Letzte Ruhe im Wald Neuhausen plant den ersten Bestattungswald im Kreis Esslingen
Bestatter sind begeistert von dem Projekt: Die Nachfrage nach der alternativen Beisetzungsart steigt, die Angebote in der Region sind knapp.
Bestatter sind begeistert von dem Projekt: Die Nachfrage nach der alternativen Beisetzungsart steigt, die Angebote in der Region sind knapp.
Christian Haller ist begeistert: „Das wäre super. Friedwälder sind der Renner. Die Nachfrage nimmt ständig zu.“ Der Geschäftsführer des gleichnamigen Bestattungsinstituts mit Filiale in Ostfildern-Ruit meint einen Plan der Gemeinde Neuhausen, im Horber Wald westlich der Straße nach Wolfschlugen einen 35 Hektar großen Bestattungswald einzurichten. Er wäre der erste und vorerst einzige im Kreis Esslingen. Der Gemeinderat stimmte zu, doch der Weg zu letzten Ruhestätte in der Natur ist weit, die behördlichen Auflagen sind hoch.
Das Landratsamt muss für sie einstehen, mit dem Landratsamt muss die Gemeinde in Verhandlungen treten. Außerdem gehört das vorgesehene Waldstück gar nicht Neuhausen, sondern dem Land. Von ihm – genauer: dem Staatswald-Betrieb Forst BW – ging der Impuls zur Einrichtung der alternativen Beisetzungsstätte aus, teilt die Gemeinderatsvorlage mit. Da die Fläche auf Neuhausener Gemarkung liegt, fungiert die Kommune zwar als Antragsstellerin und künftige Betreiberin. Viele Entscheidungen sind ihr aber aufgrund der Besitzverhältnisse aus der Hand genommen.
Womit einige Fragen im Gemeinderat schon beantwortet waren, bevor sie gestellt wurden. Etwa die naheliegende des CDU-Fraktionsvorsitzenden Dominik Morár, ob man das Projekt als Kommune nicht selbst stemmen könne. Nein, könne man nicht, beschied Ordnungsamtsleiter Uwe Schwarz, weil Forst BW mit dem privatwirtschaftlichen Anbieter Fried-Wald kooperiere.
Indirekt hatte sich dadurch auch Morárs zweite Frage erübrigt: Ob es einen Vorrang für verstorbene Neuhausener gebe? Den gibt es nicht, denn die letzte Reise kann in diesem Fall einen durchaus irdischen Tourismus nach dem Tod bedeuten. Der Friedwald muss für alle offenstehen, ohne Rücksicht auf Wohnort und Herkunft. So sieht es das Geschäftskonzept von Fried-Wald vor, bestätigt Pressesprecher Peter Scheffler.
Die Bestatter begrüßen dieses Modell unisono, denn „es fehlt vor allem in Ballungsgebieten an alternativen Grabarten“, sagt Manuel Dorn, Mitinhaber des Esslinger Bestattungsinstituts Dorn. Seine Kollegin Lisa Ulfig vom Denkendorfer Bestattungsunternehmen J. Homburg pflichtet bei: „Der Trend zum Friedwald ist ausgeprägt, die Nachfrage enorm. Aber die nächsten Friedwälder liegen 30 bis 40 Kilometer entfernt.“ Nämlich im Schurwald bei Göppingen, im Schönbuch bei Tübingen und in Münsingen auf der Alb. Ausdrücklich begrüßt sie deshalb das Neuhausener Projekt.
„Der Wandel in der Bestattungskultur ist einfach da“, erklärt Dorn. Und Ulfig sagt: „Die Bereitschaft zur Grabpflege geht zurück.“ Die pflegefreien Baumgräber als letzte Ruhestätte garantieren auch den Angehörigen ihre Ruhe. Was kein Vorwurf sein soll. Ulfig wie Dorn verweisen auf veränderte gesellschaftliche Lebensumstände, vor allem die hohe Mobilität. Auch die gestiegene Lebenserwartung mag eine Rolle spielen. Viele Angehörige sind so betagt, dass sie sich Grabpflege nicht mehr zutrauen.
Studien wie jene des Kölner Rheingold-Instituts für Trend- und Meinungsforschung von 2023 belegen aber auch, dass sich nicht nur aus vorauseilender Rücksichtnahme immer mehr Menschen für ihre Beisetzung im Friedwald entscheiden. In der veränderten Bestattungsform spiegelt sich eine veränderte Einstellung zum Tod. Die Vorstellung, mit einem Baumgrab in den Kreislauf der Natur zurückzukehren, ist laut der Studie für über 90 Prozent der Befragten tröstlicher als das traditionelle Begräbniszeremoniell. Wobei die Abkehr von christlicher Symbolik nicht unbedingt Distanz zum Glauben bedeutet, sondern nur zu jener Symbolik, deren Botschaft man nicht mehr versteht. Der grüne Wald steht vielen näher, scheint fasslicher und anschaulicher.
Der Wald ist aber bei allem Pantheismus auch mit profanen Dingen konfrontiert, so er als Bestattungsstätte dienen soll. Der Frage nach Zufahrt und Parkplätzen etwa. Von 20 Stellplätzen ist in Neuhausen die Rede. Waldbestattungen fänden erfahrungsgemäß eher in kleinem Rahmen statt, sagte Ordnungsamtsleiter Schwarz. Für die Verkehrssicherheit vor Ort ist Forst BW als Grundeigentümer verantwortlich.
Weitere Fragen im Gemeinderat blieben vorerst unbeantwortet. Namentlich die nach Kosten und Verwaltungsaufwand, die Mariela Herzog von den Freien Wählern und Mirjam Brielmaier von der Initiative Grüne Liste stellten; ebenso die nach eventuellen Einnahmen oder Vorteilen für die Gemeinde (Ulrich Krieger, Freie Wähler) oder nach der Nutzungsdauer der Bestattungsfläche (Dietmar Rothmund, SPD). Brielmaier und Morár schlugen vor, Kontakt aufzunehmen mit dem angrenzenden Waldkindergarten und anderen Anrainern sowie Jägern. Erste Gespräche seien schon geführt worden, sagte Schwarz. Ansonsten „müssen wir jetzt erst einmal das Genehmigungsverfahren beim Landratsamt anleiern“.
Es kann also noch dauern, bis im Horber Wald unter allen Wipfeln letzte Ruh’ ist; bis eingeäschertes Menschenleben dank biologisch abbaubarer Urnen ins Erdreich übergeht. Und keinen Grabschmuck oder sonstige Spuren hinterlässt außer vielleicht einem Namensschild am Baum, der für 99 Jahre den Totenwächter macht. Übrigens mit Grundbucheintrag.
Friedwald
Auch wenn sich das Wort im Sprachgebrauch eingebürgert hat: Ein Friedwald ist nicht einfach das, was man sich darunter vorstellt, sondern eine geschützte Marke der Firma Fried-Wald GmbH. Neben der Ruhe-Forst GmbH ist sie der marktbeherrschende Anbieter in Deutschland. Friedwälder sind im strengen Rechtssinn nur die von der Fried-Wald GmbH betriebenen Flächen. Die korrekte Bezeichnung für die Sache statt die Marke lautet: Bestattungswald. Deren erster wurde 1999 in der Schweiz genehmigt, 2001 folgte Deutschland.
Nachfrage
Heute gibt es in Deutschland rund 200 Bestattungswälder. Eine Statistik über die Gesamtzahl der dortigen Beisetzungen wird nicht geführt. Die Firma Fried-Wald vermeldet im Jahr rund 280 Bestattungen in jedem ihrer derzeit 89 Wälder. Bestatter berichten von einer stark ansteigenden Nachfrage.