Die Konjunkturaussichten in der wirtschaftsstärksten Region Baden-Württembergs sind auch 2025 mau. Um so wichtiger sei es, sagt der frisch wiedergewählte IHK-Präsident der Region Stuttgart, dass die neue Bundesregierung schnell Maßnahmen ergreift, um die Firmen zu entlasten.
Herr Paal, Bosch baut Stellen ab, bei Daimler steht das nächste Milliarden-Sparprogramm an. In Stuttgart heißt es, „wenn Daimler hustet, hat die Region Lungenentzündung.“ Wie schätzen Sie die Lage ein?
Nur darüber zu reden, wie schlecht alles ist, wird nichts bringen. Unsere neuste Konjunkturumfrage zeigt, dass wir eine leichte Seitwärtsbewegung haben. Das ist aber noch keine gute Nachricht. Wir müssen analysieren, was los ist und unsere Schlüsse ziehen. Wir sehen klar, welche Hausaufgaben gemacht werden müssen. Das ist der Bürokratieabbau, auch wenn die Leute das schon nicht mehr hören können, die Einführung neuer Technologien zum Beispiel künstliche Intelligenz, aber auch die Förderung neuer Branchen, wie Luft- und Raumfahrt.
Das sind bisher keine Themen, die im Bundestagswahlkampf eine größere Rolle spielen.
Vielleicht müssen wir den Wahlkampf erst einmal über uns ergehen lassen. Aber danach braucht es einen Aktionsplan und die Umsetzung. Wir haben jetzt drei Jahre Diskussionen hinter uns. Ich sehe da nichts, was den Standort nach vorn gebracht hat.
Was ist Ihre Erwartungen an die neue Bundesregierung? Was muss nach der Wahl passieren?
Da ist im Grunde jeder Tag entscheidend. Ich sehe 2025 als Schlüsseljahr, in dem wir besprechen müssen, wo es hingehen soll. Wir sind jetzt dran, ein Papier zu schreiben zur Schuldenbremse. Wir müssen dauerhaft eine gute Verteidigung für Deutschland hinbekommen, aber auch Infrastruktur, Autobahnen, Schienen, Stromnetze. Das muss die kommende Bundesregierung nachhaltig finanzieren. Ich bin dagegen, die Schuldenbremse für den konsumtiven Bereich zu öffnen. Aber wir müssen mit der Schuldenbremse so umgehen, dass wir die Investitionen hochfahren können.
Was braucht die Wirtschaft am dringendsten?
Zunächst einmal Berechenbarkeit, Planbarkeit, dann aber auch vernünftige Energiepreise. Wir haben die höchsten Energiekosten. Wir brauchen Arbeitszeitflexibilisierung. Bürokratieabbau haben wir schon erwähnt.
Die IHK hat eng und in verschiedenen Gremien mit der Landesregierung zusammengearbeitet bei dem Thema. Wie weit ist man da gekommen?
Ich glaube wirklich, hier im Land, das natürlich nur beschränkt Einfluss hat, sind wir nicht schlecht unterwegs. Die großen Hebel sitzen aber mittlerweile in Europa und beim Bund, der meistens noch mal eins drauf setzt. Ich denke da unter anderem an die Nachhaltigkeitsberichterstattung, das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, die Entwaldungsrichtline, die im Grunde Einfluss auf die Beschaffung jedes Bleistifts hat. Teilweise müsste man diese Vorschriften aussetzen.
Die Vorschriften verfolgen aber ja auch einen bestimmten Zweck. Was ist so schlimm daran?
Wir sind klar für Nachhaltigkeit, aber die Berichterstattung in dieser Form überlastet die Unternehmen. Das hat die Europäische Union komplett falsch eingeschätzt. Mittelgroße Mittelständler sagen mir, die Nachhaltigkeitsberichterstattung bringt etwa 500 000 Euro Mehrkosten im Jahr. Das ist ein Wort. Dafür wird schon mal eine größere Investition zurückgestellt. Das fehlt uns, weil dann die Inlandsnachfrage zurückgeht. Die Großkonzerne wälzen Berichtspflichten auch auf kleine Unternehmen ab. Und der KI Act ist im Grunde eine Reaktion auf eine neue Technologie, die sie fast schon wieder einschränkt, ohne sie überhaupt verstanden zu haben.
Was bringen neue Technologien wie KI dem Standort?
Wir spüren immer: Wenn die Konjunktur lahmt, geht die Weiterbildung hoch. Wir haben zwar aktuell keinen konjunkturellen Durchhänger, wir haben eine strukturelle Krise. Jetzt ist der Zeitpunkt, den Standort zukunftssicher zu machen, über Schulungen, über Weiterbildungen und über neue Technologien wie KI.
Das Thema Transformation begleitet die Autobranche seit Jahren. Wo sehen Sie Zukunftschancen?
Eines dieser Themen ist Luft- und Raumfahrt. Die Firmen sind auf uns zugekommen, um den Mittelstand näher an die Luft und Raumfahrtbranche heranzuführen. Die suchen gerade neue Technologien, neue Zulieferer – etwa für niedrig fliegende Satelliten.
Das heißt Autozulieferer aus der Region sollen auf Luft- und Raumfahrt umsatteln?
Im Automobilbereich haben wir den einen oder anderen Mittelständler, der ein neues Geschäftsmodell sucht. Für einen Teil davon könnte Luft- und Raumfahrt eine neue Branche sein.
Wird das ausreichen, um mögliche Verluste der Wertschöpfung in der Autoindustrie auszugleichen?
Nein, das ist nur ein Baustein. Aber wir müssen einfach alle sich bietenden Chancen öffnen. Das Thema CO2-Neutralität mit den dazugehörigen Technologien ist beispielsweise ein Riesenfeld. Das sind Bereiche, die werden wachsen und zwar weltweit.
Trotzdem sehen wir aktuell eine steigende Arbeitslosigkeit auch in Stuttgart. Wie gut wird die Region durch diese Krise kommen?
Auch wenn nach der Bundestagswahl die richtigen Maßnahmen ergriffen werden, wird noch einige Zeit vergehen, bis wir wieder wettbewerbsfähig werden. Die nächsten zwölf Monate sehe ich schon noch als schwierig an und dann hoffe ich wirklich, dass wir die Kurve gekriegt haben. Investitionen werden nicht über Förderprogramme ausgelöst, sondern durch Vertrauen in den Standort. An dem mangelt es gerade. Ich bin mir sicher, dass die Region eine gute Zukunft hat. Wir haben die Menschen, wir haben das Know-how, wir haben die Technologien. Ich glaube, wir haben auch den Fleiß. Aber ich glaube auch, dass wir etwas dafür tun müssen. Gemeinsam.
Zur Person
Unternehmer
Der 57-Jährige übernahm 1993 das Unternehmen seines Vaters. 2008 wurde die Paal Verpackungsmaschinen GmbH an Bosch verkauft. Heute ist Claus Paal Unternehmensberater und Geschäftsführender Gesellschafter der A+V Automation und Verpackungstechnik in Schorndorf.
Politiker
Seit 2004 ist Claus Paal Mitglied der CDU. Von 2011 bis 2021 saß er für die CDU im Landtag, zuletzt als wirtschaftspolitischer Sprecher.
Präsident
Im Juli 2023 folgte Claus Paal als Präsident der IHK Region Stuttgart auf Marjoke Breuning, die ihr Amt niedergelegt hatte. Am Donnerstag wurde er im Amt bestätigt und für weitere fünf Jahre gewählt. Paal ist gleichzeitig Präsident der IHK Rems-Murr.