Bei Nunzio Grossi geht es plötzlich um die Existenz. Der Umsatz mit dem Mittagstisch hat sich mindestens halbiert, am Abend kommen ein Viertel Gäste weniger. „Es ist tot“, sagt der Inhaber der Pizzeria Regenbogen über das Viertel beim Feuersee. Seine Kundschaft war auf einen Schlag weg – mit dem Umzug des W&W-Konzerns verließen die letzten 2000 Mitarbeiter Stuttgart in Richtung Kornwestheim. Seit Sommeranfang sind die Büros der Württembergischen Versicherung am Feuersee verwaist. Das Unternehmen hat eine Geisterstadt hinterlassen und noch keine Pläne veröffentlicht, was an deren Stelle folgen soll. Der Bäcker Dreßler und Senay Celik vom Kiosko hoffen auf eine Zwischennutzung. „Das ist das zweite Corona bei mir“, sagt Nunzio Grossi von der Pizzeria Regenbogen.
Die Württembergische bezog 1906 das erste Gebäude in der Gegend, einen Neubau an der Ecke zwischen Johannesstraße und Gutenbergstraße. Seither breitete sie sich aus: 1975 genehmigte der Gemeinderat zum Beispiel den Bau der Kantine an der Gutenbergstraße, an der Rotebühlstraße wurde Raum geschaffen für mehrere hundert Mitarbeiter, in den 1990er Jahren wurde der Block bis zur Senefelderstraße und zur Ludwigstraße vollends bebaut. Aber weder zur Geschichte noch zur Zukunft gibt der Konzern viel Auskunft. Für die Entwicklung des Areals sei die Tochtergesellschaft Wüstenrot Haus- und Städtebau zuständig, die sich in Abstimmung mit der Stadt befinde. „Wir streben einen attraktiven Mix aus Wohnen, Büro und Gewerbe an, Details stehen noch nicht fest“, teilt Unternehmenssprecher Immo Dehnert mit.
Die Stadtverwaltung weiß nicht viel mehr. Auf dem 13 000 Quadratmeter großen Gebiet, was knapp zwei Fußballfeldern entspricht, seien Büros, Wohnungen und Nahversorgung geplant, berichtet die Pressestelle. Nur drei Häuser sind nicht im Besitz der W&W AG, der Rest soll teils abgerissen, teils saniert werden. Marode ist das mittlere Gebäude, in dem hunderte von Stützpfosten in der Tiefgarage für Stabilität sorgen. Eine Konzeptstudie aus dem Jahr 2022 scheint vorzuliegen. Dem Rathaus wurde „in Aussicht gestellt“, dass sie im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik und im Bezirksbeirat West präsentiert werde – was bislang nicht auf den Weg gebracht wurde. Danach soll der Aufstellungsbeschluss für einen neuen Bebauungsplan erfolgen.
Allein täglich 100 Brezeln für die Kantine fallen weg
„Je länger es dauert, desto schlechter ist es für uns“, sagt Conny Dreßler. Sie und ihr Mann Harald haben nachgezählt: Täglich kommen 60 Kunden weniger in ihre Bäckerei in der Ludwigstraße. Das entspricht etwa 20 Prozent des Umsatzes. Manche der W&W-Mitarbeiter hätten seit 30 Jahren bei ihnen eingekauft, manche wären zwei bis drei Mal am Tag gekommen. Belegte Brötchen und Feinkostsalate kauften sie, Kuchen für Geburtstagsfeiern, Schokolade als Abschiedsgeschenk. Weggefallen sind außerdem die bis zu 100 Brezeln, die sie seit Jahrzehnten an die Kantine der Versicherung lieferten. Eine Mitarbeiterin, die Vollzeit-Mutter geworden ist, konnten sie einsparen, den Verkauf managen sie zu zweit, die Öffnungszeiten verkürzten sie auf montags bis freitags von 7 bis 16.30 Uhr. „Wir sind am Limit“, sagt Harald Dreßler, mehr Abstriche seien nicht möglich. Die nächste Alternative wäre, zu schließen.
Der längste Urlaub jemals für die Markt-Ecke
Senay Celik dachte, sie werde den Verlust der Versicherung nicht so sehr spüren. Schließlich hat ihr Kiosko an der Johannesstraße auch die Pandemie überlebt. Aber nun verdient sie ebenfalls etwa 20 Prozent weniger. Morgens kamen die Versicherungsangestellten bei ihr vorbei, mittags nach dem Kantinenessen bestellten sie Kaffee, nachmittags holten sie sich ein Stück Kuchen. „Es war hier schon was los“, sagt sie und blickt auf die Johannesstraße, die mitten am Tag fast menschenleer ist. Die Kollegen von der Markt-Ecke an der Senefelder Straße würden mangels Kundschaft gerade Ferien machen – mit vier Wochen die längsten, seit es den Supermarkt gibt, der früher fast immer geöffnet war. „Es lohnt sich einfach nicht“, sagt Senay Celik. Sie hofft, dass die Büros wenigstens teilweise wieder vermietet werden.
Noch sieben Versicherungsvertreter in Stuttgart
„Wir sind die letzten Mohikaner“, sagt Joachim Geiger. Mit seiner Generalagentur vertritt er noch die Württembergische an ihrem alten Standort. Mit sieben Leuten haben er und sein Kompagnon Oliver Bock Anfang Juli die Rotebühlstraße 74 bezogen, vorher waren sie in Nummer 70 untergebracht. Ein provisorisches Plakat im Garten weist auf ihr Vorsorge-Center an der neuen Adresse hin. Im Moment fühlten sie sich in dem riesigen Gebäude etwas einsam, aber Handwerker deuteten darauf hin, dass sie bald Gesellschaft bekommen, berichtet Joachim Geiger. Tatsächlich ziehen 500 Angestellte des Klett-Verlags nach den Sommerferien dort ein. Auch in der Johannesstraße 17 wird künftig an Büchern gearbeitet, weil die verlagseigenen Büros saniert werden. In dem Backsteingebäude an der Rotebühlstraße 72 tut sich zudem was: Die Wüstenrot-Stiftung hat die Villa des Chemiefabrikanten Knosp aufgrund des Abzugs der W & W-Beschäftigen kaufen können. Nur für das Feuersee-Areal ist keine Zwischennutzung geplant.
Jahre voller Baustellen vor dem Restaurant
„Wir haben schon viel kommen und gehen sehen“, sagt Harald Dreßler. Als das Olga-Hospital geschlossen wurden, fielen auch schon 40 Kunden am Tag weg. Dass es nur Spekulationen über die künftige Nutzung gibt, etwa dass ein Supermarkt angesiedelt werden solle, hilft ihnen für die Zukunftsplanung nicht weiter. Nunzio Grossi rechnet erst einmal mit sechs bis sieben Jahren voller Baustellen vor seiner Pizzeria Regenbogen. Umziehen kommt für ihn nicht in Frage, kommendes Jahr feiert er das 25-jährige Bestehen seines Lokals, sein halbes Leben habe er an der Ecke verbracht. „Es ist einfach schade, auch menschlich“, sagt er über den Wegzug der Versicherung. Von seinen vielen Stammgästen sei kein einziger zufrieden damit gewesen, Stuttgart als Arbeitsstätte gegen Kornwestheim eintauschen zu müssen. Manche schauten noch bei ihm auf eine Pizza vorbei. „Aber irgendwann kommen sie gar nicht mehr“, ist er sich sicher.