Der Jahrgang 1906/1907 des Königlich Württembergischen Gymnasiums, dem heutigen Georgii-Gymnasium in Esslingen: Der ehemalige Lehrer Alfred Hottenträger hat die Biografien der Erstklässler erforscht. Dabei ist er auf spannende Lebenswege gestoßen. Foto: privat
Durch Zufall stieß der pensionierte Lehrer Alfred Hottenträger aus Baltmannsweiler auf ein altes Klassenfoto des heutigen Georgii-Gymnasiums. Er geht auf Spurensuche.
Simone Weiß
27.12.2025 - 08:00 Uhr
Viel Steifheit – wenig Kindheit. In Reih und Glied präsentieren sich Zöglinge des Schuljahres 1906/1907 am damaligen Königlich Württembergischen Gymnasium, dem heutigen Esslinger Georgii-Gymnasium, auf einem alten Klassenfoto. Zucht, Ordnung, Einschüchterung, ja Angst scheinen ihre Haltung, ihre Mimik und ihre Blicke in die Kamera zu bestimmen. Zehn, elf Jahre sind sie zum Zeitpunkt der Aufnahme alt – und ihre weiteren Lebenswege werden meist Leidenswege sein. Alfred Hottenträger, ein ehemaliger Geschichtslehrer am Georgii-Gymnasium, hat ihre Biografien erforscht.
Kommendes Unheil scheint sich auf der Fotografie anzudeuten. Die Aufnahme spiegelt die autoritären Erziehungsmethoden und den Zeitgeist um 1907 wider: Viele Jungs tragen Pennälermützen. Dieser Dresscode lässt wenig Raum für Individualität. Drei Schüler lassen sich im Matrosenanzug ablichten – eine Reverenz an die militärische Aufrüstung der Flotte und die Marinebegeisterung der Kaiserzeit vor dem Ersten Weltkrieg. Der Lehrer Carl Jonas Dipper, nach Recherchen von Alfred Hottenträger bereits 70 Jahre alt, wirkt mit seinem exakt gestutzten Schnauzbart und der steifen Melone furchteinflößend.
Er bringt Licht in dunkle Ecken der Esslinger Vergangenheit: Alfred Hottenträger ist pensionierter Geschichtslehrer. Foto: Roberto Bulgrin
„Sie prügelten im Zorn und in ruhiger Gelassenheit“, schreibt ein Schüler
Der Schulalltag ist streng. Prügelstrafen gehören zum Unterricht. Gerhard Storz, einer der Schüler auf dem Klassenfoto, rechnet in seinen Lebenserinnerungen mit diesem Erziehungsstil ab. Beruflich und privat ist er nach Schulzeit und Kriegsdienst laut Hottenträger zwar durchgestartet. Von 1958 bis 1964 war er baden-württembergischer CDU-Kultusminister, und er ist der Vater des Drehbuchautors, Regisseurs und Filmproduzenten Oliver Storz. Doch diese Erfolge führt der ehemalige Esslinger Schüler nicht auf seine Schulausbildung zurück. Im Gegenteil.
In seinen Aufzeichnungen spricht Gerhard Storz von Lehrern, für die der Rohrstock wie Kreide und Übungsbuch zur didaktischen Ausrüstung gehörten: „Sie prügelten im Zorn, sie prügelten in ruhiger Gelassenheit um gerechter Ordnung willen.“ Die Pädagogen, so vermutet er, langweilten sich wohl an der Schule und im Privatleben: „Ihr grimmiges Dreinfahren war drum vielleicht nichts anderes, als der Versuch, sich vor sich selbst als tätig und tüchtig darzustellen.“
Das ehemalige Königlich Württembergische Gymnasium und Vorläufer des heutigen Georgii-Gymnsiums damals noch in der Abt-Fulrad-Straße 3 aus der Zeit zwischen 1880 und 1890. Foto: Stadtarchiv Esslingen
Prügeln als biografische Frustbewältigung? Auch die Lehrer waren Kinder ihrer Zeit. Einer Zeit, die geprägt war von Militarismus, Kaisertreue, strengen Hierarchien, preußischem Drill, Unterordnung. Eine Zeit, die ihren Tribut forderte. Nicht alle Lebenswege konnte Alfred Hottenträger aufgrund der Quellenlage exakt nachzeichnen. Doch mindestens 16 der 30 Schüler auf dem Klassenfoto, so hat der pensionierte Lehrer herausgefunden, kämpften im Ersten Weltkrieg mit. Fünf von ihnen sind zwischen 1914 und 1918 gefallen. Mindestens sieben der Abgebildeten traten ab 1933 in die NSDAP ein – einige aus tiefster Überzeugung.
Ein Mann mit Handicaps wird zu einem überzeugten Nazischergen
Otto Hans Eduard Engstler war einer von ihnen – obwohl der auf dem Klassenfoto gezeigte Zögling so ganz und gar nicht dem Idealbild forscher Männlichkeit der kruden NS-Ideologie entsprach. Wegen einer Kinderlähmung seit dem vierten Lebensjahr waren Arme und Beine teilweise gelähmt. Nur mit zwei Krücken, Beinprothesen und nach vorne gebeugter Haltung konnte er sich mühsam fortbewegen. Engstler war Grafiker von Beruf, aber wegen seiner Handicaps lange Zeit arbeitslos: „So widmete er sich fast ausnahmslos der Partei.“ Er trug ständig die braune NS-Uniform, machte auch in Vorträgen Propaganda für die NSDAP, warb für Parteieintritte und war später Büroleiter der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Nach dem Krieg wurde er von verschiedenen juristischen Institutionen als „Mitläufer“ eingestuft, was einem Freispruch gleichkam. Engstler starb 1953 in Stuttgart.
Sein ehemaliger Mitschüler Otto Emil Mörike ging einen anderen Weg. Der Nachfahre des Dichters Eduard Mörike wurde evangelischer Pfarrer. 13 Menschen jüdischen Glaubens hat er nach den Recherchen von Hottenträger während der NS-Diktatur das Leben gerettet: „Aber nicht, indem er die Verfolgten versteckte.“ Mörike und seine Ehefrau gaben die jüdischen Mitbürger als „Ausgebombte“ aus, die in Folge alliierter Luftangriffe ihr Haus, ihr Hab und Gut sowie Papiere und Ausweise verloren hätten. So konnte er den Bedrängten unbehelligt und ganz offen Unterschlupf im Pfarrhaus gewähren, ihnen Anschlussquartiere vermitteln oder zur Flucht ins Ausland verhelfen.
Der Vater des Kommissars in „Der Alte“ wurde in Esslingen geboren
Doch auch der ehemalige Esslinger Schüler Otto Mörike war in Denkmustern seiner Zeit verhaftet. Das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete nach Recherchen von Alfred Hottenträger im Dezember 1957, dass in das Arbeitszimmer des resoluten Seelsorgers eingebrochen und 230 Mark gestohlen worden waren. Erbost darüber habe Mörike in der örtlichen Presse einen Aufruf gegen die seiner Ansicht nach zu lasche Justiz veröffentlicht: „An solchen Taugenichtsen sollte die Polizei nach der Festnahme eine sehr handgreifliche und äußerst schmerzhafte Prügelstrafe vollziehen“.
Die Aufnahme zeigt den Auszug des Gymnasiums aus dem alten Gebäude in der Abt-Fulrad-Straße 3 in das neue Gebäude auf dem Lohwasen. Foto: Stadtarchiv Esslingen
Viele Facetten und Charakteristika formten das Persönlichkeitsbild der Schüler des Klassenfotos um 1907. Das mysteriöseste Schicksal hatte Hans Friedrich Wilhelm Schimpf. Der 1897 in Esslingen geborene Fabrikantensohn war der Vater von Rolf Schimpf, der als Schauspieler und als Darsteller des kauzigen Kommissars Leo Kress in der Krimiserie „Der Alte“ Kultstatus erlangen sollte.
Hans Schimpf verstarb später unter nie ganz geklärten Umständen
Hans Schimpf fiel schon zum Zeitpunkt der Aufnahme des Klassenfotos auf: Seine Eltern erbauten eine hochherrschaftliche Villa in der Mettinger Straße 17. Für den Neubau musste das bisherige Haus mit der Nummer 19 versetzt werden, weiß Alfred Hottenträger: „Das heute Undenkbare war, dass der bisherige Mieter, ein Lehrer namens Fritz Hochstetter, während des ganzen Vorgangs seelenruhig in seiner Wohnung geblieben war.“ Ein ähnlicher Haustransfer habe ein Jahr später in Nagold beim Abheben des Gebäudes 51 Personen das Leben gekostet.
Später wurde Hans Schimpf ein Spitzel im Dienste der Nazis. Reichsmarschall Hermann Göring beauftragte ihn mit dem Aufbau eines Nachrichtendienstes innerhalb des nationalsozialistischen Behördenapparates: Laut einer Wiener Zeitung vom Mai 1935 sollen unzählige Beamte des Reichwehrministeriums auf Grund der Angaben Schimpfs in Konzentrationslager gebracht worden sein, so Hottenträger. Später habe Schimpf seine Verfolgungstätigkeit auf alle Personen, die Göring unliebsam waren, ausgedehnt. Schimpf verstarb 1935 unter nie ganz geklärten Umständen angeblich an den Folgen eines „Kraftwagen-Unfalls“.
Der Autor und das Klassenfoto
Person Der 1950 geborene Alfred Hottenträger unterrichtete 36 Jahre lang Deutsch und Geschichte am Esslinger Georgii-Gymnasium. 2015 ging der Vater einer erwachsenen Tochter zwar in den Ruhestand, doch aus historischem Interesse und privater Liebhaberei heraus begann der in Baltmannsweiler-Hohengehren Lebende mit Forschungen zur Regional- und Schulgeschichte.
Klassenfoto Auf die Aufnahme der Schüler des Jahrgangs 1906/1907 stieß Alfred Hottenträger durch Zufall. Nach eigenen Angaben recherchierte er zu den Hintergründen einer Gedenktafel für während des Ersten Weltkriegs gefallene Lehrer und Schüler im Altbau des Georgii-Gymnasiums. Durch diese Forschungsarbeit kam er in Kontakt mit einer Privatfamilie in Hochdorf, in deren Besitz sich die Aufnahme befand und die ihm das Foto für weitere Nachforschungen überließ.
Besonderheit Die Fotografie ist laut Hottenträger die bislang früheste Aufnahme einer Schülergruppe des heutigen Georgii-Gymnasiums. Die Namen der Jungen und ihr jeweiliger Platz auf der Abbildung sind auf der Aufnahme vermerkt, sodass eine biografische Zuordnung möglich war.
Manuskript Eine Veröffentlichung seiner Forschungen über die auf der Aufnahme von 1907 gezeigten Schüler hat Alfred Hottenträger nicht geplant. Die Recherchen, sagt er, waren wohl für die Schublade.