Große Einschränkungen befürchtet Böblingen unter Druck durch Pfaffensteigtunnel

Die Fahrzeit auf der Gäubahnstrecke soll sich verkürzen. Foto: Silas Stein/dpa

Läuft alles nach Plan, will die Deutsche Bahn im Jahr 2026 mit dem Bau des Pfaffensteigtunnels zwischen Flughafen und Böblingen beginnen. Das hat Folgen für Böblingen.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Kaum ist ein Ende der A81-Erweiterung in Sicht, wirft in Böblingen das nächste große Infrastrukturprojekt seine Schatten voraus: der Ausbau der Gäubahnstrecke mit dem Bau des Pfaffensteigtunnels zwischen dem Stuttgarter Flughafen und Böblingen.

 

Der Tunnel soll die Gäubahn künftig mit dem Flughafen verbinden. Von dort soll es dann weiter zum neuen S21-Bahnhof gehen. Im Haushaltsentwurf des Bundes für 2026 ist der elf Kilometer lange Pfaffensteigtunnel inzwischen mit 1,69 Milliarden Euro eingeplant. Allerdings fehlt noch die Finanzierungsvereinbarung mit der Bahn.

Stand jetzt will die Deutsche Bahn aber im kommenden Jahr mit den Bauarbeiten beginnen und geht von sechs Jahren Bauzeit aus. Wann die Arbeiten in und um Böblingen genau starten, steht aber noch nicht fest. Klar ist nur: Die Auswirkungen dürften massiv sein.

Wo Böblingen von den Arbeiten betroffen ist

Auf Böblinger Gemarkung geht es vor allem um den Bau des Abzweigs von der bestehenden Strecke nach Osten in den Tunnel und die Ertüchtigung der Gleise zwischen der S-Bahnstation Goldberg und dem neuen Abzweig. Der neue Abzweig namens Mönchsbrunnen ist etwa auf Höhe der Anschlussstelle Sindelfingen-Ost, nahe des Sindelfinger Schützenhauses geplant. Eine Großbaustelle mitten im Wald also.

Doch kaum weniger los sein dürfte auf dem Abschnitt zwischen Böblingen-Goldberg und dem neuen Abzweig: Auf dieser Strecke werden zwei Eisenbahnbrücken ausgetauscht und zwei Kurven entschärft, damit die Züge dort künftig bis zu 200 Kilometer pro Stunde schnell fahren können.

In der jüngsten Sitzung des Technischen Ausschusses in Böblingen wurde deutlich, wie groß die Einschränkungen in der Bauphase werden könnten. Da war die Rede von mehrmonatigen Sperrungen der Zug- und S-Bahn-Strecke nach Stuttgart, Baustellenverkehr und Straßensperrungen.

In sieben Minuten an den Flughafen

Dem entgegen stehe das Endergebnis mit den Vorteilen, die sich bestenfalls daraus ergeben. So soll die Ertüchtigung der Gäubahnstrecke auf den Deutschlandtakt einzahlen und die Fahrzeit zwischen Zürich und Stuttgart verkürzen. Böblingen könnte als Bahnhaltepunkt deutlich aufgewertet werden. Der Flughafen, mit geplanter Umstiegsmöglichkeit Richtung Ulm, wäre mit Tunnel beispielsweise innerhalb von sieben Minuten mit dem Zug erreichbar. Aktuell braucht die Reise zum Flughafen mindestens 22 Minuten mit einmal Umsteigen.

Noch befindet sich das gesamte Bauprojekt in einer frühen Phase. Vom 15. August bis 15. September war die Stadt Böblingen vom Eisenbahnbundesamt als Genehmigungsbehörde dazu aufgefordert, Stellung zu den Plänen zu nehmen und Einwände vorzubringen.

Nicht gerade ideal war dieser Zeitpunkt, befanden sich doch zu diesem Zeitpunkt viele Verwaltungsmitarbeiter im Urlaub und der Gemeinderat in der Sommerpause. Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) sprach denn auch von einem „denkbar schlechten Zeitraum“. Trotz dieser Widrigkeiten hat die Stadt die Gelegenheit zur Stellungnahme gründlich genutzt, wie aus den Sitzungsunterlagen hervorgeht. Darin wird das geplante Vorgehen teils scharf verurteilt und dringend um Anpassungen gebeten.

Mehrmonatige Sperrungen „dürfen nicht sein“

Auch die Stadträtinnen und Stadträte fanden deutliche Worte. Hauptkritikpunkt: Mehrmonatige Sperrungen der Bahn- und S-Bahnstrecke müssten unbedingt vermieden werden. „Das darf einfach nicht sein“, konstatierte CDU-Stadtrat Thorsten Breitfeld. Er nannte das Vorgehen der Deges beim Ausbau der A81 als Vorbild und verwies als Beispiel auf die Absprache, dass immer mindestens zwei Fahrspuren offen bleiben sollen.

Überhaupt sahen Verwaltung und Rat vor allem im Zusammenhang mit der A81-Erweiterung großes Konfliktpotenzial. Sie befürchteten ein Verkehrschaos, sollte der Ausbau der Straßen noch nicht zu Ende sein, aber die Vollsperrungen der Schienenstrecke bereits begonnen haben.

Die Stadt sieht außerdem, dass eigene Vorhaben, wie der Bau der Querspange, gefährdet sein könnten. Dabei geht es weniger um die Bauarbeiten an sich, als vielmehr um den Platz, den Baustellen benötigen, also um Konkurrenz bei Lagerflächen für Baumaterial und Fahrzeuge.

Zwei große Geschenke auf einmal

Ebenfalls wenig Anklang fand, dass offenbar geplant ist, die Friedrich-Gerstlacher-Straße mehrere Jahre voll zu sperren – vermutlich für den Neubau der Eisenbahnbrücke über eben diese Straße. Die Böblinger Therme, die an der Friedrich-Gerstlacher-Straße liegt, befürchtet große Einbußen, sollte es tatsächlich so kommen. Beim Bau der neuen Eisenbahnbrücke eine Straße weiter – über den Autobahnzubringer – wiederum bemängelt die Stadt die geplante Höhe von 4,50 Meter. Das sei beispielsweise für Sondertransporte zu niedrig.

Noch ist Zeit, die Einwände der Stadt zu berücksichtigen und auf sie einzugehen. Verwaltung und Rat zeigten sich versöhnlich und plädierten in Richtung der beiden Vertreter der Deutschen Bahn, die die Pläne vorstellten, für eine gute und konstruktive Zusammenarbeit.

Denn bei aller Kritik wurde auch deutlich: Sie richtet sich nicht gegen die Ertüchtigung der Strecke und den Tunnel an sich, sondern vor allem gegen das Wie. Stadträtin Gerlinde Feine (SPD) brachte wohl das Gefühl vieler ihrer Ratskolleginnen und -kollegen auf den Punkt. Mit Blick auf A81-Erweiterung und Pfaffensteigtunnel sagte sie: „Ich fühle mich gerade so, als hätte ich zwei große Geschenke bekommen.“ Beide für sich genommen, seien gut, aber wenn man sie direkt hintereinander auspacke, folge erst einmal der Zuckerschock. 

Gäubahnstrecke

Kappung
Noch bevor der Tunnel in Betrieb geht, fährt die Gäubahn ab März 2027 nicht mehr bis an den Stuttgarter Hauptbahnhof durch, sondern wird in Stuttgart-Vaihingen gekappt. Die Bürgermeister entlang der Gäubahnstrecke, unter ihnen Böblingens OB Stefan Belz, haben in der Vergangenheit immer wieder gegen die frühe Kappung protestiert.

Auswirkungen
In einer Sitzungsvorlage der Region Stuttgart sind bereits erste Streckensperrungen für 2026 angekündigt, die im Zusammenhang mit den Arbeiten für den Pfaffensteigtunnel stehen. Demnach soll es im ersten Halbjahr zwischen Stuttgart-Rohr und Böblingen „häufig“ zu halbseitigen Nachtsperrungen und an einigen Wochenenden zu Totalsperrungen kommen.

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