So präsentiert Ungarns Regierungschef Viktor Orbán (re.) auf seiner offiziellen Website sein Treffen mit Mercedes-Chef Ola Källenius vom März. Mercedes schweigt zu den Begegnungen des Chefs mit Orbán. Foto: miniszterelnok.hu
Mercedes will Arbeitsplätze aus Deutschland nach Ungarn verlagern. Zur Beziehungspflege unterhält der Konzernchef auf höchster Ebene Kontakte zur ungarischen Politik. Die deutsche Öffentlichkeit soll davon möglichst wenig erfahren.
Wenn es um die Produktion im östlichen Europa geht, kann der Mercedes-Vorstand seine Begeisterung kaum verbergen. Die Devise bei der Auswahl der Fertigungsstandorte laute „Go East“, erklärte Finanzchef Harald Wilhelm im Februar bei der Jahrespressekonferenz. Angesichts der Nachfrageschwäche werde das Unternehmen zwar die weltweiten Produktionskapazitäten von 2,5 Millionen Autos pro Jahr um 12 bis 20 Prozent kürzen. Zugleich sei aber geplant, in Europa den Produktionsanteil in „Niedrigkostenländern“ auf 30 Prozent zu verdoppeln.
Besonders hoch im Kurs steht bei Mercedes-Benz der Standort im zentralungarischen Kecskemét, einer Stadt von der Größe Reutlingens, 90 Kilometer südöstlich von Budapest. Dort seien die sogenannten Faktorkosten, zu denen vor allem die Löhne zählen, um 70 Prozent niedriger als in Deutschland, erklärte Wilhelm. Seit 2012 produziert Mercedes dort Fahrzeuge der Kompaktklasse und baute die Beschäftigung über die Jahre auf inzwischen 4500 Mitarbeiter aus.
Eine illustre Runde, die Ungarns Außenminister Szijjarto auf seiner Facebook-Seite öffentlich dokumentiert. Mit dabei Mercedes-Chef Ola Källenius (li.), Mercedes-Cheflobbyist Eckart von Klaeden (2. v. li.) und Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán (2.v.re) Foto: Facebook-Seite Péter Szijjártó
Die Begeisterung über diese Entscheidung ist groß bei der ungarischen Regierung. Sie kann den Prestigezuwachs und höhere Staatseinnahmen schon deshalb gut gebrauchen, weil sie von der EU wegen der Verletzung elementarer rechtsstaatlicher Standards wie der Pressefreiheit und der Unabhängigkeit der Justiz mit der Kürzung von Fördermitteln sanktioniert wird. Die neue Wirtschaftskraft hilft Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán, sich den Versuchen der EU zu widersetzen, Ungarns Abdriften in die Autokratie entgegenzuwirken.
Außen- und Handelsminister Péter Szijjártó erklärte, Ungarn werde bald in der Lage sein, pro Jahr eine Million Autos zu bauen, „so dass wir zum elitären Club der Automobilindustrie gehören werden“.
Orbán geht in die Online-Offensive
Auch der Regierungschef selbst lässt die Bevölkerung an einem der größten Erfolge der ungarischen Wirtschaftspolitik teilhaben. Auf Orbáns amtlicher Website ist ein Foto veröffentlicht, auf dem Mercedes-Chef Ola Källenius und er sich Mitte März vor den ungarischen Nationalfarben die Hand geben – beide im identischen Outfit. Direkt daneben auf der Seite der Aufruf, dem Putin-Gefolgsmann Orbán auf Instagram zu folgen, wo er zu einem Video des ukrainischen Staatschefs Wolodymyr Selenskyj schreibt: „Es gibt die Friedenspartei und die Kriegspartei. Wir stehen auf der Seite des Friedens.“
Wie passt es zusammen, dass Mercedes-Benz bei seiner Produktionsstrategie für Elektroautos auf das EU-Land setzt, dessen Regierungschef nach der Bundestagswahl nicht dem Sieger Friedrich Merz, sondern der AfD-Chefin Alice Weidel gratuliert hat? Dank der Investitionsentscheidung von Mercedes profitiert Orbán massiv vom geplanten Verbrennerverbot der EU, das von der AfD auf das Schärfste bekämpft wird. „Wollen wir den Verbrenner fahren, der in Deutschland gebaut wird, oder wollen wir so ne E-Autoplaste fahren“, fragte Weidel in einer von der AfD dokumentierten Rede.
Mercedes gibt sich zu Treffen maximal schweigsam
Mercedes selbst behandelt die Treffen des Konzernchefs mit Orbán wesentlich diskreter als die ungarische Seite. Anders als bei manchen Treffen mit anderen prominenten Amtsträgern gibt es keinerlei offizielle Information – weder im Vorfeld noch danach. Auf Nachfrage bestätigt Mercedes nicht einmal offiziell, dass überhaupt Treffen zwischen Källenius und Orbán stattgefunden haben, die die ungarische Seite mit Fotos öffentlich dokumentiert. Auch Fragen zur Problematik der Zusammenarbeit mit einem Regierungschef, dessen Handeln nur schwerlich mit den Werten zu vereinbaren ist, die Mercedes ansonsten für sich in Anspruch nimmt, etwa zur Programmatik der AfD, bleiben inhaltlich unbeantwortet.
Wir bauen auf die Politik, erklärt Mercedes
Eine Sprecherin erklärt, Mercedes sei ein globales Unternehmen und unterhalte Geschäftsbeziehungen in mehr als 150 Länder. „Die Leitlinien für die weltweiten Wirtschaftsbeziehungen bestimmt die Politik.“ Als Unternehmen wirtschafte Mercedes „im Rahmen dieser Leitlinien und baut auf die Expertise der Politik, wenn es darum geht, international für deren Einhaltung zu sorgen“.
Ebenfalls nur durch Orbáns umtriebige Informationspolitik in eigener Sache wurde bekannt, dass es bereits im Juni 2024 ein Treffen zwischen ihm und Källenius in Stuttgart gegeben hatte – auch dieses Treffen ist durch ein Foto aus Orbáns Pressestelle dokumentiert und wird von Mercedes bis heute nicht bestätigt.
Auf ganz ähnliche Weise gehen Mercedes-Benz und die ungarische Regierung auch mit Treffen auf der protokollarisch nächsten Stufe um. So traf sich, wie berichtet, im März eine illustre Runde in der Stuttgarter Villa des einstigen Daimler-Vorstands und russischen Ex-Honorarkonsul Klaus Mangold (81), der neben CDU-Landes- und Fraktionschef Manuel Hagel und Mercedes-Entwicklungschef Markus Schäfer auch Szijjártó angehörte. Szijjártó dokumentierte das Treffen auch auf seiner Facebook-Seite.
Mercedes erklärt mit Blick auf Szijjártós Ministerium, man stehe – „wie im internationalen Produktionsnetzwerk üblich – mit der Regierung im konstruktiven Austausch. Das ungarische Außen- und Handelsministerium sowie die Stadt Kecskemét unterstützen die Entwicklung des Standorts aktiv.“
Allein ist Mercedes mit seinem Ungarn-Engagement allerdings nicht. BMW baut dort eine Fabrik für seine ebenfalls vollelektrische Neue Klasse. Und Bosch hat soeben entschieden, die Fertigung von Elektrowerkzeugen in Leinfelden-Echterdingen zu schließen und zumindest teilweise nach Ungarn zu verlagern.