Beschäftigtenbefragung startet im Juni
Doch die IG Metall hat selbst einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Geschicke der Industrie: Nach den Sommerferien startet die heiße Phase der Tarifrunde. Bereits im Juni wird die obligatorische Beschäftigtenbefragung gestartet, die Resch zufolge bis zur Sommerpause laufen soll. Vor den Ferien werden die Ergebnisse ausgewertet, auf deren Grundlage dann die Beschlüsse gefasst werden. Die Entgelttarifverträge sind zum 30. September kündbar; am 31. Oktober endet die Friedenspflicht, und im November könnte theoretisch gestreikt werden.
Über den konkreten Zeitplan werden an diesem Donnerstag die Große Tarifkommission und später der Vorstand in Frankfurt beraten. Doch zeichnet sich ab, dass nicht so früh wie vor zwei Jahren eine bezifferte Lohnforderung in die Welt gesetzt wird. Damals wurde schon im Mai über Zahlen gesprochen, und im Juni folgte die Sieben-Prozent-Forderung. In der Folge verschlechterte sich bis zum Herbst die wirtschaftliche Lage, sodass sich die Gewerkschaft mangelnden Realitätssinn vorhalten lassen musste. Darüber werde in der IG Metall gerade diskutiert, bekennt Resch. In dieser „schnelllebigen Zeit“ sei es 2024 „einfach ein viel zu langer Zeitraum gewesen“. Insofern könne sie jetzt auch noch keine Forderungszahlen nennen. „Das wäre fatal, denn jede Zahl kann nur falsch sein.“
„Kein Grund für Zurückhaltung bei den Beschäftigten“
Aus ihrer Sicht gibt es „keinen Grund für Zurückhaltung bei den Beschäftigten, ganz im Gegenteil“. Man werde „nicht bei einer Nullrunde oder so landen“. Dass die Krise durch geringere Entgelte beendet werden könne, wie jetzt öffentlich argumentiert werde, sei „Quatsch“. Denn Deutschland sei ein „Hochlohnland“. Auf Geld zu verzichten, wäre daher ein „Irrweg“. Die Arbeitskosten seien nicht das wesentliche Problem der Unternehmen.
So ähnlich hatte sich am Montag auch schon die Gewerkschaftsführung geäußert. Trotzdem stellt die Bezirksleiterin gleichermaßen fest, dass die Erwartungshaltung der Mitglieder eine andere sei als in der Tarifrunde 2024. Damals seien die Verhandlungen vom hohen Niveau der Preise geprägt gewesen, weil die Beschäftigten den Rückgang der Inflation noch nicht im Geldbeutel gespürt hätten. Auch heute sei die Lage im Supermarkt, im Restaurant oder bei den Mieten noch nicht entspannt. Aber der Druck sei ein anderer – mittlerweile sei den Beschäftigten infolge des weit verbreiteten Stellenabbaus „mehr am Thema Sicherheit und Perspektiven“ gelegen. Die Menschen fragten sich: Was passiert mit meinem Arbeitsplatz, wie zukunftsfest ist mein Arbeitgeber?
Bloß nicht in die Defensive geraten
„Wir gehen selbstbewusst in diese Tarifrunde, aber auch mit dem Anspruch, Lösungen zu finden, die Betriebe und Beschäftigte gleichermaßen stärken“, sagt Resch. Dass diesmal die Beschäftigungssicherung statt der Lohnprozente im Vordergrund stehen könnte, mag sie nicht dementieren. Hinter dieser strategischen Vorsicht steckt die Befürchtung, dass eine offensichtlich pragmatische Haltung von den Arbeitgebern dazu ausgenutzt werden könnte, um die Gewerkschaft schon vor der Tarifrunde allzu weit in die Defensive zu drängen.
Dass die IG Metall selbst ohnehin schon fast jeden Tag in den Betrieben auf die düstere Wirtschaftslage reagiert und den Beschäftigten Verzicht abverlangen muss, gehört aber auch zur Realität. „Im vorigen Jahr haben wir 200 tarifliche Abweichungen verhandelt, von denen 140 noch offen sind“, sagt Resch. Dies habe deutlich zugenommen. Gemeint sind betriebliche Vereinbarungen, zugeschnitten auf die Krisen der jeweiligen Unternehmen. Teils gehe es um „große Beiträge der Belegschaften“, so Resch. Dafür bekämen sie dann mehr Beschäftigungssicherheit und eine Beteiligung am Abbauprozess in den Unternehmen.
Großdemonstration am 28. Februar
Protest
Gemeinsam mit Verdi, DGB ruft die IG Metall Baden-Württemberg am 28. Februar zu einer großen Kundgebung auf dem Schlossplatz in Stuttgart auf. Bezirksleiterin Barbara Resch erwartet „mehrere tausend Teilnehmer“ aus Region und Land.
Schulterschluss
„Die dramatischen Krisen der Industrie und der Kommunen gehören zusammen und befeuern sich gegenseitig“, sagt Verdi-Landeschefin Maike Schollenberger. „IG Metall und Verdi stehen in der historischen Situation zusammen: Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen.“