Krise der Automobilindustrie Früher bei Mercedes, jetzt im Handwerks-Betrieb

Bei Handwerksunternehmen der Region Stuttgart bewerben sich auch manche Ex-Beschäftigte von Mercedes und Bosch. Foto:  

Das Handwerk der Region leidet unter der Krise bei Mercedes, Mahle und Bosch. Die Aufträge nehmen ab, die Azubi-Zahlen gehen zurück. Dafür gibt es Bewerber aus der Automobilindustrie.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Die Krise der Automobilindustrie vermasselt manchem Handwerksbetrieb in der Region Stuttgart derzeit das Geschäft. „Vor zwei Jahren haben Betriebe eher gefragt, wo sie die nächste Fachkraft herbekommen – jetzt dreht sich die Frage um den nächsten Auftrag“, sagt Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, als er für die rund 33000 Handwerksbetriebe das Geschäftsjahr 2025 bilanziert.

 

Das lässt sich auch an den aktuellen Azubi-Zahlen ablesen. Die Zahl der neuen Ausbildungsverhältnisse sank im vergangenen Jahr nach drei guten Jahren mit 3993 wieder unter die Marke von 4000 – ein Minus von 1,7 Prozent. In Stuttgart und im Landkreis Böblingen jedoch, wo besonders viele Arbeitsplätze an der Automobilindustrie hängen, fiel das Minus mit 4,4 bzw. 6,5 Prozent weitaus deutlicher aus. Rückgänge gibt es insbesondere bei den in der Industrie wichtigen Kfz-Mechatronikern, Informationselektronikern und Feinwerkmechanikern.

„Die Betriebe haben aus Risikovorsorge die Ausbildungszahlen reduziert. Wer früher vier Azubis eingestellt hat, nimmt vielleicht nur noch drei“, sagt Friedrich. Außerdem sei die Zahl der Schulabsolventen gefallen, während mehr junge Menschen ohne Abschluss die Schule verließen. Erfreulich aus Sicht der Handwerkskammer: Die Zahl der Azubis mit Abitur oder Fachhochschulreife stieg rasant (plus 17,4 Prozent). Knapp jeder fünfte Azubi ist derzeit weiblich – das Handwerk bleibt damit weiterhin eine von Männern dominierte Branche.

Mit den neuen Azubis lässt sich das Fachkräfteproblem nicht ansatzweise lösen. Gehen die geburtenstarken Babyboomer in Rente, reißen sie eine große Lücke auf. Rund 30000 der derzeit rund 180000 Beschäftigten des Handwerks der Region würden dann in Rente gehen, verdeutlicht Friedrich. „Es macht uns Sorgen, dass man weniger ausbildet.“

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Eine künftige Landesregierung müsse deshalb die Fachkräftesicherung in den Mittelpunkt stellen, betont Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer. Fachkräfte würden vor allem in Bau- und Elektroberufen sowie in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik fehlen. Dazu brauche es aber eine verlässliche Betreuung der Kinder in der Kita und an den Schulen, damit mehr Eltern im Handwerk arbeiten oder einen Betrieb übernehme könnten.

Die Unternehmensnachfolge ist eines der drängendsten Probleme der Branche. 5000 Betriebe der Region Stuttgart suchten in den kommenden fünf Jahren eine Nachfolge, so Reichhold. Es gehe darum, „Arbeitsplätze, aber auch das Know-how zu erhalten“. Reichhold macht gerade jüngeren Unternehmern Mut: „Das ist eine echte Karrierechance.“

Auch für Ex-Beschäftigte der Autoindustrie ist das Handwerk eine Option

Auch für manchen Ex-Beschäftigten der Automobilindustrie scheint ein Job im Handwerk eine Option zu sein, wie Hauptgeschäftsführer Friedrich betont. Warben einst die Automobilbauer mit kürzeren Arbeitszeiten und höheren Löhnen den Handwerksbetrieben Fachkräfte ab, ist dieser Trend offenbar gestoppt. „Es gibt vermehrt Bewerbungen aus der Industrie“, betont Friedrich.

Bei der Qualifizierung spielten neben fachlichen Dingen auch „Mentalitätsthemen“ eine Rolle, so Friedrich. „Es ist tatsächlich etwa anderes, ob ich an einem sehr stark prozessorientierten Arbeitsplatz in der Industrie arbeite oder im Handwerk, wo ich in einem kleinen Team selbstständig unterwegs bin.“ Dennoch gäbe es auch das ein oder andere Beispiel aus der Automobilwirtschaft, wo ein Beschäftigter mit der Abfindung ein eigenes Handwerksunternehmen gegründet habe.

Mit der Abfindung einen Handwerksbetrieb gründen

Damit haben indirekt auch Mercedes, Bosch & Co. einen kleinen Anteil daran, dass im Handwerk die Zahl der Betriebe in der Region Stuttgart trotz Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr leicht gestiegen ist. Sie wuchs um 653 auf 33.256. Allerdings konzentrierte sich das Wachstum stark auf die zulassungsfreien Gewerke wie etwa Kosmetikstudios oder die Gebäudereinigung.

Dagegen nahm die Zahl der zulassungspflichtigen, wirtschaftlich weitaus bedeutenderen Handwerksbetriebe merklich ab. Besonders betroffen waren das Bau- und Ausbaugewerbe, darunter viele Fliesenleger, Stuckkateure und Maurer.

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