Mit Magen-OP 100 Kilo abgenommen Von 180 auf 80 Kilo – „Ich dachte, wenn ich dünn bin, habe ich alles“
Florian Smarsly (33) aus Stuttgart hat mehr als 100 Kilo abgenommen. Aber ist das Leben als schlanker Mensch automatisch ein besseres?
Florian Smarsly (33) aus Stuttgart hat mehr als 100 Kilo abgenommen. Aber ist das Leben als schlanker Mensch automatisch ein besseres?
Es gibt das eine Leben von Florian Smarsly, da akzeptiert er, wie er ist: Er wiegt 180 Kilo. Er fährt keine Achterbahn, weil der Bügel nicht schließt. Er schafft den Hohenstaufen in Göppingen nicht. Er findet keinen Partner, weil er geghostet wird, sobald er ein Bild schickt. Er richtet sich darin ein, dass manches nicht geht.
Und es gibt das andere Leben, das heutige. Darin wiegt der 33-Jährige 80 Kilo, 100 weniger als zuvor. Das Leben, in dem er den Körper hat, den er unbedingt haben wollte, auf den er alle seine Hoffnungen projizierte: „Wenn ich dünn bin, habe ich alles“, so erinnert sich Smarsly an seine Gedanken. Liebe, Glück, alles werde ihm dann zufliegen. Ein Leben, für das er durch die Hölle geht – und das ihn dann doch erst mal nicht glücklich macht.
Die Geschichte von Florian Smarsly, der in Stuttgart und Göppingen wohnt, wirft große Fragen auf: Muss man wirklich schlank sein, um ein zufriedenes Leben zu führen? Oder kann man auch glücklich sein, wenn man mehr als doppelt so wiegt wie der deutsche Durchschnittsmann? Und können wirklich die inneren Werte zählen, wenn viele nur „den Dicken“ sehen? Hier erzählt Smarsly, wie er seine Geschichte erlebt – und welche Antworten er auf diese Fragen gefunden hat.
Florian Smarsly wächst in Göppingen in einer Familie auf, in der gut gegessen wird, wenn es was zu feiern gibt. Alle haben ein bisschen was auf den Rippen, aber niemand ist stark übergewichtig. Auch er ist immer schon proper. Im Kindergarten und in der Grundschule ist das kein Thema. Es ist einfach so.
In der Realschule ändert sich das. Den Felgaufschwung am Reck kann er einfach nicht machen, die Rolle rückwärts auch nicht. Er definiert seinen Selbstwert über gute Noten. Sport ist das einzige Fach, in dem das nicht klappt. Mit 16, gegen Ende der Realschule, wiegt er 140 Kilo. Die harte Zeit kommt da erst noch.
Smarsly wechselt aufs Wirtschaftsgymnasium in Göppingen. Er ist Halbwaise, seit er 11 ist. Seine Familie ist nicht wohlhabend, keine Akademiker. Er kommt aus einer andere Welt als die Mitschüler. Seine sexuelle Orientierung entspricht nicht dem dortigen Mainstream. Und dann wird auch noch seine Körperfülle ein Thema. „Ich war der dicke Schwule“, erzählt Smarsly über diese Zeit.
Hinzu kommt: Die guten Noten bleiben aus. Was bisher seinen Selbstwert bestimmt hat, bricht weg. Der Frust wächst. Und Florian Smarsly hat vor allem eine Art, um Frust zu umzugehen: essen.
Florian Smarsly liebt Süßes, wie es riecht, wie es schmeckt, wie es aussieht. Er isst keine riesigen Mengen auf einmal. Er isst einfach oft. Immer dann, wenn ein Gefühl zu regulieren ist. Irgendwann zeigt die Waage 180 Kilo, Body-Mass-Index: 53. Ab einem BMI von 25 spricht man von Übergewicht, ab 30 von Adipositas, also Fettleibigkeit.
Mit 18 will er mit Freunden im Europapark Achterbahn fahren. Mitarbeiter drücken den Sicherheitsbügel herunter, Menschen stehen an, Smarsly wartet auf das „Klack“. Es kommt nicht. Der Bügel schließt nicht. Er muss wieder aussteigen. Ein beschämendes Gefühl.
Zwischendurch macht Smarsly immer wieder Diäten. Das läuft so: Er zwingt sich, weniger zu essen. Oder er geht ins Fitnessstudio. Ein paar Kilo purzeln. Dann bricht er seinen Vorsatz. Er fühlt sich deswegen als Versager. Frust, Verzweiflung, Essen – der alte Teufelskreis.
Florian Smarsly macht ein Freiwilliges Soziales Jahr, eine Ausbildung, findet einen Job, mit dem er zufrieden ist. Er reist, geht feiern, lebt sein Leben. Die 180 Kilo bleiben. Mit Mitte 20 findet er sich immer mehr mit dem Gedanken ab, dass das so bleiben könnte. Er sagt Sätze wie: „Mein Gewicht schränkt mich nicht ein.“ Was er mit seinem Körper nicht machen kann, versucht er zu akzeptieren.
Dann bekommt er Herzstolpern. Er liegt beim Kardiologen auf der Liege. Der Arzt kommt und sagt: „Bei Ihrer Fülle kann Ihr Herz nur krank sein“, dabei hat die Untersuchung noch gar nicht begonnen, so erinnert sich Smarsly. Diagnose: Herzinsuffizienz. Er weint, bekommt immer wieder Panik – bis sich die Diagnose als falsch herausstellt. Er denkt aber auch: Das war mein Wake-up-Call, mein Weckruf. Er will nie wieder beim Kardiologen sitzen und hören, dass sein Herz krank ist.
Florian Smarsly informiert sich über Magen-OPs. Solche Eingriffe sind nicht ohne Risiko. Auch ist das Leben danach ein anderes: Es kann zu Magenbluten kommen. Man muss seine Ernährung komplett umstellen. Zucker- und fetthaltige Speisen können Krämpfe und Übelkeit verursachen. Smarsly hadert mit diesem Weg. Aber im November 2020, da ist er 28, liegt er dann auf dem OP-Tisch. Die Ärzte legen ihm einen Magen-Bypass. Dabei wird der Magen in zwei verschieden große Teile getrennt und ein Teil des Dünndarms umgangen. So kann man weniger essen, gleichzeitig soll ein Hungergefühl erst später auftreten.
Ein paar Tage nach der OP ist Smarsly wieder zu Hause. Er kann jetzt nur noch 150, 200 Gramm pro Mahlzeit essen, Süßes quasi gar nicht mehr. Das reicht zum Überleben, aber nicht mehr, um Gefühle mit Essen zu betäuben. Smarsly fällt in ein Loch. Erstmals in seinem Leben muss er lernen, Gefühle nicht wegzufuttern, sondern sie zuzulassen. „Es war die Hölle“, sagt Smarsly. Aber bald sind die ersten zehn Kilo weg. Das motiviert.
In seiner Coaching-Ausbildung, die er schon vor der OP angefangen hatte, lernt er Methoden, wie er damit umgehen kann, wenn er traurig oder wütend ist, ohne sich vollzustopfen. Er lernt, es anzunehmen, wenn ihm jemand anbietet, zuzuhören.
Aber auch als Smarsly den schlanken Körper erreicht hat, auf den er so intensiv hingearbeitet hat, findet er sich oft nicht schön, kann keine Komplimente annehmen. Selbst als er die überschüssige Haut entfernen lässt, ändert sich das nur bedingt. Heute denkt er am Morgen vorm Spiegel manchmal „du Sex Machine“, und manchmal „ojemine“. Er habe allerdings seine Haltung dazu verändert: „Ich versuche, mich nicht über das Aussehen zu definieren.“
Aber hat sich das Abnehmen dann überhaupt gelohnt?
Als übergewichtiger Mensch werde man angestarrt, verbal angegangen, mitunter am Arbeitsmarkt diskriminiert, sagt Smarsly. Ärzte seien dickeren Menschen gegenüber oft voreingenommen. Bei abwertenden Kommentaren über übergewichtige Menschen „müssen wir alle den Mund aufmachen“, sagt er.
Florian Smarsly sieht es als seinen Auftrag, über Übergewicht zu sprechen, er will den Blick auf adipöse Menschen verändern. Er macht das etwa mit einer Frage, die man sich selbst stellen kann: „Was sind meine ersten Gedanken, wenn ich eine dicke Person ein Eis essen sehe? Denke ich: ‚Ein Eis wäre jetzt gut‘, oder: ‚Hat es die Kugel jetzt wirklich nötig‘“, sagt Smarsly. Man müsse sich der Schubladen bewusst sein, die man hat. Bei vielen sei noch nicht angekommen, dass Adipositas eine Krankheit sei. Es bedeute nicht, dumm und faul zu sein. „Es hat so viele Facetten“, sagt er.
Aber könnte er diese Botschaft nicht glaubhafter vermitteln, wenn er noch seinen 180-Kilo-Körper hätte?
Er kenne nun beide Seiten, sagt Smarsly, das sei ein Vorteil. Und: „Als schöner Mensch hat man es einfacher.“ Ohne abzunehmen, hätte er wohl nicht eine so breite Öffentlichkeit erreicht, wie er es mit einem ZDF-Beitrag und einem Artikel in der „Bild“ getan hat.
Smarsly denkt außerdem zurück an die Zeit vor dem Abnehmen, als er glaubte, seinen Frieden mit dem Übergewicht gefunden zu haben, von den Kilos nicht eingeschränkt zu werden. „Ich habe mich damals selbst veräppelt. Ich habe mein Leben danach ausgerichtet, was ich alles nicht machen kann“, sagt er. „Man darf als übergewichtiger Mensch lieben, wie man ist. Aber man sollte im Hinterkopf haben, dass es dem Körper nicht gut tut“, sagt er zum Thema Body Positivity.
Heute coacht Florian Smarsly Menschen in Gesundheitsfragen. Und er genießt die Möglichkeiten, die ihm sein schlanker Körper gibt. Dass er auf den Hohenstaufen kommt. Dass beim Shoppen alle Klamotten passen. Dass in der Achterbahn der Bügel wieder „klack“ macht, er sich dann die Seele aus dem Leib schreien kann. Und dass er einen Menschen gefunden hat, der ihn liebt. „Ich feiere das alles. Deswegen kann ich mein Gewicht halten“, sagt Smarsly. Und er sagt: „Jeder kann es schaffen, abzunehmen.“ Aber es gehe nicht in erster Linie um die Kilos, sondern um die Haltung sich selbst gegenüber.