Prijanka Sharma serviert im Restaurant Indian Thali am Löwen-Markt authentische Gerichte ihrer Heimat. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle
In London oder Wien sind U-Bahn-Stationen und Unterführungen ein Ort für Cafés und Restaurants. In Stuttgart finden sich zwischen viel Leerstand auch kulinarische Überraschungen.
Der Ofen wirkt wie ein Ufo, das am falschen Ort gelandet ist: Mit seiner goldenen Kuppel, seinem tonnenschweren Gewicht und einem Preis von fast 25 000 Euro, wie es zumindest im Internet steht, passt er nicht richtig in den Untergrund. Unterm Rotebühlplatz hetzen die Menschen zur U- oder S-Bahn, ein Mann schreit seinen Unmut in die Welt hinaus, Jugendliche lungern herum.
Nur drei Minuten dauert es von der Bestellung bis zur fertigen Pizza, steht auf dem Schild vor dem Lokal, rot-weiß karierte Decken liegen bei Andiamore auf den Tischen. Es ist eines der wenigen Restaurants in Stuttgarts Unterführungen. Unter dem halben Dutzend findet sich dennoch der eine oder andere Geheimtipp wie etwa das in Weilimdorf versteckte Indian Thali.
Standort hat einen klaren Vorteil
„Draußen hätte man einen schöneren Ausblick“, sagt Sandro Hirschmann, „das wäre vielleicht gut.“ Andererseits arbeitet er schon seit Jahren im künstlichen Licht unter der Erde, und der Standort hat einen klaren Vorteil: „Unsere Pizza ist günstiger als oben an der Königstraße“, sagt der Betriebsleiter von Andiamore, das vor knapp einem Jahr eröffnete.
Neun Euro kostet die Margherita, jedes weitere Gemüse-Topping einen Euro, Belag aus Fleisch, Käse oder Fisch zwei Euro zusätzlich. Der Teig ist laut Sandro Hirschmann selbst hergestellt und ruht mindestens 24 und bis zu 48 Stunden. Die Soßen für die beiden Pastagerichte stammen ebenfalls aus seinem Topf sowie sämtliche Zutaten vom italienischen Großhändler, nur das Gemüse kommt aus der Region.
Gute Pizza aus dem Untergrund: bei Andiamore servieren Sandro Hirschmann und seine Mitarbeiter Pizza und Pasta. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Bei fast 500 Grad werden die Pizzen innerhalb von wenigen Sekunden gebacken. Firmengründer André Fleischer belegte in Italien einen Kurs bei einem Pizzabäcker, tüftelte lange, bis ihm sein Konzept schmeckte. Am Rotebühlplatz zeigt sich Stuttgart von seiner urbanen Seite – neben Andiamore befindet sich Earth Tokio, wo original japanische Nudelsuppen serviert werden. Ansonsten ist das Angebot in den rund 16 unterirdischen Haltestellen der Stadt spärlich. Am anderen Ende der S-Bahn-Station Stadtmitte gibt es in der Unterführung unter der Theodor-Heuss-Straße bei Pham „Asia Fresh Food“ nur gegen Barzahlung. Die günstigste Box mit gebratenen Nudeln mit Ei, Sojasprossen und Soße nach Wahl ist für 4,30 Euro zu haben.
Früher delikate Sandwiches, jetzt Leerstand
Am Eingang zur U-Bahn-Station Stadtmitte unterhalb der Königstraße servierte Rabia Yildirim 2023 für wenige Monate ihren hippen Philly Cheese-Sandwich. Wo Delikat drin war, herrscht jetzt Leerstand. Ein Obdachloser hat vor dem Laden sein Lager ausgebreitet. Beim Wikinger am Charlottenplatz sagen die Gäste abends bei aufkommenden Hunger zur Bedienung am Tresen: „Kannst du mir eine Pizza auftauen?“ Die Variante mit Salami kostet knapp zehn Euro. Und in der Arnulf-Klett-Passage können die Kunden beim neuen Imbiss Meister Bock ihre Currywurst auch im Sitzen essen.
Für Fans der indischen Küche lohnt sich die Fahrt an den Löwen-Markt in Weilimdorf: Seit 2018 bieten dort Deepak Sharma und sein Cousin Ravi Kant Hausmannskost aus dem Norden des Landes an. Thali ist der Name für eine Platte aus Edelstahl mit Einbuchtungen für verschiedene Gerichte, zum Beispiel Reis, Linsen-Dal, ein Curry, Joghurt und Salat. „Wir kochen so, wie wir auch selbst gerne essen“, sagt Deepak Sharma, der vor vielen Jahren als Student nach Deutschland kam.
„Indische Küche ist eine Leidenschaft“
Sein Ziel sei es immer gewesen, ein Restaurant zu eröffnen. Im Indian Thali stehen Klassiker wie Butter Chicken (13,90 Euro) oder Lamm Vinaloo (15,50 Euro) auf der Karte. Solche Gerichte gibt es für die deutschen Gäste, seine Landsleute sind mehr Auswahl gewohnt, wie es ein Thali bietet. „Indische Küche ist eine Leidenschaft“, sagt der Gastronom.
Manchmal träumt Deepak Sharma davon, aus dem Untergrund an die Oberfläche zu ziehen. Im 1985 gebauten Einkaufszentrum am Löwen-Markt sind viele Geschäfte geschlossen. Sein Lokal im Untergeschoss hat nur 35 Sitzplätze und ist noch fast so rustikal eingerichtet wie der Vorgänger Marktstüble. Die Cousins wollten sich das Risiko einer großen Investition ersparen, stießen zufällig auf das zur Verpachtung stehende Lokal in ihrer Nachbarschaft.
In der Unterführung war früher mehr los
Laufkundschaft verirrt sich trotz der Lage selten ins Indian Thali, „die Leute kommen gezielt, um bei uns zu essen“, sagt Deepak Sharma. Das Parkhaus ist für ihn ein größerer Vorteil als die Verbindung zur U-Bahn: Inder, die bei Bosch oder Mercedes-Benz beschäftigt sind, zählen zu seinen Stammgästen. Sie freuen sich auch über sein frittiertes Weizenbrot Chole Bature und das Amritsari Thali, das aus mit Kartoffeln gefüllten Fladenbroten und Kichererbsen besteht. „Wir sind versteckt, aber auffindbar“, sagt Deepak Sharma: Wer indisch essen möchte wie in Indien, der stoße früher oder später auf sein Lokal.
Sandro Hirschmann von Andiamore wünscht sich manchmal die alten Zeiten zurück, als er noch im Subway unterm Rotebühlplatz Sandwiches für Nachtschwärmer zubereitete. „Früher war hier die Hölle los“, sagt der Betriebsleiter. Von Freitag auf Samstag war das Lokal 24 Stunden am Stück geöffnet. Mittlerweile habe sich viel geändert, stellten sie seit der Eröffnung fest, Clubs und Bars auf der Theo-Heuss hätten geschlossen, um 20 Uhr ist jetzt auch bei Andiamore Feierabend.
Familien, die einkaufen waren, holen sich bei ihm eine Pizza, Berufstätige und Schüler kommen mittags, viele nehmen sich ihre Mahlzeit mit, setzen sich trotz der hübschen Tischdecken nicht an den Tisch – mit der dampfenden Pizza aus dem wuchtigen italienischen Ofen, der jedes Restaurant schmücken würde.
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