Die Gasreserven in Deutschland sind auf einem historischen Tief. In welchen Fällen drohen staatliche Eingriffsmaßnahmen – und was ist das „Bundeskrisenteam Gas“?
Der Füllstand der Gasspeicher in Deutschland sinkt weiter rapide: Am Wochenende 21./22. Februar wird das Niveau voraussichtlich unter 20 Prozent sinken. Erst am Freitag, 13. Februar 2026, war die 25 Prozent-Schwelle unterschritten worden, und am 5. Februar ein Pegel von 30 Prozent.
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Es sind Werte, die es so niedrig noch nie gab. Beobachter zeigen sich zunehmend beunruhigt, zumal auch das importierte LNG-Gas wegen einer Kältewelle in den USA immer teurer wird. Vor Rügen musste ein Eisbrecher in der zugefrorenen Ostsee den Weg für Gastanker frei machen. Dennoch schätzt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) das Risiko für einen Gasmangel derzeit offiziell als "gering" ein.
Die Speicher dürften sich in den nächsten Wochen auch wegen allmählich milderer Temperaturen langsamer leeren und bis zum Ende der Heizperiode am 30. März ausreichen, sagen Experten. Anders als in sozialen Medien behauptet, ist bei der Gasversorgung bislang keine Alarmstufe in Kraft getreten. LNG-Gas sei ausreichend verfügbar, und die Marktpreise zeigten keinerlei Verknappung, heißt es von Seiten der Bundesnetzagentur.
Der Verein des Gas- und Wasserfaches e.V. (DVGW) gibt die Reichweite der deutschen Gasseicher sogar im negativsten Szenario mit einem ständig aktualisierten Online-Tool auf über 50 Tage an. Man kann auf der Seite auch mit selbst festgelegten Werten experimentieren.
Notfallplan Erdgas ab 20 Prozent?
Dennoch ist es für eine gute Krisenvorsorge unerlässlich, klare Regeln für den Fall einer Versorgungsstörung zu haben. Hierfür gibt es in Deutschland den Notfallplan Erdgas, der auf europäischen Vorgaben basiert und das Vorgehen in drei Eskalationsstufen regelt: die Frühwarnstufe, die Alarmstufe und die Notfallstufe.
Doch was genau passiert in der Alarmstufe (Stufe II), die auf die seit Herbst 2025 geltende Frühwarnstufe folgend könnte – und bei wieviel Prozent wird sie ausgerufen?
Was ist die Alarmstufe in der Gasversorgung?
Die Alarmstufe greift nur dann, wenn eine Störung der Gasversorgung oder eine außergewöhnlich hohe Nachfrage vorliegt, die die Versorgungslage erheblich verschlechtert. Feste Prozentvorgaben gibt es dabei allerdings nicht, vieles ist politische Ermessenssache.
Mahnende Stimmen weisen gleichzeitig darauf hin, dass die Ausspeisung von Gas aus den Speichern womöglich bereits bei 20 Prozent Füllstand aus physikalischen Gründen schwieriger werden könnte. Bei diesem Wert handelt es sich allerdings nicht um eine feste Grenze, sondern um eine Art heuristischen Wert, der in den vergangenen Jahren wiederholt in der öffentlichen Diskussion aufgetaucht ist.
Die örtliche Nachfrage, der Gasdruck im Fernleitungsnetz sowie die Leistung von Verdichterstationen spielen für die Lage ebenfalls eine Rolle. Zudem wird zwischen "H-Gas" (hoher Energiegehalt) und "L-Gas" (geringerer Energiegehalt) unterschieden. Das ist im Detail sehr kompliziert und muss von Experten ständig neu bewertet werden. Die Ausspeisung aus Kavernenspeichern soll indes bis hin zu sehr niedrigen Füllständen weiterhin möglich sein - wenn auch mit reduzierter Kapazität.
Marktmechanismen in der Alarmstufe (2022-2025)
Das zentrale Merkmal der Alarmstufe ist jedenfalls, dass der Markt noch in der Lage ist, die Situation eigenständig zu bewältigen. Sie galt zum Beispiel ununterbrochen von 2022 bis Ende Juni 2025. In dieser Phase sind keine hoheitlichen Eingriffe durch den Staat (sogenannte „nicht-marktbasierte Maßnahmen“) vorgesehen.
Die Marktteilnehmer – also Gasversorgungsunternehmen und Netzbetreiber – nutzen ihre eigenen Instrumente, um die Störung auszugleichen. Die Regeln des europäischen Binnenmarktes gelten in dieser Phase uneingeschränkt weiter.
Wer entscheidet über die Ausrufung des Notfallplans?
Die Feststellung der Alarmstufe ist eine primär politische Entscheidung. Zuständig hierfür ist das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) von Katherina Reiche – Spitzname „Gas-Kathi“. Die Ausrufung erfolgt offiziell durch eine Presseerklärung. Auch regionale Engpässe wie zuletzt in Süddeutschland und speziell Bayern können dabei mitberücksichtigt werden.
Sobald die Gründe für die Alarmstufe wegfallen, hebt das BMWK diese durch eine Erklärung auf seiner Website wieder auf und bewertet dabei, ob ein Rückgang in den Normalbetrieb oder in die Frühwarnstufe erfolgt.
Die wichtigsten Indikatoren: Wann droht Gasmangel?
Es gibt eine Reihe von Indikatoren, die einzeln oder gemeinsam dazu führen können, dass das BMWK die Alarmstufe ausruft. Dazu gehören:
- Einspeisestörungen: Ein Ausbleiben oder eine gravierende Reduzierung von Gasströmen an wichtigen physischen Einspeisepunkten.
- Speicherfüllstände: Langanhaltend sehr niedrige Stände in den Erdgasspeichern.
- Infrastrukturausfälle: Längere technische Defekte an wesentlichen Leitungen oder Verdichteranlagen, sofern diese noch durch Redundanzen kompensiert werden können.
- Wetterextreme: Sehr hohe Nachfrage bei gleichzeitig extremen Wetterverhältnissen.
- Solidarität in Europa: Wenn ein direkt mit Deutschland verbundener EU-Mitgliedstaat um solidarische Gaslieferungen bittet.
Leere Gasspeicher in den Niederlanden
Wichtig ist: Die Krisenstufen müssen nicht zwingend nacheinander durchlaufen werden. Je nach Schweregrad kann auch sofort die Alarm- oder sogar die Notfallstufe festgestellt oder eine Stufe übersprungen werden. Es kommt zum Beispiel auch darauf an, wie sich die Füllstände regional verteilen. Wenn man davon ausgeht, dass mindestens zwei kritische Kriterien erfüllt sein müssten, ist die Ausrufung der Alarmstufe derzeit aber unwahrscheinlich.
Nur extreme Ereignisse könnten daran womöglich etwas ändern - etwa eine Kältewelle im März oder eine Kürzung der Gasimporte aus den Niederlanden, wo die Speicher noch leerer sind als in Deutschland. Aber auch dann wäre die Notfallstufe mit Drosselungen für die Industrie noch nicht zwingend erreicht. Wissenschaftler vom Forschungszentrum Jülich halten eine "reine Fokussierung auf die Gasspeicher" für "falsch".
Was passiert bei Ausrufung der Alarmstufe?
Sobald der Alarm ausgerufen wird, intensivieren sich die Maßnahmen der Marktakteure und die staatliche Beobachtung:
1. Eigenverantwortung des Marktes: Gasversorgungsunternehmen sind weiterhin verpflichtet, ihre Kunden (insbesondere die geschützten Kunden wie Privathaushalte) über marktbasierte Instrumente zu versorgen.
2. Maßnahmen der Netzbetreiber: Fernleitungs- und Verteilnetzbetreiber ergreifen technische Maßnahmen zur Systemsicherheit, wie die Optimierung von Lastflüssen oder den Abruf von Regelenergie.
3. Aktivierung eines Bundeskrisenteams: Spätestens jetzt tritt das „Bundeskrisenteam Gas“ zusammen, um das BMWK zu beraten und den Informationsaustausch zwischen Behörden und Unternehmen sicherzustellen.
4. Vorbereitung auf den Ernstfall: Bei der Bundesnetzagentur kann sich der Krisenstab konstituieren, um für eine mögliche Notfallstufe und die Rolle als „Bundeslastverteiler“ bereit zu sein. Das würde dann eine Drosselung für Industrie und Gewerbe mit sich bringen.
Die Alarmstufe ist also ein deutliches Signal für eine angespannte Lage, setzt aber weiterhin auf die Kräfte der Wirtschaft. Sie dient dazu, die Versorgung durch Kooperation und Markt-Instrumente zu stabilisieren, bevor als letzte Instanz („Ultima Ratio“) staatliche Zuteilungen in der Notfallstufe notwendig werden.
Quelle: Notfallplan Erdgas für die Bundesrepublik Deutschland