Deutsche Gasspeicher fallen erstmals unter 30 Prozent, in Bayern ist die Lage besonders schlecht. Während Behörden beschwichtigen, laufen bereits erste Gegenmaßnahmen.

Die Gasspeicher in Deutschland haben am 5. Februar 2026 erstmals die 30-Prozent-Marke unterschritten – so wenig wie noch nie zu diesem Zeitpunkt und weit unter dem Niveau der Vorjahre. In der Nacht auf Freitag, den 13. Februar wird voraussichtlich auch die 25-Prozent-Schwelle gerissen. Wie geht es dann weiter - und wie knapp sind die Vorräte wirklich?

 

Wegen der Kälte in Nord- und Ostdeutschland ging der Füllstand Anfang Februar jeden Tag um etwa ein Prozent zurück. Dies obwohl die von Bundeskanzler Merz berufene Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vor Kurzem noch mitteilen ließ, dass die täglichen Importe dank LNG eigentlich höher seien als der Verbrauch. 

LNG-Terminal auf Rügen durch Ostsee-Eis blockiert

Weiteres akutes Problem: Aufgrund von Vereisung und niedrigem Wasserstand in der Ostsee könnte die Kapazität einiger LNG-Terminals in Gefahr sein. So wurde am 8. Februar gemeldet, dass die Anlage auf Rügen blockiert war. Ein Tanker befand sich in Warteposition.

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Leere Gasspeicher in Bayern

Besonders dramatisch ist die Lage in Bayern. Die fünf Erdgasspeicher im Freistaat sind im Schnitt nur zu 20,3 Prozent gefüllt. Der Speicher Wolfersberg bei München weist sogar nur 4,4 Prozent auf, ist praktisch leer. Auch in Breitbrunn am Chiemsee (15,5 Prozent) und Inzenham-West bei Rosenheim (17,1 Prozent) sieht es kaum besser aus.

Ebbe im Gasspeicher Wolfersberg nahe München. Foto: picture alliance/dpa

Kaum Gasspeicher in Baden-Württemberg

„Das System fährt am Rande der Belastungsgrenze“, warnt Sebastian Heinermann von der Speicherinitiative INES. „Die Vorsorge vor dem Winter war unzureichend.“ In Baden-Württemberg gibt es unterdessen aus geologischen Gründen kaum größere Gasspeicher.

Die wichtigsten Anlagen Deutschlands befinden sich in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – und sollen bei Bedarf auch Süddeutschland und die dortige Industrie mit versorgen. Es muss davon ausgegangen werden, dass dieser Fall Ende Februar oder Anfang März eintritt.

Porenspeicher leiden unter Gaspreis-Verzerrung

Die Probleme in Bayern haben strukturelle Ursachen: Die dortigen Porenspeicher können nur langsam befüllt und entleert werden. Zudem fehlen seit dem Ende der russischen Gaslieferungen wirtschaftliche Anreize zum Einspeichern, da der Sommer-Winter-Preisunterschied teils negativ war.

Die Betreiber in Breitbrunn und Wolfersberg haben mangels Nachfrage am Markt bereits Stilllegungsanträge gestellt, denen die bayrische Staatsregierung jedoch nicht entsprechen will. Händler setzen dagegen auf andere Speicherarten, die schneller befüllt und entleert werden können.

Füllstand Ende März bestenfalls bei 15 Prozent

Ein besonderes Risiko stellen die historisch niedrigen Speicherstände in Bayern mutmaßlich für das gesamte Gasnetz dar. Wie Capital berichtet, rechnen die Ines-Experten damit, dass die Speicher zum Ende des Winters selbst bei normalen Temperaturen nur noch zu durchschnittlich 15 Prozent gefüllt sein dürften – ein beispielloser Tiefstand.

Ex-Umweltsenator Vahrenholt ( SPD) betätigt sich im Ruhestand als Buchautor und Mahner in Sachen Energiepolitik. Foto: IMAGO/argum

Zu wenig Druck für Gas im Pipeline-System?

„So tief abgesackt waren die Reserven noch nie, entsprechend fehlen Erfahrungen, ob derart niedrige Speicherstände Auswirkungen auf den nötigen Druck im Pipelinesystem und die Gasflüsse von Norden nach Süden haben könnten“, schreibt das Magazin Capital. In der Gasbranche spricht man bereits von „unbekanntem Territorium“, das nun betreten wird.

Gewarnt hatte unter anderem der ehemalige Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt (SPD), der die aktuelle Energiepolitik kritisch begleitet und von Gegnern als „Klimawandelleugner“ bezeichnet wird. Man darf gespannt sein, ob sich seine Kassandra-Warnungen diesen Winter teilweise bestätigen. Von möglichen Drosselungen betroffen wären im Ernstfall zunächst Industrie- und Gewerbekunden – mit entsprechenden wirtschaftlichen Folgen.

Gasspeicher in Deutschland (Liste)

  • Allmenhausen
  • Bad Lauchstädt
  • Bernburg
  • Bierwang
  • Breitbrunn
  • Bremen-Lesum
  • Empelde
  • Epe
  • Eschenfelden
  • Etzel
  • Frankenthal
  • Fronhofen
  • Hähnlein
  • Harsefeld
  • Huntorf
  • Inzenham
  • Jemgun
  • Kalle
  • Kirchheiligen
  • Kraak
  • Krummhörn
  • Nüttermoor
  • Peckensen
  • Peißen
  • Reckrod
  • Rehden
  • Reitbrook
  • Rönne
  • Rüdersdorf
  • Sandhausen
  • Schmidhausen
  • Staßfurt
  • Stockstadt
  • Uelsen
  • Wolfersberg
  • Xanten

Gasspeicher in Österreich besser gefüllt

Die Behörden geben sich dennoch betont gelassen. Energieministerin Reiche ist „überzeugt, dass wir gut durch diesen Winter kommen“. Man verweist auf neue LNG-Terminals und die Verbindung zu österreichischen Speichern, die Anfang Februar noch 40 Prozent Füllstand hatten. Der Speicher Haidach-Straßwalchen in der Nähe des Chemie-Clusters Burghausen befindet sich auf österreichischem Territorium, war früher aber nur an das deutsche Netz angeschlossen. Inzwischen ist er auch mit österreichischen Leitungen verbunden. Er liegt 1600 Meter unter der Erde und gilt als zweitgrößter in Mitteleuropa.

Etwas beunruhigend wirkt jedoch, dass das staatliche Unternehmen Trading Hub Europe (THE) als sogenannter „Marktgebietsverantwortlicher“ in ganz Deutschland bereits Sonderausschreibungen für zusätzliche Gasmengen ab Mitte Februar gestartet hat – ein „notwendiger Eingriff in den Markt“, so Branchenvertreter.

Wirtschaftliche Anreize oder Notfallreserve für Gas?

Für die Zukunft werden verschiedene Modelle diskutiert: Eine strategische Gasreserve wie beim Erdöl oder das französische System, bei dem Speicherbetreiber eine Renditegarantie erhalten, finanziert über die Netzentgelte. Damit füllen sich die Speicher im staatsinterventionistisch organisierten Frankreich stets zuverlässig, die zusätzlichen Kosten tragen allerdings die Verbraucher.

Wenn der Winter vorbei ist, muss Energieministerin Reiche erklären, wie sie sicherstellen will, dass die Speicher – vor allem in Bayern – künftig ausreichend befüllt werden sollen. Denn Strom kommt bekanntlich nicht von allein aus der Steckdose, und Gas nicht aus der Leitung.