Vincent Koch und Ksenia Kurkova, 17 und 16 Jahre alt, durften bei der Landtagswahl zum ersten Mal mitbestimmen. Foto: Stefanie Schlecht
Zum ersten Mal dürfen bei der Landtagswahl auch Jugendliche ab 16 Jahre abstimmen. Zwei junge Böblinger erklären nach ihrer Stimmabgabe deutlich, was sie von der Politik erwarten.
Sonntagvormittag, 10 Uhr, am Lise-Meitner-Gymnasium (LMG) in Böblingen: Es ist Landtagswahl in Baden-Württemberg und die Schule in der Triberger Straße ist eines von 25 Wahllokalen der Stadt. Bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein gehen zahlreiche Wählerinnen und Wähler ein und aus. Ältere, die schon unzählige Wahlen miterlebt haben, geben ihre Stimme genauso ab wie Menschen mittleren Alters oder junge Paare. Eines ist aber neu an jenem Sonntag: Erstmalig dürfen auch Jugendliche ab 16 Jahren abstimmen.
Zu der Gruppe der Erstwähler gehören auch zwei junge Böblinger, Ksenia Kurkova, 16 Jahre, und Vincent Koch, 17 Jahre. In der Erich-Kästner-Schule – nur wenige Schritte entfernt von seiner ehemaligen Schule, dem Lise-Meitner-Gymasium, hat Vincent Koch am Sonntagmorgen seine Stimme abgegeben. „Zum ersten Mal in ein Wahllokal einzutreten, den Wahlschein zu bekommen und sein Kreuz zu machen, war spannend. Ich habe auch eine gewisse Verantwortung gefühlt“, erzählt Koch einige Minuten nach dem Moment, als er seinen Wahlzettel in die Urne geworfen und damit zum ersten Mal in seinem Leben an einer politischen Wahl teilgenommen hat.
„Ich habe in der Wahlkabine nochmal hin- und herüberlegt“
„Aufgeregt“ fühlte sich Ksenia Kurkova, als sie am Sonntag kurz vor 10 Uhr in Begleitung ihrer Eltern ins LMG eintrat und der oft zitierten sogenannten Bürgerpflicht nachkam. „Zum ersten Mal wählen zu dürfen, hat sich gut angefühlt. Es war definitiv etwas Besonderes“, sagt Kurkova. Noch in der Wahlkabine habe sie kurz darüber nachgedacht, wem sie letztlich ihre Stimmen geben soll. „Ich habe schon meine politischen Vorstellungen, habe dann aber nochmal hin- und herüberlegt, wie ich meine Stimmen vergebe, ob ich doch strategischer wähle und was jetzt die richtige Entscheidung ist“, sagt Ksenia Kurkova, die seit 2026 Mitglied des Jugendgemeinderats in Böblingen ist.
Ksenia Kurkova wünscht sich für junge Menschen wie sie mehr Beachtung. Foto: Stefanie Schlecht
Die 16-jährige Goldberg-Gymnasiastin hat sich merklich intensiv mit den Auswirkungen politischer Entscheidungen auf vor allem ihre Bevölkerungsgruppe auseinandergesetzt. Entsprechend reif klingt die Einschätzung, weshalb Nicht-Wählen keine Option sein sollte: „Wählen ist wichtig für unsere Gesellschaft. Die eigene Stimme hat Gewicht. Wenn man die Chance nicht wahrnimmt, ist das traurig und schade, weil man sich aktiv auch gegen extremistische Parteien entscheiden kann“, unterstreicht Kurkova.
Inhaltlich waren die beiden Erstwähler gut vorbereitet
Im Vorfeld dieser für sie besonderen Wahl habe sich die 16-Jährige auf verschiedenen Ebenen informiert. „Ich war auf Podiumsdiskussionen, habe im Internet die Wahlprogramme gelesen, Flyer gelesen und an Ständen mit Abgeordneten diskutiert und kritische Fragen gestellt. Auch mit einigen meiner politisch interessierten Freunden und natürlich meinen Eltern habe ich mich ausgetauscht“, sagt Ksenia Kurkova. Genauso hat sich auch Vincent Koch inhaltlich auf die Wahl vorbereitet.
Vincent Koch hat mit Freude zum ersten Mal gewählt. Foto: Stefanie Schlecht
Vincent Koch erwähnt mit Instagram und Tiktok zwei Plattformen, auf der Jugendliche nicht nur vor der Landtagswahl stark mit politischen Inhalten konfrontiert sind: „Neben den Parteien, vor allem AfD und Linke, sind viele Einzelpersonen als Influencer unterwegs, die Politisches erklären, oft auch gut, sodass wir auch hier Infos herholen.“
Jugendliche Themen könnten eine größere Rolle spielen
Dass sie bei dieser Landtagswahl mitwählen durften, erfreut die beiden Schüler auch deshalb, weil sie ihre Interessen im Politikbetrieb sonst viel zu wenig beachtet sehen: „Die Politik interessiert sich kaum für jugendliche Anliegen: Ob Umwelt und Klima oder ganz besonders Schule und Bildung, wir haben nicht das Gefühl, dass diese für uns jeden Tag so wichtigen Themen von der Politik so wahrgenommen werden, dass sich hier etwas verbessert“, beklagt Kurkova und nennt zwei konkrete Bereiche: „Wir müssten mehr in Schulen investieren und ein verlässlicheres ÖPNV-System aufbauen“, wünscht sich die 16-Jährige.
Vincent Koch pflichtet ihr bei und nennt ein weiteres Thema, das für seine Generation Diskussionsthema ist und für seine persönliche Wahlentscheidung eine Rolle gespielt hat: „Die Wehrpflicht, die wieder aktiviert werden soll, sehe ich persönlich sehr kritisch. Das ist ein großer Eingriff in unsere Freiheit“, betont Vincent Koch. Das gehe vielen anderen vor allem jungen Männern ähnlich.
Mit ihrer Wahlentscheidung erhoffen sich die beiden Erstwähler einen Beitrag geleistet zu haben, jugendliche Themen mehr in den Fokus zu setzen. Den Wahlsonntag, der angesichts knapper Umfragen für Grüne, CDU oder auch der Linken zu einem Krimi werden könnte, werden Ksenia Kurkova und Vincent Koch mitverfolgen – zum ersten Mal nicht als junge Außenstehende, sondern als Wählerinnen und Wähler und damit aktiver Teil der Gesellschaft.