Grünes Duo auf Stuttgarter Bühne Neues Kretschmann-Buch verspricht Zuversicht in hoffnungslosen Zeiten

, aktualisiert am 28.09.2025 - 12:22 Uhr
Ministerpräsident Winfried Kretschmann liest aus seinem Hannah-Arendt-Buch, und Ex-Vizekanzler Robert Habeck hält ihm das Mikrofon. Foto: Julian Rettig

Der Ministerpräsident hat ein Buch über seine Lieblingsphilosophin Hannah Arendt geschrieben. Gemeinsam mit Ex-Vizekanzler Robert Habeck stellte er es am Freitagabend in Stuttgart vor.

Das ging gerade noch gut. „Das Wunder ist schon passiert“, ruft Winfried Kretschmann in den proppenvollen Saal des Stuttgarter Hospitalhofs – von dieser Erkenntnis selbst überrascht. Die Zuhörer lachen befreit. Diese glückliche Wendung war nicht mehr zu erwarten gewesen. Der Ministerpräsident und sein politischer Weggefährte Robert Habeck sind bekannt dafür, mit ihren Gegenwartsanalysen mühelos jedes Publikum in eine mittelgradige Depression reden zu können. Das wundert nicht, denn jeder Tag des Regierens bringt neue Sorgen, wer wüsste das besser als Kretschmann.

 
Winfried Kretschmanns neues Buch: Eine Liebeserklärung an Hannah Arendt Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Habeck wiederum sagt zwar, dass er jetzt, da er die Vizekanzlerschaft und das Bundeswirtschaftsministerium hinter sich gelassen hat, ein sorgenfreies Leben führen darf. Aber dies bedeutet nicht, dass ihm ein Leben ohne Sorgen automatisch Freude bereiten muss. Es scheint schon etwas dran zu sein an dem, was man so liest: Dass Habeck die Niederlage bei der Bundestagswahl noch nicht verwunden hat, allein schon der Seitenhieb auf seinen Peiniger, den bayerischen Bratwurstvermarkter #söderisst, deutet darauf hin. Lässt er seinen Dreieinhalbtagebart noch ein paar Monate stehen, kann Habeck glatt als alttestamentarischer Prophet durchgehen, der zürnt, weil das Volk die Gefolgschaft verweigert, was zur Folge hat, dass sich die Pforten zur Klimahölle öffnen.

Wo waren wir stehen geblieben? Bei einem Wunder. Die Sache ist die: Der Ministerpräsident hat ein neues Buch veröffentlicht, eine Liebeserklärung an die Philosophin Hannah Arendt, deren Lektüre einst dazu beitrug, ihn aus der Umklammerung der maoistischen Ideologie zu befreien. Das Werk trägt den Titel: „Der Sinn von Politik ist Freiheit. Warum Hannah Arendt uns Zuversicht in schwieriger Zeit gibt“ (Patmos Verlag, 20 Euro). Habeck war eigens aus seinem Kopenhagener Wissenschaftsexil angereist, um das Kretschmann’sche Werk vorzustellen. Die intellektuelle Herausforderung des Abends ergab sich aus dem Untertitel, der zur Zuversicht ermuntert. Leben wir nicht in entschieden hoffnungslosen Zeiten? Ein solcher Widerspruch mag vielleicht noch für den katholischen Altbischof Gebhard Fürst, er saß in der ersten Reihe, auflösbar sein: „Christus das Licht“, rufen die Priester in der Osternacht, wenn sie die Kerze entzünden. Aber für das vom Zweifel des Rationalismus bedrängte, wenn nicht schon an den Nihilismus verlorene Stuttgarter Bildungsbürgertum im Saal erschien die Aufgabe, aus der Hoffnungslosigkeit (es fiel der Name Trump) Zuversicht zu schöpfen, anspruchsvoll.

Nun, Kretschmann erläuterte, für Hannah Arendt komme die Macht nicht, wie von Mao behauptet, aus den Gewehrläufen. Dies sei nur Gewalt. Macht entstehe, wenn sich Menschen gemeinsam um eine Idee versammelten und diese in die Welt brächten. Macht ist demnach das Resultat eines kommunikativen Prozesses, wie ihn Kretschmann mit seiner Politik des Gehörtwerdens in Gang gesetzt zu haben glaubt. Menschen, sage Arendt, berichtet Kretschmann, könnten auf diese Weise Neues in die Welt setzen und auch Wunder vollbringen. Als ein solches Wunder erklärt sich Kretschmann den eigenen Wahlsieg 2011: ein politisches Wunder, ein Arendt’sches Wunder, kein übernatürliches Wunder. Damals setzte sich in dieser Perspektive die Idee des zivilen Regierens gegen den „Hinterhofschläger“ (so formulierte seinerzeit Boris Palmer) Stefan Mappus (CDU) durch. Und natürlich gewann die Idee einer auf den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen ausgerichteten Politik. So sieht es Kretschmann.

Robert Habeck verteidigt grüne Ideen

Peter Unfried von der Berliner „Tageszeitung“, der Moderator des Abends, drängte Kretschmann in die Defensive und zupfte Habeck am Prophetenbart – mit dem Hinweis, dass den grünen Ideen die Leute davonliefen. Schon Hannah Arendt schrieb: Macht verfällt, wenn sich die um eine Idee versammelten Menschen wieder zerstreuen. Doch ist der Journalist nicht geboren, der einen Habeck argumentativ in Verlegenheit brächte. „Falsch“, versetzte Habeck, seine Kopenhagener Erfahrungen zeigten: Weltweit seien die erneuerbaren Energien auf dem Vormarsch. Die Elektrifizierung aller Daseinsbereiche schreite voran. Nur Deutschland hinke hinterher. Andere machten es besser. Das war der Punkt, an dem Kretschmann anhob: „Das Wunder ist schon passiert.“ Nur halt nicht in Deutschland. Das Publikum war dennoch dankbar. Langer Beifall für Habeck. Kretschmann signierte. Die erste Auflage seines Buches ist schon weg.

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