Demokratie stirbt im Dunkeln. Dieser während Donald Trumps erster Amtszeit von der Washington Post zum Motto gemachte und nun wohl selber nicht mehr beachtete Leitsatz beschreibt eine bittere Wahrheit, die auf lokaler und regionaler Ebene in den USA schon seit vielen Jahren Realität ist. Doch während Donald Trumps Übergriffe auf die nationalen Leitmedien und Nachrichtenagenturen nun weltweit Schlagzeilen machen, ist der kritische lokale und regionale Journalismus in den USA schleichend und sozusagen im Dunkeln erodiert.
Massive Erosion durch das Internet
Das traditionelle Geschäftsmodell der Tageszeitungen und der auch lokale Nachrichten anbietenden Fernseh- und Radiosender funktioniert gegenüber dem Gratisangebot im Internet nicht mehr. Der steile Absturz begann in den Vereinigten Staaten schon früher als in Deutschland – bereits Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
In den vergangenen zwanzig Jahren sind in den USA 3200 Zeitungen verschwunden, allein 130 im vergangenen Jahr – also im Durchschnitt mehr als zwei jede Woche. Die von der Northwestern University in Illinois unterstützte Local News Initiative spricht aktuell von 55 Millionen Amerikanern, die ohne qualitative lokale Berichterstattung sind. Dazu zählt man auch Regionen, in denen ein einziger Anbieter dominiert. Für diese Monopolisten ist Journalismus meist nur ein Nebenschauplatz. In 206 Counties – das sind in den USA politische Einheiten unterhalb der Bundesstaatsebene, die deutlich größer und oft politisch wichtiger sind als deutsche Kreise – gibt es keinerlei journalistische Berichterstattung mehr. „News Deserts“, also Nachrichtenwüsten, werden sie genannt. Aktuell sind das sieben Prozent aller Counties. Tendenz rasch anwachsend. Nebenbei gesagt: In fast allen von ihnen errang Donald Trump im November deutliche Wahlsiege.
Großstädte ohne traditionelle Tageszeitung
Es gibt in den USA schon heute Ballungsgebiete ohne tägliche Berichterstattung durch eine Tageszeitung - auch wenn Onlinemeldungen weiterhin kontinuierlich erscheinen. Diese werden aber von radikal geschrumpften Redaktionen verfasst, die auf Onlinereichweite ausgerichtet werden. Politische Berichterstattung hat hier oft keine Priorität. So hat etwa in New Orleans, immerhin eine Stadt mit 365 000 Einwohnern, die damals 175 Jahre alte Times-Picyaune bereits 2012 ihr tägliches Erscheinen aufgegeben. Auch Großstädte wie Birmingham in Alabama, Salt Lake City oder Pittsburgh in Pennsylvania haben keine tägliche Zeitung mehr.
Investoren monopolisieren das Angebot
Immer mehr Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen wurden zudem in den vergangenen Jahren von Investoren übernommen. So besitzt beispielsweise allein die Gannett Gruppe, in der auch die Tageszeitung USA Today erscheint, 310 Publikationen. Die beiden nächst größeren Investoren kommen zusammen auf weitere 318. Diese immer größer werdenden Ketten versuchen durch Synergien bei Produktion und Vertrieb und vor allem durch massiven Personalabbau in den Redaktionen Renditen zu erzielen. Gleichzeitig haben einige davon eine klare politische Schlagseite nach rechts. Die Sinclair-Gruppe, die heute in den USA 200 lokale Fernsehsender kontrolliert, stand nach dem Muster des auch in Deutschland inzwischen bekannten, nationalen Senders Fox News immer auf der Seite von Donald Trump – und soll jetzt einen privilegierten Zugang zu den Pressekonferenzen des Weißen Hauses erhalten.
Gegenbewegung hat begonnen
Es gibt allerdings in den USA auch eine Gegenbewegung, die lokale und regionale Berichterstattung von Grund auf neu denkt. Das sind einerseits nicht renditegetriebene Modelle, oft in Kooperation mit bestehenden Medien. Stiftungsgelder und Spenden sind hier wichtige Säulen. Aber auch kommerzielle Neugründungen profitieren davon, dass sie ihr Onlineangebot von Grund auf neu aufziehen können. Die Local News Initiative nennt allein vier inzwischen national relevante, neu gegründete Nachrichtennetzwerke. Darunter sind Plattformen wie das 2016 gegründete Axios, die kritischen, auch trump-kritischen Journalismus auf nationaler Ebene mit lokalen Angeboten verbinden. Hier kommen den USA einige ihrer positiven Traditionen zu Gute: Einerseits die Offenheit, nicht kommerzielle Modelle zu wagen und andererseits eine im Vergleich zu Deutschland höhere unternehmerische Risikobereitschaft und Kreativität.