsamt könnten zum Teil erst nach mehrmaligen Ausschreibungen besetzt werden und die anderen Mitarbeiter nicht alles durch Überstunden ausgleichen. Die Behörde reicht den Schwarzen Peter auch an die Antragssteller weiter, weil es oft Monate dauere, bis der Bauantrag vollständig sei, alle Nachweise, Gutachten oder Stellungnahmen anderer Behörden beisammen seien, oder bis er überhaupt genehmigungsfähig sei. „Die Fristüberschreitung entsteht somit, um dem Bauherrn eine Abweisung zu ersparen“, erklärt die Stadt. Zudem würde es gerade bei der Innenstadtgastronomie mehr Zeit in Anspruch nehmen, mögliche Konflikte mit Anwohnern zu klären.
„Ich denke positiv“, sagt Fatih Yildizeli. Er hat sogar Verständnis für die Überschreitung der Frist für seinen Fall, seit ihm ein Sachbearbeiter berichtete, dass sich 90 Anträge auf seinem Schreibtisch stapelten. Obwohl er möglicherweise Schadenersatz vom Hausbesitzer bekommen könnte, wartet er lieber weiter. „Wenn ich jetzt aufgebe, habe ich gar nichts“, sagt Fatih Yildizeli, „und Loqma Churros wird richtig gut.“