Mehr Platz für Radfahrer Umweltspur ein Erfolg: Kein Verkehrsinfarkt in Bad Cannstatt

Viel Platz für Radfahrer in der König-Karl-Straße. Foto: Sebastian Steegmüller

Die CDU warnte vor Chaos in der Cannstatter König-Karl-Straße. Doch eine erste Bilanz der Umweltspur zeigt: Der Verkehr fließt, die Sicherheit stieg massiv.

Reporter: Sebastian Steegmüller (seb)

Verkehrsinfarkt und chaotische Zustände – das prophezeite die CDU-Gemeinderatsfraktion, als die Stadt im April 2025 in der König-Karl-Straße in Bad Cannstatt eine Fahrspur zur Umweltspur umwidmete. Sie steht nur Bussen, Taxen und Radfahrern zur Verfügung. Knapp ein Jahr später zog Verkehrsplaner Andreas Hemmerich erstmals Bilanz. „Wir sind sehr zufrieden mit dem Verkehrsversuch. Die Kfz-Verkehrsmengen haben sich kaum verändert und können auch in den Spitzenstunden abgewickelt werden. Dagegen hat sich die Sicherheit des Fuß- und Radverkehrs signifikant verbessert.“

 

Nadelöhr auf dem Gehweg

Der umgebaute Abschnitt liegt zwischen Mercedesstraße und Wilhelmsplatz. Vor allem der rund 100 Meter lange Tunnel, der unter den Eisenbahngleisen verläuft, und der Bereich davor waren ein Nadelöhr. Linienbusse steckten im Stau, Radfahrer und E-Scooter-Fahrer teilten sich den schmalen Gehweg mit Fußgängern und die Einmündung an der Kleemannstraße war eine Gefahrenstelle, immer wieder kam es zu Unfällen beim Abbiegen. Hemmerich räumte zwar ein, dass einige der involvierten Radfahrer verbotswidrig stadteinwärts unterwegs waren. Seit Einführung der Umweltspur hat es dort aber keine Unfälle mehr mit Radfahrern oder Fußgängern gegeben. „Die Null steht, hier haben wir einen Unfallschwerpunkt entschärft“, sagt Hemmerich. In den vier Jahren zuvor waren es 19 Unfälle, allein 2023 und 2024 jeweils sieben. Die Zahl der Auffahrunfälle hat sich im Bereich der Umweltspur trotz des Reißverschlussverfahrens nicht erhöht.

Vor Einführung des Verkehrsversuch war diese Stelle ein Unfallschwerpunkt. Eng ging es auch auf dem Gehweg im Tunnel zu. Foto: Uli Nagel

Dass die Umweltspur funktioniert, sehe man auch an den Rückmeldungen aus der Bevölkerung, so der Verkehrsplaner. „Vor dem Start des Versuchs ging das eine oder andere Schreiben, auch in Form von Gelben Karten, bei der Stadt ein“, sagt Hemmerich. Danach hätten die Beschwerden merklich nachgelassen. „Es gab sogar Lob, offenbar wurde die Maßnahme akzeptiert.“

Vermehrt anerkennende Worte erhielt Hemmerich am Dienstag auch im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik nach seinem mündlichen Bericht. CDU-Stadträtin Beate Bulle‐Schmid sah den Verkehrsversuch indes nicht so positiv. „Die Leute haben resigniert, melden sich deshalb nicht mehr“, sagte sie und berichtete aus eigener Erfahrung: „Es gab schon einige Male Staus bis auf die König-Karls-Brücke. Stadtbahnen, die von oder zur Mercedesstraße unterwegs waren, mussten sich einige Mal den Weg frei klingeln.“ Hier entgegnete Hemmerich, dass es „durch den Verkehrsversuch nach Aussage der Stuttgarter Straßenbahnen AG an der Kreuzung keinen fachlich nachweisbaren negativen Effekt auf die Linie U19 gibt“. Das Verkehrsunternehmen begrüße die Umweltspur grundsätzlich.

„Meistens klingelt die Stadtbahn, weil sich die Abbieger aus der Mercedesstraße in Richtung Innenstadt auf der Kreuzung stauen. Das ist das Hauptproblem“, sagte Grünen-Stadtrat Björn Peterhoff. Er merkte an, dass die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende unzufrieden sei, weil das Zwischenergebnis ihr nicht ins Konzept passen würde. „Wir hatten Jahre lang über eine Situation diskutiert, die überhaupt nicht hinnehmbar war. Aber jetzt zeigt sich, dass der Autoverkehr dort nicht vor die Hunde geht. Die Maßnahme ist sinnvoll. Früher standen Busse dort im Stau, jetzt nicht mehr.“ Gemeinsam mit Stefan Conzelmann, Fraktionsvorsitzender von SPD und Volt, sprach er sich auch für eine Umweltspur in Gegenrichtung aus. „So könnte die Lücke auf der Hauptradroute 1 von der Waiblinger Straße vorbei am Wilhelmsplatz bis zur König-Karls-Brücke geschlossen werden.“

Andreas Hemmerich bestätigte, dass es auch stadteinwärts Überlegungen gibt.„Das ist jedoch ein separates Projekt.“ Dort würde die Situation auf dem geteilten Geh- und Radweg ebenfalls nicht dem Standard entsprechen. „Und die Umleitung der Hauptradroute über die Daimlerstraße ist unbefriedigend.“

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