Stuttgart setzt Pflanzenkohle bereits vereinzelt als „Müsliriegel“ für Bäume ein. Nun lotet die Stadt aus, ob die kleinen CO2-Speicher auch als Zutat beim Bauen taugen.
Grünabfälle gegen die Klimakrise und als nachhaltige Energiequelle? Eine Stuttgarter Delegation ist jüngst in die Schweiz gereist, um sich genau das anzusehen: wie Basel mit dem kontrollierten Verkohlen von Pflanzenresten nicht nur CO2 speichert, sondern gleichzeitig Wärme erzeugt.
Der chemische Prozess dahinter, bekannt als Pyrolyse, verwandelt Grünabfälle bei Temperaturen zwischen 550 und 800 Grad und unter Ausschluss von Sauerstoff in klimafreundliche Pflanzenkohle und Heizenergie. Ein Modell, das Stuttgart nun genauer prüft.
Pyrolyse-Anlage in Stuttgart wäre wirtschaftlich attraktiv
In Basel ist die erste Pyrolyse-Anlage bereits erfolgreich in Betrieb, eine zweite steht kurz vor dem Start. Die dort entstehende Wärme speist das Fernwärmenetz, während die CO2-speichernde Pflanzenkohle einen zweiten Nutzen findet: Basels Stadtgärtnerei verarbeitet sie zu nährstoffreichem Pflanzenkohle-Kompost.
Ob auch auf Stuttgarter Gemarkung eine solche Anlage entstehen wird, ist noch nicht entschieden. Die Stadt Stuttgart bestätigt zwar die wirtschaftliche Attraktivität eines kommunalen Betriebs, denkt aber auch über alternative Konzepte nach. So wäre etwa denkbar, dass die Stadt ihren Grünschnitt an eine private Firma liefert und im Gegenzug die fertige Pflanzenkohle abnimmt.
Fest steht: Die Pflanzenkohle soll verstärkt zum Einsatz kommen. Derzeit wird Grünschnitt in Stuttgart kompostiert, teilweise energetisch genutzt oder auch exportiert, teilt die Stadt mit. Diese Verfahren verursachten Treibhausgasemissionen. „Um das Klimaziel der Stadt zu erreichen, brauchen wir aber Negativemissionen,“ sagt Max Schuchardt, der Koordinator der städtischen Bioökonomiestrategie.
Hier kommt die Pyrolyse als Möglichkeit ins Spiel: Denn anders als bei der Verbrennung wird der Kohlenstoff der Biomasse bei dem Vorgang nicht freigesetzt – er verwandelt sich stattdessen in Pflanzenkohle, die das CO2 mehrere Jahrhunderte lang speichert. Wird die Kohle wiederum als Baumsubstrat verwendet, kommen weitere positive Aspekte zum Tragen: Sie lockert die Erde auf, speichert Wasser und Nährstoffe und wirkt wie ein „Müsliriegel“ für Bäume.
In Stuttgart ist die Pflanzenkohle unter anderem in der Seyfferstraße im Einsatz, in den nächsten Monaten soll sie auch unter neue Stadtbäume gepflanzt werden.
Stuttgart arbeitet an klimafreundlichem Beton mit Pflanzenkohle
Zusätzlich hat die Stadt eine Arbeitsgruppe gegründet, die eine Beton-Rezeptur mit Pflanzenkohle als Zutat entwickeln soll. So könnte sie als Kohlenstoffsenke im Bau zu Negativemissionen beitragen – und damit zum Ziel der Stadt, bis 2035 klimaneutral zu sein. „Beim Beton gibt es noch technische Herausforderungen, die Potenziale in der Anwendung sind jedoch enorm, da der Bausektor einen sehr großen Teil der globalen Treibhausgas-Emissionen ausmacht“, teilt die Stadt mit.
An der Arbeitsgruppe beteiligt sind demnach das Tiefbauamt, die Materialprüfanstalt der Universität Stuttgart, Lokale Recyclingunternehmen und Betonhersteller. Zudem gebe es Austausch mit der ETH Zürich und der Ostschweizer Fachhochschule.
Pyrolyse-Pionier freut sich über Entwicklung
In Leinfelden-Echterdingen steht bereits eine Pyrolyse-Anlage. Von dort aus beliefert Thorsten Alxneit mit seinem Unternehmen SCS (Sustainable Century Stuttgart) auch Stuttgart mit Pflanzenkohle für Baumpflanzungen und -revitalisierungen. Zunächst war das Pyrolyse-Start-up in Stuttgart-Obertürkheim ansässig gewesen, dann zog es auf die Fildern. Alxneit warf der Stadt damals „Innovationsfeindlichkeit“ vor, was diese zurückwies.
Dass sich die Stadt nun intensiv mit der Pyrolyse auseinandersetzt, freut Alxneit. „In Basel sind sie schon ein Stück weiter als wir“, sagt er. Eine kommunale Pyroloyse-Anlage sähe er dabei nicht als Konkurrenz. „Selbst wenn die Stadt Stuttgart ihren Grünschnitt kostenlos abgeben würde, könnten wir aktuell nur ein Siebtel der Menge abnehmen“, sagt er. „Da ist also schon noch Platz für weitere Player.“