Jörn Kleemann läuft manchmal mit Hund Equi durch Stuttgart. Wieso er das macht und warum manche an Black Mirror erinnert werden.

Stadtkind: Erdem Gökalp (erg)

Manche Menschen ekeln sich vor Jörn Kleemanns Roboterhund. Er wirkt ihnen zu echt und lebendig, obwohl er es nicht ist. Dass er wirklich lebt, könnte man dennoch denken, wenn man ihn in Aktion erlebt. Zum Beispiel auf dem Kesselfestival Anfang Juli, wo die beiden vor Kurzem spazieren waren.

 

Der Hund läuft einige Meter unbeschwert vor seinem Besitzer auf vier Pfoten her, scheinbar selbstbestimmt und aus eigenem Antrieb. Dabei atmet er nicht, hat keinen Stoffwechsel und keine Organe. Es handelt es sich um eine 15 Kilogramm schwere Maschine, die weitestgehend aus Aluminiumlegierung und Kunststoff besteht. Sie nimmt ihre Umgebung durch Sensoren wahr, hat ein Dutzend unabhängige Bewegungsmöglichkeiten und wird von einer KI gesteuert. Das Modell heißt Unitree Go2 Pro und kann für über 3500 Euro erworben werden. Sie sieht aus wie ein Spielzeug, aber einen Namen hat sie trotzdem: Equi.

Die Welt verändern mit Robotern

Jörn Kleemanns erklärtes Ziel ist es, die Gesellschaft auf eine Ära vorzubereiten, in der Roboter eine entscheidende Rolle spielen werden. Der gelernte Versicherungskaufmann arbeitet zur Zeit für den Landtag in Nordrhein-Westfalen für den Bereich KI. Obwohl der 31-Jährige mit Freundin und zwei Kindern in Düsseldorf lebt, ist er daher immer wieder deutschlandweit mit seinen zwei Roboterhunden unterwegs. Wo er auftaucht, entstehen regelrechte Spektakel und die Erfahrung ist nicht immer positiv.

Vor einigen Wochen sind Kleemann und Equi zum Beispiel in der Nähe des Stuttgarter Hauptbahnhofs unterwegs gewesen. Dort waren sie „fehlender Wertschätzung“ ausgesetzt, wie Kleemann das nennt. „Natürlich sind die Leute immer erstaunt, wenn sie uns sehen, doch manche haben sogar gefragt, ob sie ihn mal treten dürfen“, sagt er. In Berlin habe das jemand auch wirklich mal getan. Eine andere Frau habe die Maschine nicht beachtet und sei über sie gestolpert. Doch der Hund könne nichts dafür, er hat den Befehl, Hindernissen auszuweichen.

Black-Mirror-Folge mit Killerhund

Auch andere Hunde hätten manchmal Probleme, Equi zu verstehen. Sie nähern sich ihm, schnüffeln vielleicht an seinem Hintern, doch erschrecken sie sich, wenn er eine schnelle Bewegung macht. Wiederum andere erinnern sich an die dystopische Netflix-Serie Black Mirror. In einer Folge flieht eine Gruppe von Menschen vor einem Roboter-Killerhund, der Equi gar nicht so unähnlich sieht. In dieser Zukunftsfantasie sind die Killerhunde praktisch die neuen Herrscher.

Für ein Foto geht Kleemann auf die Knie und flüstert Equi zu, er solle ihm Pfötchen geben. Der Roboter gehorcht aufs Wort. Manchmal führt er auch Kunststücke aus und formt ein Herz mit den Pfoten. „Für mich ist der Hund zunächst mal ein Spielzeug, aber ich erkenne auch, in wie vielen Bereichen die Roboter der Gesellschaft wirklich helfen könnten“, sagt er. Beispielsweise in der Medizin oder im Rettungsdienst. Roboter könnten sich in gefährliche Situationen begeben, damit Menschen es nicht tun müssen.

Sichere Einnahmequelle

Das letzte große Spektakel in Stuttgart hat er an einem Projekttag an der Max-Eyth-Schule verursacht. „Da haben sich 200 Schüler um meinen Hund versammelt. Es war einfach großartig“, sagt Kleemann. Kinder seien noch unvoreingenommen und es sei leichter, sie mit der Technologie vertraut zu machen, sagt er.

Neben dem missionarischen Eifer haben sich die beiden Roboterhunde, die Kleemann inzwischen besitzt, auch zu zuverlässigen Einnahmequellen entwickelt. „Ich nehme unterschiedliche Preise. Manchmal werde ich für 1000 Euro auf einer Messe gebucht. Für andere mache ich es auch umsonst, wenn ich merke, es dient einem guten Zweck“, sagt er.

Ein Paradies für seine Kinder

Warum Kleemann ausgerechnet dieses kuriose Hobby gewählt hat, hat auch mit seiner persönlichen Geschichte zu tun, sagt er. „Ich bin Asperger-Autist und habe deswegen typische Inselinteressen“, sagt er. Er besitze zum Beispiel auch einen 3-D-Drucker für Schokolade, winzige Roboter und ähnliche technisch-komplexe Spielsachen. „Für meine beiden Kinder ist das ein regelrechtes Paradies“, sagt er.

Es gibt eine Sache, in der auch Kleemann immer wieder zwiegespalten ist. „Vor Kurzem hat Equi einen Befehl ausgeführt und ihm ist dabei eine Pfote abgefallen“, sagt er. Sein erster Impuls sei gewesen, dass es sicher schmerzhaft gewesen sei. Manchmal verflüchtige sich die Idee, dass es doch nur eine Maschine sei, dann fühlt es sich an, als würde man doch mit einem echten lebenden Hund spielen. Bald wird es sogar noch schwerer für ihn werden, denn seine Familie kriegt bald Zuwachs. Einen humanoiden Roboter, der äußerlich wie ein neunjähriges Kind gebaut sein soll. Wie die Reaktionen darauf ausfallen werden, wird die Öffentlichkeit sicherlich bald zu spüren bekommen.