Start-up Mecoa Mediencoaching aus Kernen Expertinnen warnen vor Online-Dominanz der AfD

Giulia Fioriti (links) und Nina Scavello beraten Parteien rund um das Thema Präsenz in den sozialen Medien. Foto: Marc Cintean

Giulia Fioriti und Nina Scavello aus Kernen helfen Politikern, ihren Onlineauftritt zu optimieren. Auch, weil sie das Feld nicht der AfD überlassen wollen.

Die baden-württembergische AfD-Landtagsfraktion hat auf der Internetplattform TikTok mehr als 20 000 Follower, während so manche Partei der Mitte dort nicht einmal einen Account besitzt. Aus der Sicht der beiden Gründerinnen der Kernener Agentur für Mediencoaching Mecoa ist das ein Problem. „Social Media ist eine Riesenchance für die Politik, in direkten Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern zu treten“, sagt Nina Scavelli. Ihre Mitgründerin Giulia Fioriti ergänzt: „Viele Politiker haben aber Respekt davor, selbst Videoinhalte zu produzieren und haben besonders TikTok lange als Tanzplattform belächelt, wodurch die AfD die Plattform für sich eingenommen hat.“

 

Mehr als eine Tanzplattform

Besonders in Anbetracht der vielen jungen Nutzerinnen und Nutzer des sozialen Netzwerks TikTok halten die Mediencoaches diese Entwicklung für bedenklich. „Gerade diese junge Zielgruppe ist so wichtig, weil sie noch in der Bildungsphase ist und ihre Angehörigen in ein paar Jahren dann Erstwähler sein werden“, erklärt Nina Scavello.

Die Annahme, Menschen über 50 würden keine Zeit in den sozialen Netzwerken verbringen, sei jedoch ein Trugschluss. „Wenn man sich anschaut, wer mittlerweile online unterwegs ist, sind das bei weitem nicht nur junge Leute“, erzählt Giulia Fioriti. Auch die bei vielen Politikern stark im Fokus stehende Babyboomer-Generation sei demnach durch eine starke Präsenz in den sozialen Medien zu erreichen.

Die beiden Gründerinnen gehen davon aus, dass den sozialen Netzwerken in Zukunft eine wichtige Rolle im politischen Alltag zukommen wird. „Wir sind der Meinung, Social Media entscheidet Wahlen, da sind wir uns ganz sicher“, sagt Nina Scavello.

Ausgezeichnet mit dem Ideenstark-Preis

Nun will der eigene Onlineauftritt geübt sein, um zu vermeiden, ungewollt viral zu gehen und schlimmstenfalls zur Lachfigur der Internetgemeinde zu werden. Genau dabei schaffen Giulia Fioriti und Nina Scavello gemeinsam mit ihrem Team Abhilfe. Seit 2019 bieten sie Mediencoachings für Politiker aller Parteien an, mit Ausnahme der AfD. Dafür schufen sie die Politikakademie, ein sechsmonatiges Onlineprogramm bestehend aus theoretischen Lernmodulen und praktischen Beispielen samt Einzelcoachings. Für ihr Konzept wurden die zwei Gründerinnen 2022 mit dem Ideenstark-Preis der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Eigentlich waren sie davon ausgegangen, dass ihr Klientel hauptsächlich aus älteren Politikern bestehen würde, sie wurden jedoch eines Besseren belehrt. „Es sind vor allem junge Politiker, die verstanden haben, wie wichtig die sozialen Medien sind und wissen wollen, wie sie in diesen Netzwerken politisch kommunizieren können“, sagt Nina Scavello.

Emotionen versus Fakten

Diesbezüglich gibt es besonders deshalb Nachholbedarf, da Plattformen wie TikTok und Instagram auf sehr kurze Inhalte spezialisiert sind. Sachlich komplexe Zusammenhänge scheinen damit erst einmal unvereinbar. „Die Leute in der Politik haben da manchmal Scheuklappen auf und denken, alle seien so tief in den Themen drin wie sie selbst, aber dem ist natürlich nicht so“, sagt Nina Scavello.

Doch laut den Mediencoaches haben Populisten auch aus einem anderen Grund online einen Vorteil: „Sie können viel schneller agieren, da wird einfach mal ein Statement rausgehauen, während andere Parteien sich lange überlegen, wie sie etwas formulieren“, berichtet Giulia Fioriti. Außerdem arbeite die AfD viel mit Emotionen, während Parteien der Mitte eher auf Fakten setzen würden. „Dadurch ist es oftmals so, dass die Videos langweilig sind“, so Giulia Fioriti weiter.

Dürftiges Budget für den Internetauftritt

Das muss laut den beiden Gründerinnen aber nicht so sein. Doch ihrer Meinung nach haben viele der Parteien immer noch nicht verstanden, wie wichtig die sozialen Netzwerke für die Meinungsbildung und die politische Debatte mittlerweile sind. Nina Scavello bemängelt insbesondere das dürftige Budget vieler Politiker für die sozialen Medien: „Da ist definitiv ein Umdenken notwendig, weil im Wahlkampf der Punkt Social Media meist vernachlässigt wird.“ Es brauche aber finanzielle Mittel für Werbeanzeigen und auch externe Hilfe, wie Mecoa sie anbietet. Die AfD habe das bereits verstanden, was man an den hohen Angeboten, die Mecoa von der Partei regelmäßig bekämen, sehen könne.

Mit ihrer Idee, sich auf den Internetauftritt von Politikern zu spezialisieren, haben die Gründerinnen offenbar den Nerv der Zeit getroffen, ihre Coachings sind gefragt. Doch sie geben auch zu Bedenken, dass der Aufbau einer Onlinepräsenz Zeit braucht. In Anbetracht dessen, dass in den kommenden anderthalb Jahren nicht nur Landtags- und Europawahlen, sondern auch die nächste Bundestagswahl ansteht, sagt Giulia Fioriti: „Da muss ganz schnell was passieren.“

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