Kostenexplosion in Stuttgart Baukosten für das Klinikum steigen um satte 102 Prozent
Die gestiegenen Preise schlagen massiv auf die letzten Bauabschnitt am Stuttgarter Katharinenhospital durch. Aber auch die Demografie spielt eine Rolle.
Die gestiegenen Preise schlagen massiv auf die letzten Bauabschnitt am Stuttgarter Katharinenhospital durch. Aber auch die Demografie spielt eine Rolle.
Die zwei letzten Neubauabschnitte des Klinikums der Landeshauptstadt am Standort Katharinenhospital (KH) verteuern sich massiv. Gegenüber der Berechnung aus dem Juli 2020 steigen die Kosten um mehr als 100 Prozent. Der Verwaltungsrat des Klinikums hat nun in nicht-öffentlicher Sitzung die weitere Planung und den Bau des ersten von zwei Abschnitten an den Generalübernehmer Gustav Epple/Salvia dem Vernehmen nach einstimmig gebilligt. Vorangegangen war eine europaweite Ausschreibung. Für den ersten Bauabschnitt werden maximal 239 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Vorbereitende Arbeiten laufen seit Monaten, der Neubau soll Anfang 2026 gestartet werden. Das Projekt „schreitet seit Jahren erfolgreich voran“, so die Botschaft an den Verwaltungsrat.
Das gesamt Vorhaben mit dem Neubau der mit den Buchstaben A, B und E gekennzeichneten Häuser samt Hubschrauberlandeplatz zwischen der Kriegsbergstraße und der Frauen- und Kinderklinik (Olgäle) wird nach der jüngsten Kalkulation nicht mehr 442,7, sondern 892,5 Millionen Euro kosten. Die Stadt rechnet mit einem Landeszuschuss in Höhe von 461,5 Millionen Euro.
Eigentlich sollten alle Neubauten am KH bis Ende 2028 fertig werden, inzwischen wird das dritte Quartal 2033 genannt. Danach soll bis 2035 das Umfeld für rund 15 Millionen Euro ansprechend gestaltet und begrünt werden. Die Gesamtkosten für die Neuordnung am Katharinenhospital steigen mit den letzten Abschnitten auf 1,283 Milliarden Euro und damit um 472,6 Millionen Euro.
Bereits in Betrieb ist seit dem Jahr 2022 am KH das Haus F mit den Abteilungen Radiologie, Innere Medizin, Intensivstation mit 60 Bettenstationen mit rund 250 Betten sowie seit 2024 das Haus G an der Ecke Kriegsbergstraße/Herdweg mit Cancer Center, Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl, Onkologischer Tagesklinik, medizinischem Versorgungszentrum und Nuklearmedizin. Zum Klinikum zählen die Standorte Katharinenhospital, Olgäle und Frauenklinik in der Stadtmitte und das Krankenhaus Bad Cannstatt. Das Klinikum zählt rund 9000 Mitarbeitende. Sie versorgen jährlich 80 000 bis 90 000 Patienten stationär und rund 600 000 Menschen ambulant.
Der Gemeinderat billigte nun die Kostenentwicklung, nur Christoph Ozasek (Puls) enthielt sich. Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) nannte das Vorhaben „gut geplant, solide kalkuliert und unverzichtbar“. Klaus Nopper sagte für die CDU-Fraktion, das Krankenhaus zähle zum „Kerngehalt kommunaler Daseinsvorsorge“. Stephanie Moch (Grüne) sagte, der Neubau sei eines „der zentralen Zukunftsprojekte und kein Luxus“. Für die Fraktion SPD/Volt kritisierte Clara Streicher die Rolle des Landes als Zuschussgeber, der „deutlich mehr beitragen“ müsse. Eine gute Gesundheitsinfrastruktur sei ein Wirtschaftsfaktor. Fraktionssprecherin Johanna Tiarks (Linke/SÖS-plus) monierte ebenfalls, das das Land seiner Verpflichtung zur kompletten Übernahme der Investitionskosten nicht nachkomme. Der dem Klinikum auferlegte Eigenanteil von 156 Millionen Euro würde daher letztlich von „Beschäftigten und Patienten bezahlt“. Dass der Anteil geleistet werden könne, sei „nicht zu erwarten“, so AfD-Fraktionschef Michael Mayer. Denn das Klinikum werde „nie eine schwarze Null schreiben können“. FW-Fraktionschefin Rose von Stein lobte die herausragende Bedeutung des Hauses als Maximalversorger. „Wir sind stolz auf das Klinikum“, sagte Cornelius Hummel für die FDP. Ina Schumann (Puls) bezeichnete den Neubau als „enormen Schritt nach vorn“.
Da der Finanzierungsanteil des Klinikums auf 156 Millionen Euro gedeckelt ist, muss der Rest in den nächsten Jahren aus dem voraussichtlich bis 2030 defizitären Stadthaushalt und somit auch über Schulden beglichen werden. Der städtische Anteil steigt um 196 auf 461 Millionen Euro. Zu den hohen Investitionen kommen hohe Betriebszuschüsse der Stadt. Das Defizit im Klinikum lag 2024 bei rund 49 Millionen Euro – 1,8 Millionen mehr als 2023 und zehn Millionen mehr als geplant.
Hauptgrund für die extremen Kostensteigerungen bei den letzten Häusern sind laut Gemeinderatsvorlage Baupreissteigerungen (plus rund 293 Millionen Euro) und Erweiterungen des Funktionsumfangs und damit der Baumasse mit plus rund 157 Millionen.
In dem neuen Gebäuden sollen auf mehr als 45 000 Quadratmeter Nutzfläche zentrale Einrichtungen angesiedelt werden. Zunächst sind acht OP-Säle für rund 53 000 Eingriffe pro Jahr geplant, außerdem die Interdisziplinäre Notaufnahme, Sterilgutversorgung und Bettenstationen. Das Klinikum rechnet nicht nur durch die Übernahme der Sportklinik, des Rot-Kreuz-Krankenhauses und der Sana-Herzchirurgie mit mehr Operationen, sondern nun auch „in Folge der Demografie und von Konzentrationseffekten“. Daher seien bis zum Jahr 2033 mit 4,4 Prozent mehr stationären Fällen und sogar mit 17,8 Prozent mehr Fällen mit „Operationsanteilen“ zu rechnen.
Deshalb wird nun bereits im ersten Bauabschnitt die OP-Kapazität durch eine zusätzliche Etage mit 2800 Quadratmeter Nutzfläche erhöht. Außerdem ersetzt ein neuer Tunnel für die Logistik in den drei Untergeschossen eine 70 Jahre alte Verbindungsröhre. Ein Kostentreiber ist das Bauen im beengten Bestand. Der Betrieb im Katharinenhospital als Maximalversorger und der angrenzenden Frauen- und Kinderklinik muss während der gesamten Bauzeit weiterlaufen. Das Projekt unterliege „einem hohen zeitlichen Risiko“, heißt es in der Vorlage an den Gemeinderat.