Stuttgart - Es war ein Debakel für das Kultusministerium. Etliche Millionen Euro hatte das Ressort von Susanne Eisenmann (CDU) für die digitale Bildungsplattform Ella ausgegeben. Doch am Ende stand es mit leeren Händen da: Das System erwies sich als untauglich, kurz vor dem geplanten Start wurde es gestoppt. Personelle Konsequenzen konnten da kaum ausbleiben. Eisenmanns bisherige Amtschefin Gerda Windey räumte ihren Platz, um künftig wieder als Abteilungsleiterin zu arbeiten. Offiziell erfolgte die Rückstufung zwar auf eigenen Wunsch, aber das galt als Sprachregelung, um der Ministerialdirektorin einen Gesichtsverlust zu ersparen. Ersetzt wurde sie durch einen Verwaltungsprofi, den Stuttgarter Bürgermeister Michael Föll.
„Wegloben in unschönster Form“
Nun hat ein weiterer Ella-Verantwortlicher das Ministerium verlassen: der Leiter des zuständigen Referates „Digitalisierung und Medienbildung“, Michael Zieher. Auch er spielte keine ruhmreiche Rolle bei dem Projekt, dessen Scheitern sich freilich auf etliche Schultern verteilt. Für den Neustart, der derzeit vorbereitet wird, wurde eine eigene Stabstelle geschaffen. Doch Zieher wurde nicht degradiert, sondern wechselte auf einen begehrten Chefposten: Seit vier Wochen ist er neuer Leiter des Landesmedienzentrums – eine Stellenbesetzung, die innerhalb und außerhalb des Ressorts Aufsehen erregte. Es handele sich um „Wegloben in seiner unschönsten Form“, argwöhnt der FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. Auch ministeriumsintern fragt sich mancher, warum ausgerechnet der „gescheiterte“ Referatsleiter zum Zuge kam.
Ungewöhnlich holprig verlief die Jobvergabe auf jeden Fall. Schon seit Frühjahr 2019 wurde ein neuer Direktor für das in Stuttgart und Karlsruhe ansässige Landesmedienzentrum gesucht, das Schulen bei der Vermittlung von Medienkompetenz und beim Weg in die digitale Zukunft unterstützen soll. Der Amtsinhaber Wolfgang Kraft verlängerte einige Monate übers Pensionsalter hinaus. Für seine Nachfolge wünschte man sich Medienexperten mit Erfahrungen in Unterricht, Verwaltung und Projektmanagement, die in der Öffentlichkeit eine gute Figur machen sollten. Kurz: wahre Multitalente.
Zu wenige gute Bewerbungen?
Doch die erste Ausschreibung blieb ohne Ergebnis. Es habe zu wenige qualifizierte Bewerbungen gegeben, um eine ausreichende Auswahl zu ermöglichen, sagt das Kultusministerium. Unter den drei Kandidaten war auch der Stellvertreter Ziehers. Die kommunalen Landesverbände, die das Medienzentrum mittragen, hätten ihn sich dem Vernehmen nach gut vorstellen können. Nach einem „Personalentwicklungsgespräch“ im Ministerium aber zog er seine Bewerbung zurück. Der Referatschef selbst hatte sich nicht beworben. Später wurde er gleichwohl als kommissarischer Leiter an das Landesmedienzentrums abgeordnet – und fand offenbar doch Gefallen an der Aufgabe.
Beim zweiten Anlauf war das Interesse deutlich größer. Nun meldeten sich sechs Aspiranten, aus denen die von Amtschef Föll geleitete Auswahlkommission zwei Favoriten herausfilterte: Michael Zieher und einen fachlich bestens ausgewiesenen Schulleiter aus Baden. In puncto Digitalisierung und Medieneinsatz genießt dieser einen Ruf wie Donnerhall, seine Schule gilt als Vorzeigeschule. Etliche Jahre war er zudem nebenbei für das Landesmedienzentrum tätig. Die kommunalen Vertreter im Verwaltungsrat waren höchst angetan und hätten ihn gerne auf dem Chefposten gesehen, vorneweg der Mann des Städtetages.
Das Beamtenrecht gibt den Ausschlag
Doch das Ministerium durchkreuzte die Wünsche. Im Auswahlgespräch hätten Zieher und der Schulleiter gleich „gut abgeschnitten“, sagt eine Sprecherin. Letztlich sei die Wahl aus beamtenrechtlichen Gründen auf den Ministerialen gefallen: Da er als Referatsleiter in Besoldungsgruppe A 16 ein „höheres Statusamt“ innehabe, hätte der Zuschlag für seinen niedriger eingestuften Mitbewerber „einer gerichtlichen Überprüfung nicht standgehalten“. Für den Direktorenposten sei Zieher „sehr gut geeignet“, versichert das Ministerium. Als „hochqualifizierte Führungskraft“ habe er sich in verschiedenen Aufgaben der Kultusverwaltung „hervorragend bewährt“. Sein Referat sei nicht nur für Ella zuständig gewesen, sondern habe erfolgreich andere Themenfelder rund um die Digitalstrategie für Schulen bearbeitet. Zähneknirschend beugten sich die Kommunalvertreter den rechtlichen Zwängen: Zieher wurde im Verwaltungsrat einstimmig gewählt.
Der Schulleiter aus dem Badischen könnte nun anderweitig zum Zuge kommen. Das Ministerium braucht einen neuen Referatsleiter fürs Digitale, und beim Landesmedienzentrum wird der Vizejob frei. Für beide Positionen, hört man, sei er gut vorstellbar – wenn er wolle.