Der ehemalige AfD-Kreisrat Walter Müller (rechts) ist zur Werteunion (hier am Stand in Kornwestheim) gewechselt, für die er bei der Landtagswahl antritt. Foto: privat
Fast zehn Jahre lang mischte Walter Müller bei der AfD mit – doch das ist vorbei. Müller nennt rechtsextreme Tendenzen als Hauptgrund seines Austritts und Wechsels zur Werteunion.
Walter Müller ist ein Mann, der in der politischen Landschaft des Kreises Ludwigsburg Spuren hinterlassen hat – als AfD-Politiker und als umstrittene Figur im Kreistag. Im Frühjahr 2025 verließ er nach fast zehn Jahren die AfD und suchte sich mit der Werteunion eine neue politische Heimat. Für sie tritt der 73-Jährige jetzt im Wahlkreis Vaihingen als Kandidat der Landtagswahl am 8. März an. Wie kam es zu dem Sinneswandel – und inwieweit wirkt das Kapitel AfD bei ihm nach?
Politisch aktiv wurde Müller vor allem auf kommunaler Ebene. Er zog 2019 für die AfD in den Ludwigsburger Kreistag ein, wo er zunächst als Gruppensprecher einen knallharten Oppositionskurs fuhr. In die Schlagzeilen geriet Müller, als er im Dezember 2019 einen Eklat im Kreistag provozierte. Die Wohnungsknappheit im Land hatte er in seiner 28-minütigen Haushaltsrede ausschließlich auf die hohen Flüchtlingszahlen zurückgeführt.
Der Bericht des Bundesverfassungsschutzes über die AfD hat bei Walter Müller zum Parteiwechsel beigetragen. Foto: Imago/Christoph Hardt
Aus Protest verließen Kreisräte von SPD, Grünen, Linken sowie teilweise von bürgerlichen Fraktionen den Saal – der damalige Landrat Rainer Haas rügte Müller, weil er bei der Rede im Kreistag Bundes- und Landespolitik betrieben habe.
Bei der Kommunalwahl im Mai 2024 kandidierte Walter Müller noch auf der Liste der AfD für die Regionalversammlung Stuttgart. Als Spitzenkandidat im Landkreis Ludwigsburg zog der Diplom-Kaufmann im Ruhestand in das politische Gremium des Verband Region Stuttgart ein.
Müller entfremdete sich zunehmend von der AfD
Im April 2025 dann der Bruch: Müller erklärte seinen Parteiaustritt, saß zunächst als parteiloser Einzel-Regionalrat in der Regionalversammlung und schloss sich nach eigenen Angaben Anfang Juni 2025 der Werteunion an. Seitdem vertritt der Ex-AfDler im Regionalparlament die konservative Partei. Sein Mandat habe er bewusst nicht zurückgegeben, sagt Müller: „Das hätten meine Wähler nicht verstanden.“ Kommunalwahlen seien stark personenbezogen. Inhaltlich habe er sich jedoch zunehmend von der AfD entfremdet.
Aus seiner Sicht habe sich die AfD im Lauf der Jahre von wirtschaftspolitischen Kernthemen entfernt. Das ehemalige FDP-Mitglied Müller spricht von einer Entwicklung hin zu schärferen Tönen, internen Machtkämpfen und politischen Strömungen, mit denen er sich nicht mehr identifizieren könne.
Auch der 1000-seitige Bericht des Verfassungsschutzes vom Mai 2025 über die AfD als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ habe für ihn eine entscheidende Rolle gespielt: „Gerichtsverfahren gegen AfD-Politiker häuften sich, und gebotene Parteiausschlussverfahren gegen Mandatsträger wegen nachgewiesener verfassungsfeindlicher Äußerungen unterblieben.“
Im Frühjahr 2025 – mit Erscheinen des Verfassungsschutzberichtes – seien für ihn „rote Linien überschritten“ worden. Hinzu kamen nach seiner Darstellung parteiinterne Vorgänge, die er als belastend empfand – sowohl im AfD-Kreisverband Ludwigsburg als auch auf Landesebene. Entscheidungen über Parteistrukturen und Kandidatenaufstellungen hätten für ihn den Eindruck verstärkt, dass innerparteiliche Mitbestimmung zunehmend eingeschränkt worden sei. So seien nicht mehr alle Mitglieder bei Parteitagen stimmberechtigt gewesen, sondern nur noch Delegierte. All das habe letztlich zu seinem Austritt geführt.
Walter Müller war 2016 der AfD beigetreten. Als Betriebswirt fühlte er sich zu einem wirtschaftsliberalen Programm hingezogen, das eine Reform des Euro und eine stärkere Souveränität Deutschlands in der EU anstrebte. Doch die Entwicklung der AfD sollte eine andere Richtung nehmen. Zunehmend wurden Themen wie Migration, nationale Identität und eine starke Ablehnung der etablierten Parteien und deren Politik in den Fokus genommen. Für Müller wurde diese Verschiebung immer problematischer. Dennoch blieb er der Partei treu.
„Die AfD war für mich auch ein Ort des Widerstands gegen die Merkel-CDU und ihre Richtung.“
Walter Müller, ehemaliger AfD-Politiker
Walter Müller fühlte sich wohl in der Rolle des Oppositionellen: „Die AfD war zu diesem Zeitpunkt die einzige politische Kraft, die sich gegen die etablierte Politik stellte. Sie war für mich auch ein Ort des Widerstands gegen die Merkel-CDU und ihre Richtung“, erklärt der Vaihinger aus dem Teilort Ensingen. Besonders im Ludwigsburger Kreistag, in dem er als AfD-Abgeordneter saß, fiel er durch eine harte und kategorische Rhetorik auf. Müller vertrat seine Positionen kompromisslos. An einem Konsens schien er selten interessiert – beispielsweise beim Thema Windkraft, die er in der Region vehement ablehnt.
Müller will das wertkonservative Spektrum stärken
Der Wechsel zur Werteunion ist für Müller ein bewusster politischer Neustart. Die Partei versteht er als konservative Alternative, die Raum für seine wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen biete. Eine Stimme für die Werteunion sei aus seiner Sicht sinnvoller, um das wertkonservative Spektrum zu stärken.
Ob der Schritt zum Erfolg führt? Die Werteunion ist erst ein Jahr alt und organisatorisch noch im Aufbau – die beiden Wahlkreise Ludwigsburg und Bietigheim-Bissingen sind ohne Kandidaten geblieben. Müllers Landtagskandidatur wirkt wie ein Versuch, nach einer langen AfD-Zeit noch einmal eine politische Heimat zu finden.