Es ist Mittwoch, kurz vor 10 Uhr. Ich sitze in einem Café im Stuttgarter Süden und verpasse gerade die tägliche Konferenz mit meinem Team. Nicht weil mir Arbeitszeitbetrug an diesem regnerischen Morgen sinnvoller erscheint, als in müde Gesichter zu blicken und Zahlen zu analysieren. Nein. Ich möchte wissen, wer die Menschen sind, die am Vormittag so viel Zeit mitbringen, um sich vom gemächlichen Barista ein Herz in den Hafer-Cappuccino gießen zu lassen. Treiben sie Deutschland an den Abgrund?
Knapp 46 Millionen Erwerbstätige hat dieses Land. Und geht man nach CDU-Wirtschaftspolitikerinnen oder Lobbyisten, gefährdet ein nicht geringer Teil davon Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. Zu wenig Einsatz, zu wenig Überstunden, kein Biss. Sollen sie doch in Zukunft selbst ihre Zahnarztbehandlungen zahlen!
Hinter der politisch aufgeheizten Debatte stecken reale Probleme: Der Krankenstand liegt im internationalen Vergleich auf einem relativ hohen Niveau. Zugleich verfügt Deutschland über die älteste Erwerbsbevölkerung innerhalb der EU und steht vor erheblichen demografischen Herausforderungen: Wenn die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, könnten etwa sieben Millionen Arbeitskräfte fehlen. Parallel dazu steigen die Ausgaben für Renten, Pflege und das Gesundheitssystem – Lasten, die von einer schrumpfenden Zahl Erwerbstätiger getragen werden müssen.
Teilzeit und Care-Arbeit: Die unsichtbare Last
Mit Schuldzuweisungen und Unterstellungen kommt man aber auch nicht weiter. Besonders, wenn im Hintergrund beschwingte Bossanova-Musik zu hören ist und der schnurrende Milchaufschäumer für ASMR-Vibes sorgt. In dem Café ist es gemütlicher als in einem sterilen Konferenzraum am Rande des Industriegebiets. Auch Marlene hat heute ihren Bürostuhl gegen den Polstersessel im Café getauscht. Die 39-Jährige arbeitet Teilzeit in einem Ministerium und kann an zwei Tagen Homeoffice machen. „Oder Café-Office“, wie sie lachend zugibt. Auch sie hat sich schon gefragt, warum das Café an einem Wochentag um diese Uhrzeit so gut besucht ist, gibt sie lachend zu.
Marlene, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, hat heute morgen ihre Tochter zum Impfen gebracht und sich danach für eine kurze Auszeit entschieden. Eine kleine Pause nur für mich, wie sie sagt. „Ich beantworte dabei schon ein paar Mails und pflege meinen Kalender“, so die Stuttgarterin. Daheim würde nach der eigentlichen Arbeit nur noch mehr Arbeit auf sie warten. Staubsaugen, Wäsche aufhängen, kochen, Betten beziehen – you name it. „Und ohne Teilzeit würde ich es als Alleinerziehende erst gar nicht schaffen, noch ein bisschen Me-Time zu haben“, so Marlene.
Ja, die vielbesungene und oft unsichtbare Care-Arbeit. Und genau mit ihr hat auch die Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft ihre Schwächen. Laut der Studie arbeiten Menschen in Deutschland weniger als in anderen Ländern, aber weder Care-Arbeit noch der Durchschnitt der geleisteten Wochenstunden werden dabei beachtet. Der ist in Deutschland nämlich niedriger, weil deutlich mehr Frauen als in anderen Ländern arbeiten. Und das – wie Marlene – eben in Teilzeit. 2024 war laut Statistischem Bundesamt jede vierte Frau mit einem Kind unter sechs Jahren in Teilzeit.
Selbstbestimmte Arbeitszeit statt Faulheit
Ich lasse Marlene weiter Mails beantworten und durchschnaufen und laufe 200 Meter weiter ins nächste Café. Dort sitzen Samira und Vanessa. In Sportklamotten, mit Yogamatten und grünen Matcha-Drinks. Willkommen Stuttgart-Süd-Klischee! „Ich glaube eher nicht, dass Menschen ihre Arbeitszeit erhöhen werden, weil es die Politik fordert“, platzt es aus Vanessa raus, als ich die beiden frage, was sie zu Teilzeit-Faulheit sagen. Die zwei Freundinnen treffen sich fast jeden Mittwoch zum gemeinsamen Yoga und anschließendem Heißgetränk am Marienplatz. Samira pflichtet ihrer Freundin bei. „Ich arbeite etwa 50 Stunden die Woche als Projektmanagerin – aber ich teile mir den Job weitgehend frei ein“, erklärt sie ihren Yoga-Vormittag. Um von 9 bis 11 Uhr haben die beiden einen Blocker im Kalender. „Dafür mach ich montags und dienstags selten Mittagspause, sagt die 33-Jährige. Arbeiten würden beide genug, sagen sie lachend.
Väter in Teilzeit: Noch die Ausnahme
Um 11.30 Uhr leert sich das Café langsam, bevor es sich um 12.15 Uhr wieder mit Mittagstisch-Gästen füllt. Thomas hat mit seinem Kinderwagen noch einen der letzten Plätze am Fenster ergattert. Auf seinem Schoß sitzt Leano. Er ist acht Monate alt und muss sich noch keine Sorgen um einen Rechtsanspruch auf „Lifestyle-Teilzeit“, Rentenlücken und Friedrich Merz machen. Sein Vater Thomas ist gerade in Elternzeit und beschäftigt sich mit Beikoststart statt mit Kostenkontrollen, Statik und Normen. Der Ingenieur ist quasi ein Einhorn, denn nach seiner sechsmonatigen Elternzeit möchte er in Teilzeit arbeiten. Nur acht Prozent der erwerbstätigen Väter mit minderjährigen Kindern sind laut Statistischem Bundesamt in Teilzeit beschäftigt.
„Unsere Eltern leben leider nicht in der Nähe – es fehlen dadurch auch spontane Betreuungsmöglichkeiten“, beschreibt Thomas seine Situation. Von befreundeten Paaren mit Kindern wissen er und seine Frau, wie fordernd das erste Kita-Jahr sein kann. Eingewöhnung, Krankheiten, Stress – sie hätten sich nach reiflicher Überlegung beide dazu entschieden, beruflich kürzer zu treten. Die beiden können es sich eben auch leisten. Thomas’ Partnerin verdient etwa gleich viel wie er und ist somit keine Zweitverdienerin. So nennt man Frauen, die ein geringeres Einkommen als ihr Partner haben. In Deutschland sind das sogar drei Viertel aller Ehefrauen im Alter von 25 bis 60 Jahren.
Mehr Freizeit als Wunsch – nicht nur bei Eltern
Für viele Zweitverdienerinnen lohnt sich heute Arbeit über den Minijob hinaus kaum, was weitreichende Folgen für die Absicherung der Frauen hat. Interessanterweise hat die Politik ihnen noch keine Teilzeit-Faulheit unterstellt. Grund dafür ist wohl das Ehegattensplitting, zu dem sich die CDU/CSU klar bekennt. Und hier wären wir wieder beim Arbeitskräftepotenzial. Eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zeigt nämlich, dass die Umwandlung des jetzigen Ehegattensplittings 124.000 Menschen in Arbeit bringen könnte, davon 108.000 Frauen. Ganz ohne Moralkeule und Teilzeit-Shaming, wenn man auch mal Zeit für sich haben möchte.
Denn nicht nur Eltern wie Thomas und seine Frau wollen im Beruf einen Gang runterschalten, wie eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung bestätigt. Laut der Studie entschieden sich 79 Prozent der Frauen mit Kindern unter 14 Jahren für mehr Freizeit – bei den kinderlosen Frauen waren es 72 Prozent. Bei den Männern zeigt sich kaum ein Unterschied: 63 bzw. 62 Prozent bevorzugten ebenfalls mehr freie Zeit, unabhängig davon, ob sie Kinder haben. Als mit Abstand häufigster Grund wurde in allen Gruppen genannt: mehr Zeit für Hobbys, Freunde und sich selbst. Und das auch gerne an einem Mittwochvormittag in einem Stuttgarter Café.