Noch ein Abo-Rekord
Die Zahlen bestätigen dieses Bild: Mit 574 000 Abonnements ist der Rekord von 2023 noch einmal um 6,5 Prozent übertroffen worden. Mit 375 Millionen Fahrten legte auch die Zahl der Fahrgäste im Vorjahresvergleich noch deutlicher um 9,1 Prozent zu. Das liegt aber immer noch klar unter den 394 Millionen des Vor-Corona-Jahres 2019. Während der Freizeitverkehr zunahm, reduzierte vor allem das Homeoffice den Pendlerverkehr.
Andere Zahlen stimmen die VVS-Chefin optimistisch: 95 Prozent der Fahrgäste sind laut einer Studie des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) mit dem Deutschlandticket zufrieden, vier von fünf würden es weiterempfehlen. „Das sind ganz hervorragende Werte“, sagt Cornelia Christian. Der VVS glaubt sogar beziffern zu können, wie viel CO2 jeder Abo-Nutzer im Jahr im Vergleich zum Autofahren einspart. Laut VVS-Öko-Rechner entspricht das 938-mal Warmduschen.
Doch obwohl das Deutschlandticket in einem Ballungsraum wie der Region Stuttgart äußerst populär ist, könnte nach der Bundestagswahl die kalte Dusche kommen. Schon die kräftige Preiserhöhung des einstigen 49-Euro-Tickets auf 58 Euro im Monat Anfang des Jahres hat Spuren hinterlassen. Im Januar haben im Verbundgebiet 8,1 Prozent der Abokunden gekündigt, was aber im Rahmen der Erwartungen lag und nur ganz leicht höher ist als der Bundestrend.
Ursprüngliches Abo-Ziel wird nach Preiserhöhung verfehlt
Dennoch wird damit die für diesen April ursprünglich angepeilte Zahl von 600 000 Abos um etwa 75 000 verfehlt werden. Zum Vergleich: Das entspricht zwei Dritteln der aktuellen Jobtickets. Hier hemmt ein weiterer Faktor das Wachstum: Viele Arbeitgeber warten ab, ob und wie es mit dem Deutschlandticket nach der Bundestagswahl weitergeht. Das überdurchschnittliche Abowachstum beim Jobticket, 16 Prozent im Jahr 2024, liegt so aktuell außer Reichweite für 2025. Die VVS-Chefin will aber das generelle Abo-Ziel für dieses Jahr nicht einkassieren: „Das ist eben sportlich“, so Cornelia Christian.
Zumindest die Atempause, die man sich mit der Preiserhöhung erkaufen wollte, hat man erreicht. Das Einnahmedefizit für das laufende Jahr ist durch Bund und Länder wohl abgedeckt. Zudem haben zwei deutliche Preiserhöhungen, jeweils im September 2023 und 2024, die vor allem bei den Gelegenheitstickets durchschlagen, im vergangenen Jahr 9,1 Prozent mehr Geld in die VVS-Kasse gespült. Die Fahrgäste haben davon übrigens nur den kleineren Teil aufgebracht. Der Löwenanteil kam durch parallel zu den Tariferhöhungen steigende Zuschüsse von Bund und Land zusammen.
Wie es nach diesem Jahr weitergeht, ist offen. Insbesondere aus dem Lager von CDU und CSU sind unterschiedliche Stimmen zu hören. Bayern torpediert offen das Ticket in seiner bisherigen Form. Der Kanzlerkandidat Friedrich Merz hielt sich bedeckt.
Die VVS-Chefin gibt sich dennoch zuversichtlich: „Im Wahlkampf ist es normal, dass man sich unterschiedlich zu profilieren versucht.“ Entscheidend sei, was am Ende von Koalitionsverhandlungen stehe. Immerhin halte der frühe Bundestagswahltermin die Chance offen, dass noch im ersten Halbjahr entschieden wird, wie es mit dem Deutschlandticket weitergeht. Die Landkreise, die den Busverkehr in der Fläche in Baden-Württemberg finanzieren, drohen andernfalls bereits damit, schon Mitte des Jahres aus dem Deutschlandticket auszusteigen. So wäre ein neuer Tarif-Flickenteppich programmiert.
Der Nahverkehr ist im Übrigen einer der Etatposten, den sie in Zeiten der Finanznot relativ frei kürzen können. „Es kann nicht mehr um Entscheidungen für ein oder zwei Jahre gehen“, sagt die VVS-Chefin: „Wir brauchen Sicherheit für fünf bis zehn Jahre.“ Noch konserviert der VVS sozusagen als Phantom weiter seine frühere Abo-Struktur. Sollte das Deutschlandticket scheitern, wäre die Wiedereinführung aber ein Kraftakt, der mindestens ein halbes Jahr lang vorbereitet werden müsste.
Landkreise drohen mit neuem Tarif-Flickenteppich
Aus Sicht der Kunden und des VVS wäre das ein Albtraum. Sie hoffe aber, dass dieser schlimmstmögliche Fall nie eintritt. „Mit unserer einstigen Tarifstruktur waren die Kunden nie so zufrieden wie jetzt mit dem Deutschlandticket“, sagt Cornelia Christian.