Manuel Hagels Anekdoten Der CDU-Jungstar und seine Geschichte vom Altkanzler

CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel berichtete detailreich von einer Begegnung mit Altkanzler Schröder – erst vor ein paar Wochen, dann vor einigen Jahren. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Detailliert berichtete Manuel Hagel von einem Treffen mit Gerhard Schröder, „vor ein paar Wochen“. Auf Nachfrage klingt es plötzlich anders und vage.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Das „Schwarzwald Resort Dollenberg“ bei Bad Peterstal-Griesbach ist für die Südwest-CDU ein wichtiger Ort. Vor Jahren hat der Ortenauer Abgeordnete Willi Stächele dort einen Gesprächskreis etabliert. Seither pilgern regelmäßig regionale Größen aus Politik und Wirtschaft zum Hotel des Patrons Meinrad Schmiederer, um beim „Dollenberg Dialog“ besonders kundige und oft prominente Redner zu hören. Lecker zu essen gibt es obendrein.

 

Fast alles, was Rang und Namen hat, war schon da – und zuletzt auch der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl. Anfang Dezember, kurz vor dem Parteitag in Heidelberg, referierte Manuel Hagel (37) über seine Vorstellungen, wie sich Baden-Württemberg gegen die Krise stemmen solle. Seine Botschaft: das Land brauche eine Radikalkur wie einst die Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Den habe er übrigens „vor ein paar Wochen … bei einer Abendveranstaltung getroffen“, berichtete Hagel beiläufig. Schröder sei da mit seiner Frau gesessen, alle, vorneweg die Sozialdemokraten, seien achtlos an ihm vorbeigelaufen.

„Mensch, Herr Schröder, so was bräuchten wir wieder“

Weil er ihm „ein bisschen leid“ tat („Das soll jetzt nicht gönnerhaft klingen“), habe er ihn angesprochen und sich vorgestellt. „Mensch, Herr Schröder, … so was wie die Agenda 2010 bräuchten wir jetzt wieder“, sagte Hagel laut Hagel. Der Altkanzler habe das bestätigt, sein damaliger Kurs sei richtig gewesen. An Selbstbewusstsein mangele es ihm immer noch nicht, kommentierte Hagel. Dann zitierte er einen Satz, den später auch der anwesende Reporter der FAZ aufgriff: „Herr Hagel, der Deutsche ist erst dann bereit zu reagieren, wenn die Arbeitslosigkeit durch die Decke geht.“ Die aber werde mit staatlichen Milliarden künstlich niedrig gehalten. Über diesen Satz, so der CDU-Vormann, habe er „beim Heimfahren lange nachgedacht“. Ergebnis: „ich glaube, so ist es“.

Bei der Heimfahrt von wo? Wann und anlässlich welcher Veranstaltung fand die Begegnung statt? Allzu oft lässt sich Schröder, inzwischen 81 und gesundheitlich mal besser, mal schlechter in Form, ja nicht mehr öffentlich blicken. Also fragte unsere Zeitung bei der Landtags-CDU und der Landespartei nach, einmal, zweimal, dreimal – zunächst ohne Resonanz. Schließlich kam eine dürre Antwort: „Bereits vor einigen Jahren“ sei es gewesen, „am Rande einer größeren öffentlichen Veranstaltung“. Wann und wo genau, lasse sich „aus unserem Kalender leider nicht mehr rekonstruieren“. Auch der CDU-Landesschatzmeister Christian Himmelsbach, der laut Hagel mit dabei war, konnte nichts Näheres beitragen. Er könne die Auskunft des Sprechers aber „voll bestätigen“. Schon vor seinem Antritt als Schatzmeister 2023 sei er zehn Jahre Kassenprüfer der Partei gewesen, berichtete Himmelsbach. Seit seiner Zeit im Landesvorstand der Jungen Union habe er „an unzähligen politischen Terminen teilgenommen“.

Erst ein paar Wochen, dann etliche Jahre her

Erst liegt die Begegnung „ein paar Wochen“ zurück, dann „einige Jahre“? Obwohl sie offenbar so einprägsam war, dass Hagel sie auch bei mindestens einem weiteren Auftritt detailliert schilderte, kann sich niemand mehr an Anlass und Ort erinnern? Auch das Büro von Schröder in Hannover konnte nichts zur Aufklärung beitragen: Anfragen unserer Zeitung wurden zwar wahrgenommen, blieben aber unbeantwortet. Die beiden „Schirmherren“ des Dollenberg-Dialogs, Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger und der Unternehmensberater Klaus Mangold, mussten ebenfalls passen.

Bekannt wurde ein Besuch Schröders in Baden-Württemberg in diesem Juli: Damals soll er südlich von Freiburg an der Feier zum 70. Geburtstag des früheren Nordstream-Chefs Matthias Warnig teilgenommen haben; der Altkanzler war Chefaufseher der umstrittenen Pipeline-Gesellschaft. Nach langem Ringen um seine Aussage vor einem Untersuchungsausschuss des Schweriner Landtags zu Nordstream hatte sich Schröder schließlich gesundheitsbedingt per Videoschalte befragen lassen.

Hat Hagel also fabuliert oder zumindest eine reale Begegnung ausgeschmückt? In seinen Reden berichtet er, wie auch andere Kandidaten, oft von Menschen, deren Erfahrungsberichten oder deren Ratschlägen – sei es seine Oma, seien es Bürgerinnen oder Bürger. Manchmal scheinen die Anekdoten fast zu passend, um wahr zu sein. Doch überprüfen lassen sie sich nicht, man kann die Gesprächspartner ja nicht befragen – es sei denn, sie werden namentlich benannt.

Rätseln um Vorfall ums Gendern

Ähnliche Irritationen gab es um ein – tatsächliches oder angebliches? – Interview mit einer SWR-Reporterin, von dem der CDU-Chef kürzlich beim „Business Club Stuttgart Schloss Solitude“ berichtete. Die habe darauf bestanden, dass er in seiner Antwort gendere – und, da er das verweigerte, das Gespräch abgebrochen. Der „Südkurier“ fragte beim Sender nach und stieß auf Erstaunen: Dass ein Interview mit Hagel nicht gesendet worden sei, weil er das Gendern abgelehnt habe, „ist uns nicht bekannt“.

Wie hält es der Christdemokrat mit der Wahrheit, vielleicht sogar als Christ mit dem achten Gebot? Ist es aus seiner Sicht als rhetorischer Kniff zulässig, konkrete Begegnungen zu schildern, die nur so ähnlich stattgefunden haben oder hätten stattfinden können? Auf Nachfrage kam von der CDU nur der Verweis auf die zwei Sätze in Sachen Schröder. Mehr gebe es dazu nicht zu sagen.

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