Herzliche Atmosphäre im Schwanen: Ella (links) und Raphaela bedienen Heike Neber und Julia Ihlenfeld. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Im Gasthaus Zum Schwanen in Kaltental kocht neuerdings eine Klasse der Bodelschwinghschule einen Mittagstisch. Das Projekt hilft den Schülern und den Gästen. Mehrere Lokale beschäftigen Menschen mit Behinderung. Es ist immer eine Win-Win-Situation.
Im Gasthaus Zum Schwanen gefällt es Ella und Raphaela besser als im Unterricht. „Wir müssen halt viel arbeiten“, sagt Ella. „Aber wir können die Kunden glücklich machen“, ergänzt Raphaela. In der von einem engagierten Verein wieder eröffneten Wirtschaft im Stuttgarter Stadtteil Kaltental kochen seit November sechs Schüler der Bodelschwinghschule jeden Donnerstag ein Mittagessen und bedienen die Gäste. „Für sie ist es Höchstleistung“, sagt die Sonderschullehrerin Ulrike Haag über den Einsatz der geistig behinderten Jugendlichen. Mit ihrer Kollegin Julia Spieth startete sie im November das aufwendige Projekt „für die Berufsfindung in einer realen Situation“. Es ist für alle Beteiligten ein Gewinn. „Die Kunden sind nett“, sagt Raphaela. Und die Gäste schwärmen von der herzlichen Atmosphäre in dem Lokal und darüber, dass es in Kaltental wieder einen Mittagstisch gibt.
Ein Arbeitsplatz für Menschen mit Einschränkungen
Gastronomie für einen guten Zweck hat sich bewährt – als Arbeitsplatz für Menschen mit Einschränkungen und als Ort der Begegnung. Im Rudolfs im Treffpunkt Rotebühlplatz finden seit mehr als zehn Jahren psychisch erkrankte Menschen eine Beschäftigung. „Die Arbeit macht Spaß und tut gut“, erklärt Isabell Enzmann den Einstieg des Rudolf-Sophien-Stifts in die Gastronomie. Zu ihrem Zuständigkeitsbereich gehört seit zwei Jahren auch der Libroom in der neuen Landesbibliothek. Die Gäste „erhalten in unseren Einrichtungen frisch zubereitetes Essen zu einem fairen Preis“, bringt sie die Win-Win-Situation auf den Punkt. Auch die beiden Stuttgarter Panino-Cafés des Vereins Lebenshilfe werden nach dem gleichen Prinzip betrieben. In Bad Cannstatt hat die Caritas vor fast vier Jahren im Firmenareal der Krefelder Straße das Casino K’23 für Mitarbeiter mit verschiedenen Behinderungen eröffnet.
Jeder Tisch hat seine eigene Farbe
Im Schwanen beginnt der Unterricht um 8.45 Uhr. Für einen Linseneintopf schnippelt die Bodelschwingh-Klasse Zwiebeln und Karotten, erst wird gekocht und jedes Mal auch ein Kuchen oder Kekse gebacken. „Wir haben heute Mittagstisch, möchten Sie etwas zu trinken?“, begrüßt die 18-jährige Ella dann die ersten Gäste. Für den Service haben Julia Spieth und ihre Kollegin spezielle Formulare entwickelt mit Bildern für Saft, Bier und Wein, sodass ihre Schülerin an der passenden Stelle einen Strich machen kann. Jeder Tisch hat seine eigene Farbe, damit Ella die Bestellungen den Gästen zuordnen kann. „Wo bleibt das Essen?“, ruft sie in die Küche ihren Mitschülern zu und lacht. Raphaela stellt derweil die georderten Getränke auf ein Tablett. Selbst zu bedienen, hat sich die 17-Jährige noch nicht getraut. „Gebt Bescheid, wenn es zu stressig wird“, sagt Ulrike Haag zu den Schülerinnen. Die beiden nicken und arbeiten konzentriert weiter.
Foto: Haasis
Seit bald 20 Jahren ist Markus Trump schon bei der Caritas in verschiedenen Lokalen wie dem geschlossenen Bohnencafé oder der früheren Lesbar in der Stadtbücherei beschäftigt. Sein Gesichtsfeld ist stark eingeschränkt, mit Lesen und Schreiben hat der 53-Jährige Schwierigkeiten. Im Casino K’23 belegt er Brötchen fürs Frühstück, schöpft Rinderroulade mit Spätzle oder Ratatouille mit Rosmarinkartoffeln auf die Teller, lässt Kaffee aus der Maschine, räumt die Tische ab. „Auf dem normalen Arbeitsmarkt wäre ich überfordert, da muss alles schnell gehen“, sagt er. Im Caritas-Casino werden zwar auch 100 des in den Neckartal-Werkstätten gekochten Mittagessens (6,50 Euro pro Portion) ausgegeben, aber in einem geschützten Rahmen und mit vergleichsweise vielen Kollegen. „Es ist klasse, dass es so etwas gibt“, sagt Markus Trump über seinen Arbeitsplatz, ihm gefällt besonders der Kontakt zu den Gästen: „Mir macht es hier viel Spaß.“
„Der Schwanen verbindet“ heißt der Verein zurecht, der die Gaststätte in Kaltental betreibt, findet Ulrike Haag. Die Mitglieder kaufen die Lebensmittel ein, regeln alles Finanzielle für den Mittagstisch der Bodelschwinghschule. „Für die Schüler ist das Projekt wahnsinnig gut“, sagt sie. Dadurch würden alle Schlüsselqualifikationen geschult, zum Beispiel Handlungen zu planen, was für Menschen mit einer geistigen Behinderung schwierig sei, oder die Emotionen bei Kritik zu kontrollieren. „Man erlebt sich als wirksam, wenn man so etwas machen darf“, ergänzt Julia Spieth, „das stärkt das Selbstbewusstsein.“ Vom Linseneintopf (7 Euro der Teller) werden an dem Donnerstag 35 Portionen verkauft, das ist „Oberkante“ für die Gruppe. „War’s recht?“ fragt Ella beim Abräumen. „Ja, danke schön“, sagt Julia Ihlenfeld, die schon mehrere Mittagspausen im Schwanen verbracht hat. „Es ist so nett, hier herrscht eine so tolle Atmosphäre“, lobt sie.