Lost Place Stuttgart Plätze in Stuttgart und ihre grauenhafte Architektur

Österreichischer Platz, Charlottenplatz, Berliner Platz. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Marodes Stuttgart: Wer durch Stuttgart flaniert, entdeckt uninspirierte Fassaden und öde Kreuzungspunkte. Ein Spaziergang des Grauens – und ein verstecktes Kleinod im Osten.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Wer durch die Stadt geht, sieht viele Hinterteile. Breit und unförmig sind sie meistens, fast immer gehören sie zu Jahrgängen nach 1945. Gemeint sind all die Verkaufs- und Verwaltungsgebäude entlang der sich wie ein fetter Lavastrom ins Tal ergießenden Hauptachse Neckarstraße-B14-Hauptstätter Straße. Also grob gesagt, vom Neckartor bis zum Österreichischen Platz.

 

Aber klar, wer will sich schon seine schöne Vorderseite in Richtung Abgase drehen und einhusten, es tun einem ja schon die erstaunlicherweise trotz Feinstaubs immer noch halbwegs gut da stehenden Jugendstilgebäude entlang der B14 kurz vorm Neckartor leid. Besonders die darin wohnenden Menschen, die von den kleinen in Richtung Schnellstraße und Park zeigenden Balkonen allenfalls nachts mal Gebrauch machen können. Nach dem Krieg sollte die Stadt autogerecht werden, nichts, keine gut gestaltete Fassade offenbar vom schnellen Sauen durch die Stadt ablenken.

Stadtautobahn am Neckartor. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Wer aber dennoch zu Fuß unterwegs sein muss, der sieht an jeder Kreuzung: Stuttgart kann keine Boulevards und keine Plätze! Zumindest nicht mehr seit dem Zweiten Weltkrieg, auch wenn aktuell einiges an Stadtreparatur stattfindet. Sonntags, wenn sich keine Blechlawine durch die Stadtautobahn quält, könnte man den nun mit robusten Platanen gesäumten Weg vom Stadtmuseum bis zur Staatsgalerie fast als Flaniermeile bezeichnen.

Doch die vom irischen Dichter Samuel Beckett berühmt gemachte Neckarstraße – „Versäumen Sie in Stuttgart nicht,/sich die lange Neckarstraße anzusehen./Der Anreiz des Nichts ist dort nicht mehr das,/was er einmal war, weil man eben/den sehr starken Verdacht hat,/längst mitten darin zu sein“ – darf man sich getrost sparen.

An der Neckartorkreuzung, wo Fußgänger unter die Erde geschickt werden, um den Platz zu queren, ist man den Bäumen dankbar, dass sie die kastige Fassade des Gebäudes halbwegs verdeckt, in dem der ADAC seinen Sitz hat, von den anderen freudlosen Gebäuden am Eck abgesehen.

Uninspirierte Häuser-Rückseiten in Stuttgart

Den langen Marsch bis zum Gebhard-Müller-Platz entlang der Willy-Brandt-Straße blickt man entweder auf die Rückseite eines Ministeriums oder auf die kärglich begrünte Fassade eines Geschäftshauses, bis man zumindest beim Hotel Maritim unter dem gläsernen Laubendach Schutz vor Regen findet, bis man am steilen Zahn, dem Stuttgart 21-Schallbauwerk vorbeigeht.

Am S-21-Baustellen-Hotspot Gebhard Müller Platz, der definitiv kein Platz, maximal eine Megakreuzung ist, wurde zumindest ein denkmalgeschütztes Haus schon ordentlich saniert. Doch was und wie auf dem Platz gegenüber des Königin-Katharinastiftes entstehen wird, ob es auf die Schularchitektur gestalterisch reagieren wird?

Breuninger-Kaufhaus und Leonhardskirche noch halbwegs stehend – alles andere fast alles zerstört nach 1945. Die Chance, die Innenstadt menschen- und damit fußgängerfreundlich neu aufzubauen? Verpasst. Foto: IMAGO/piemags

Die Antwort darauf wird dauern, zumal die Schule einen Neubau erhält und der Platz also von Baustellen umtost bleibt, wenn der Bahnhof fertig ist. Plätze galten einst als Orte der Herrschafts- und Machtdemonstration sowie fürs Volk, um sich zu zeigen, zu promenieren. Berühmte, prächtige Plätze werden in Städten wie London, Paris oder Florenz vom Stadtmarketing beworben. Anders Stuttgart, die Landeshauptstadt Baden-Württembergs punktet mit Bauten am Rande der Stadt, dem Fernsehturm, der Weissenhofsiedlung, dem Mercedes- und dem Porschemuseum.

Gebhard-Müller-Platz. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Am Charlottenplatz erfreut zwar die kleine neue Bushaltestellen-Sitzgelegenheit, die im Zuge der Neugestaltung der Treppe vor dem Stadtpalais durch Stuttgarts LRO Architekten (die auch das Hospitalhofviertel aufgewertet haben) Blicke auf sich lenkt.

Ansonsten aber starren uninspirierte Hochhäuser ratlos auf die Kreuzung und das aus der Barockzeit stammende Gebäude, in dem das Institut für Auslandsbeziehungen untergebracht ist. Der Innenhof des ehemaligen Waisenhauses immerhin – lauschig mit seinem Baumbestand und der Außengastro. Ausnahmsweise sitzen hier die Stuttgarterinnen und Stuttgarter mal nicht mit der Nase vor Autokolonnen.

Charlottenplatz. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Seit neben dem Breuninger an der Ecke zur Else-Josenhans-Straße mit dem Enso eine schicke asiatische Lokalität lockt, ist zumindest der Weg bis zu Stuttgarts Traditionskaufhaus-Eingang belebt. Danach aber reihen sich die gestalterisch unbedeutenden Rückseiten von Verwaltungsgebäude aneinander, spaziergängerische Lost Places, von denen der am wenigsten scheußliche demnächst abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wird. Fotos gibt es von diesem Straßenzug nur, wenn dort Demonstrationen stattfinden.

Zwischen Breuninger und Wilhelmsplatz: triste Rückseiten von Gebäuden ohne Aufenthaltsqualität für Fußgänger. Foto einer Demo von 2021. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Wie auf der anderen Autobahnseite alles ausschauen wird, wenn der Mobility-Hub fertig ist und das Haus für Film und Medien? Hoffentlich weniger unwirtlich als früher mit dem Parkhaus. Aktuell sieht man dafür immerhin die Wohn- und Geschäftshäuserzeile mit den lärmgeplagten Läden, von denen Seifen Lenz eines der sympathischsten Urstuttgarter Geschäfte darstellt.

Anders als am Charlottenplatz wird am Wilhelmsplatz, wo auf der Seite der Wilhelmstraße noch einige alte Gebäude erhalten sind, an der Straße gegessen und getrunken. Rührige Gastronomen retten einen unwirtlichen Kreuzungspunkt.

Mit Restaurants und Cafés wird die schmale Bürgersteigseite bespielt. Und da immerhin, im denkmalgeschützten Haus am Wilhelmsplatz 1, entworfen 1879 von Johann Wendelin Braunwald, sieht man, wie man Eckhäuser einst gestaltet hat – mit zur Straße hin grüßendem Erker und Türmchen. Das Tiny House nebenan, Stuttgarts ältestes Innenstadtgebäude, wird derzeit renoviert.

Wilhelmsplatz. Foto: LICHTGUT/Leif Piechowski

Auf der anderen Straßenseite bringt der große Platz bis auf Henkerfest- und Wochenmarktzeiten keine Aufenthaltsfreude. Schade, wo doch der Sigmund-Brunnen aus dem frühen 19. Jahrhundert, vermutlich entworfen von dem berühmten Architekten Nikolaus Friedrich von Thouret (der auch die Fruchtsäule auf dem Cannstatter Wasen und die Domkirche St. Eberhard entworfen hat), mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Österreichischer Platz. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Viel gescholten und vermutlich unrettbar ist der Österreichische Platz mit seiner ehemals gefeierten Autofreundlichkeit. An der Kreuzung rund um das Straßengewirr stehen Gebäude jüngeren Datums, zum Teil im pseudo-postmodernen Stil. Sie werden maximal als Investorenarchitektur ihrer jeweiligen Entstehungszeit Eingang in Architekturarchive finden.

Berliner Platz. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Biegt man von dort ab in Richtung Stuttgart-West, steht man als Fußgänger wie als Autofahrer oft sehr lang am Berliner Platz. In traurigem Zustand befinden sich die meisten Nachkriegs-Flachdachbauten am Stadtbahnverkehrsknotenpunkt. Würde man sie aufstocken und gestalterisch ertüchtigen, könnte das lange Warten an den diversen Ampeln irgendwann wieder etwas angenehmer und zusätzlich Wohnraum (möglichst mit schalldichten Fenstern) geschaffen werden.

Platz im Stuttgarter Osten, Landhausstraße-Teckstraße. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Die diversen Stadtbahnhaltestellen eignen sich immerhin zu einem Abstecher zu einem Stuttgarter Kleinod, zu einem vom Weltkrieg und dem Nachkriegsfuror unbeschadet weiter bestehenden Kreuzungsplatz im Stuttgarter Osten. Fußgänger dürfen die Stadtbahn (U4 Richtung Untertürkheim und die U9 Richtung Hedelfingen) nehmen und am Ostendplatz aussteigen.

Wenn man bei der Apotheke in die Landhausstraße in die von dem Architekten Karl Hengerer entworfene Arbeiter- und Angestelltensiedlung einbiegt, sind es nur wenige Meter bis zu einer kleinen Kreuzung. Kopfsteinpflaster und lauter Backsteinwohn- und Geschäftshäuser. Die wenden sich mit Erkern und Vorsprüngen, Türmen wie redselige Nachbarn einander zu, dazu Brunnen und Sitzgelegenheiten, viele Bäume und eine formidable Eisdiele. Stuttgart? Konnte auch schon mal ganz schön gut aussehen.

Weitere Themen