Keine Pflegeschule in Albstadt Zu viele AfD-Wähler im Ort: Investor springt ab

Der Benevit-Chef Kaspar Pfister hat kein Interesse mehr an dem Pflegeschulen-Projekt in Albstadt. Foto: /Haug

Die AfD ist ein negativer Standortfaktor. Das zeigt sich gerade in Albstadt. Dort sollte eine Pflegeschule entstehen. „Ich kann dort keine ausländischen Pflegeschüler hinschicken“, sagt der Investor.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Das Projekt ist offenbar schon weit gediehen gewesen: Auf einem städtischen Grundstück in Onstmettingen, dem drittgrößten Stadtteil von Albstadt (Zollernalbkreis), wollte das in Mössingen ansässige Altenpflege-Unternehmen Benevit eine Pflegeschule speziell für im Ausland angeworbene Pflegeschüler bauen. Gleichzeitig hätte dort auch ein zehngruppiger Zentralkindergarten entstehen sollen. Doch aus dem Zehn-Millionen-Euro-Projekt wird nichts. Der Investor ist abgesprungen.

 

Aufhorchen lässt die Begründung für den Rückzug, über den in dieser Woche der „Schwarzwälder Bote“ berichtete. Natürlich leide auch er unter den aktuellen Unsicherheiten in der Pflegebranche, sagte der Benevit-Chef Kaspar Pfister. Dass er nun aber „schweren Herzens die Reißleine“ ziehe, liege auch am Onstmettinger Wahlergebnis. Dies habe den letzten Ausschlag gegeben.

Bei der Bundestagswahl war die AfD in den Wahllokalen des 5000-Einwohner großen Orts auf bis zu 37 Prozent gekommen. „Die AfD steht für Remigration. Dann kann ich dort nicht 80 junge Menschen aus Afrika und Asien hinschicken“, erklärte Pfister gegenüber unserer Zeitung. Junge Leute feierten auch mal eine Party. „Das geht nicht konfliktfrei. Dafür brauche ich eine tolerante Umgebung.“ Schließlich gehe es auch um Integration.

Onstmettingen fühlt sich vorgeführt

Ihn habe die Nachricht zunächst schockiert und enttäuscht, räumte Oberbürgermeister Roland Tralmer (CDU) ein. Nach einem langen Gespräch könne er Pfisters Begründung mittlerweile aber nachvollziehen. Spezielle Gründe für die Stärke der AfD in Onstmettingen kenne er nicht, sagte Tralmer. Es gebe beispielsweise keine größere Gemeinschaftsunterkunft. Die Menschen seien nicht rechtsextrem, gingen der AfD aber auf den Leim. Für die Stadt sei es eine verpasste Chance. Der OB hatte gehofft, trotz knapper Kasse durch die Zusammenarbeit fast zum Nulltarif zu den dringend benötigten Kindergartenplätzen zu kommen. Jetzt muss komplett neu geplant werden.

Irritiert reagiert man im Stadtteil selbst. Und genaugenommen fühlt man sich auch ein wenig vorgeführt. „Dass es am Wahlergebnis liegt, glaubt hier keiner“, sagte eine Frau, die nicht namentlich genannt werden möchte. Was viele nicht verstehen: die Öffentlichkeit erfuhr von der möglichen Großinvestition des Mössinger Pflegeheimbetreibers erst, als alles schon wieder vom Tisch war. Selbst die Gremien waren damit noch nicht befasst worden. Ein Rückzug ohne Aufsehen wäre also möglich gewesen.

Beschimpfung in AfD-Foren

Doch offenbar wollte das der OB nicht. Er habe die Begründung für seinen Verzicht auf Wunsch von Tralmer öffentlich gemacht, betonte Pfister. „Aber ich stehe auch dazu.“ Der 68-Jährige ist für seine entscheidungsfreudige Art bekannt. In der Coronakrise stellte er 62 Pflegekräfte, die sich nicht impfen lassen wollten, kurzerhand frei. Auch jetzt erhält er wieder viele Reaktionen. 80 Prozent davon stärkten ihm den Rücken, sagte Pfister.

Von den anderen wolle er nicht reden. In AfD-Foren schlagen ihm die dort üblichen Hasstiraden entgegen. Als „Dreckschleuder“, „Dummschwätzer“ und „linksgrün-versiffter Systemling“ wird er beschimpft. „So einer muss vor das Volkstribunal.“ Für Pfister wohl eher eine Bestätigung seiner Entscheidung: Er investiere vorerst nirgendwo, sagte der Benevit-Chef.

Weitere Themen