Im Bürogebiet Mittlerer Pfad in Weilimdorf gibt es viel Leerstand, der zum Teil dem Land zur Flüchtlingsunterbringung angeboten wird. Foto: Konstantin Schwarz
In Stuttgart-Weilimdorf werden dem Land für eine Erstaufnahmeeinrichtung immer neue Bürohäuser angeboten. Dort sind aber schon vergleichsweise viele Flüchtlinge untergebracht.
Konstantin Schwarz
16.05.2025 - 11:29 Uhr
Die Asylbewerberzahlen sind im Sinkflug. Im März fielen sie in Baden-Württemberg mit 922 unter die Monatsmarke von 1000, dazu kamen 1285 Flüchtlinge aus der Ukraine. Für den April nannte das Ministerium für Justiz und Migration 888 Zugänge, abgeschoben wurden 311. Ein Jahr zuvor waren 1973 Menschen ins Land gekommen. An den Plänen für eine große Erstaufnahmeeinrichtung des Landes (Lea) in Stuttgart ändert der Rückgang aber nichts.
Immer neue Angebote aus Weilimdorf
Bis zum 10. Oktober 2024 hatte das Land für den Bürokomplex Mittlerer Pfad 13 und 15 in Weilimdorf die letzten Unterlagen für eine Bauvoranfrage beigebracht. Seitdem prüft das Stuttgarter Baurechtsamt, ob aus dem Büro auf Dauer Wohnraum für bis zu 1300 Menschen werden kann. Das gilt auch für den potenziellen Standort Obertürkheim (Augsburger Straße 712, rund 600 Plätze).
Seit den ersten Meldungen über Pläne für eine Lea in Stuttgart werden Immobilienangebote an das Land herangetragen. Im Gebiet Mittlerer Pfad in Weilimdorf waren es bis April vier Angebote, die die sechs Häuser mit den Nummern 9, 13, 15, 19, 25 und 27 umfassten. Inzwischen sei das Gebäude Mittlerer Pfad 1 hinzugekommen, teilt Ministerin Marion Gentges (CDU) in ihrer Antwort auf eine Anfrage des Landtagsabgeordneten und Stadtrats Friedrich Haag (FDP) mit. Der warnt vor der Überforderung des Bezirks durch einen „XXL-Lea-Komplex“. Die Lea könnte zum beherrschenden Thema der Bürgerversammlung am 21. Juli in Weilimdorf (19 Uhr, Lindenbachhalle) werden. Vom 26. Mai an können Bürger online über die Plattform stuttgart-meine-stadt.de Themen festlegen.
Leerstand bei Büros wächst stadtweit
Das Land hat einen starken Fokus auf Weilimdorf. Dort hat sich seit der Coronapandemie ein erheblicher Leerstand entwickelt. Die Leerstandsquote bei Büros liegt laut dem Unternehmen Colliers International im ersten Quartal 2025 stadtweit bei 5,9 Prozent (Vorjahresquartal: 4,9 Prozent). Im Teilmarkt Weilimdorf stieg sie von Ende 2024 bis April 2025 von 53 000 auf 61 000 Quadratmeter, das entspricht in diesem Gebiet einer Quote von 13,1 Prozent. Während City-und Innenstadtlagen gesucht seien, habe der Leerstand an „peripheren Standorten“ zugenommen, sagt Alexander Rutsch, Associate Director bei Colliers Stuttgart. Die Eigentümer der Objekte böten die Häuser, die oft aus den 1970er bis 1990er Jahren stammen, für Umnutzungen an. Rutsch rechnet für dieses Jahr mit noch mehr leer stehenden Büros, die Marke könne stadtweit auf etwa 6,5 Prozent klettern. Von 2026 an sei dann wohl Besserung in Sicht – wenn sich konjunkturelle Risiken und strukturelle Prozesse wie Homeoffice abschwächten.
Sehr unterschiedliche Verteilung
Eine Lea würde den Stadtbezirk stark belasten, darauf haben Anwohner bereits hingewiesen. Wir stark die Bezirke schon belastet sind, zeigt eine Erhebung des Ministeriums, die die Zahl der jeweils untergebrachten Flüchtlinge ins Verhältnis zur Einwohnerzahl setzt. Nach Birkach (52 Flüchtlinge auf 1000 Einwohner), Möhringen (45), Plieningen (44) und Feuerbach (36) steht Weilimdorf hier zusammen mit Münster (34) an fünfter Stelle. Absolut gesehen wurden bisher 1104 Flüchtlinge in Weilimdorf untergebracht. Möglich wären 1225, denn so viel Plätze gibt es dort. Eine Lea mit 1300 Plätzen würde für Weilimdorf in Summe 75 Flüchtlinge auf 1000 Einwohner bedeuten.
So sind die Geflüchteten in Stuttgart verteilt. Foto: Yann Lange
Bei der Aufstellung – auch sie wurde von Friedrich Haag angefragt – fallen erhebliche Unterschiede auf. In Untertürkheim kommen neun Flüchtlinge auf 1000 Einwohner (absolut 145), in Botnang acht (105), in Vaihingen fünf (213), im Süden vier (191), im Westen drei (146), in Wangen zwei (15), und im Osten nur einer (68). Die Zahlen mit Stand 31. Dezember 2024 sind eine Momentaufnahme, große Änderungen in kurzer Zeit unwahrscheinlich.
2677 freie Plätze in Unterkünften
Die Verteilung hat nicht mehr viel mit dem „Stuttgarter Weg“ gemein, den die Stadt seit Jahrzehnten bei der Flüchtlingsunterbringung propagiert. Er beschreibt die dezentrale Unterbringung von Geflüchteten und die Verteilung „möglichst auf alle Stadtbezirke proportional anteilig zur Gesamtbevölkerung“. Davon ist man angesichts der enormen Spreizung ein ganzes Stück entfernt.
Um teure Hotelunterbringungen mit 2364 belegten Plätzen aufgeben zu können, plant die Stadt den Bau weiterer eigener Unterkünfte. Dabei sind die bisherigen Kapazitäten nicht ausgeschöpft. Ende 2024 waren 10 251 Flüchtlinge untergebracht, Stuttgart hatte 12 928 Plätze zur Verfügung. Eine Auslastung von 85 Prozent bedeute „in der Realität Vollauslastung“, so ein Stadtsprecher auf Anfrage, weil Plätze zwischendurch aus verschiedenen Gründen nicht genutzt werden könnten. Außerdem brauch man für nicht vorhersehbare Situationen Reserven.