Vor dem Beginn des Ersatzverkehrs wurden Schilder und Wegweiser aufgestellt – aber reichen sie aus? Foto: Gottfried Stoppel
Eine ganze Reihe von Leserinnen und Lesern hat sich über die gerade angelaufenen Busersatzverkehre bei der Bahn rund um Stuttgart massiv beschwert. Was ist da los?
Kurz vor Weihnachten durchleiden Bahnfahrgäste rund um Stuttgart wegen einer ganzen Reihe baubedingter Ersatzverkehre wieder einen Härtetest. Und obwohl alle Beteiligten inzwischen Routine darin entwickelt haben müssten, läuft es anscheinend im Schienenersatzverkehr (SEV) nicht rund – jedenfalls wenn man eine ganze Reihe negativer Erfahrungsberichte von Leserinnen und Lesern zum Maßstab nimmt.
Kette von Widrigkeiten
Ein Leser, der von Stuttgart aus in Richtung Waiblingen unterwegs gewesen ist, beschreibt eine ganze Kette von Widrigkeiten im Telegrammstil: „Keine Ordnungsperson am Abfahrtsort, Ellbogen werden unschön eingesetzt, Schienenersatzverkehr mit Gelenkbus, völlig überfüllt.“
Dazu kam hier neben einer Verspätung ein Fahrer, der nur Russisch sprach und durch unsichere Fahrweise und das Ignorieren der Busspur auffiel. Unangenehm sei gewesen, dass der Bus keine Sicherheitsgurte hatte, obwohl er in hohem Tempo eine Schnellstraße befuhr.
Fahrer navigiert mit Handy
Ähnliches erlebte Leser Michael Mezger aus Stuttgart bei einer Fahrt Richtung Backnang: „Pünktlich fährt der Bus los, bedient die Haltestellen bis Winnenden vorbildlich, danach ignorierte der Fahrer den gedrückten Haltewunsch“. In Backnang zu Rede gestellt, habe der Fahrer weder deutsch noch englisch die Fragen beantworten können: „Um den richtigen Halt Nellmersbach nicht noch einmal zu verpassen, positionierte ich mich auf der Rückfahrt in der Nähe des Fahrers. Dabei ist aufgefallen, er navigierte mit dem Handy, das vor ihm auf dem Armaturenbrett lag.“
Der aus Stuttgart stammende Leser Marco Cinquemani bemängelt die Tatsache, dass es im Gegensatz zu vergangenen Ersatzverkehren keinen separaten Kleinbus nach Sommerrain mehr gebe und dass deshalb alle Fahrgäste nach Fellbach und Waiblingen diese zeitaufwendige Schleife mitfahren müssten. Zudem gebe es keine ausreichende Kapazität durch Zusatzbusse im Schülerverkehr.
Unerwartete Umwege
Eine unerwartete Schleife musste auch die aus Fellbach stammende Leserin Luise Günther drehen. Auch sie bemängelt überforderte Ordner in Bad Cannstatt, welche die Fahrgäste nach Schnellbussen und regulären Bussen sortieren sollen. Ihr Bus habe während der Fahrt die Linienbeschreibung gewechselt: „Der Bus fährt ohne Halt mit einer großen Schleife um den Waiblinger Bahnhof, ohne Zwischenstopp nach Waiblingen.“
Wo bitte geht es nach Waiblingen? Foto: Sebastian Steegmüller/Sebastian Steegmüller
Unfreundliche Mitarbeiter
Eine Beobachtung teilen alle Betroffenen: Sie sprechen von überforderten, gleichgültigen und sogar unfreundlichen Mitarbeitern, die beim Ersatzverkehr präsent sind, ob Busfahrer oder Ordner.
Kritik an Wegführung
Solche Erfahrungen hat auch die Stuttgarter Leserin Annegret Braun gemacht, die im aktuellen Ersatzverkehr von Stuttgart nach Reutlingen unterwegs gewesen ist. Sie empfindet die Wegeführung von der Klettpassage und der S-Bahn-Station zur Haltestelle dieser Busse als unzureichend ausgeschildert. Ein offizieller Lotse, dem sie dies sagte, habe achselzuckend reagiert und gesagt, dass die Stadt Stuttgart eine größere Beschilderung nicht so einfach genehmige. Dies sei angesichts der überlangen und im dunkeln unangenehmen Wegstrecke eine ärgerliche Ausrede. Kritik an der Wegeführung in diesem Bereich gab es schon bei früheren Ersatzverkehren.
Auch der CDU-Regionalrat Roland Schmid, der damit politisch bei der S-Bahn mitbestimmt und regelmäßig vom Sommerrain aus unterwegs ist, zeigt sich mit dem Ersatzverkehr höchst unzufrieden: „Ich habe ganz schlechte Erfahrungen gemacht. Es funktioniert nicht.“ Die Busse stünden permanent im Stau, die Abfahrtszeiten stimmten nicht: „Das ist kein Ersatz, das ist ein Minus.“ Er werde das in seiner Fraktion ansprechen.
Bahnsprecher nimmt detailliert Stellung
Ein Bahnsprecher reagiert detailliert auf die Augenzeugenberichte. Er räumt ein, dass einzelne Busse „irrtümlich auf eine falsche Route abbiegen. Bezogen auf die mindestens 24 Busse, die stündlich als Ersatz für die S-Bahnen zwischen Waiblingen und Bad Cannstatt pendeln, sind das aber wenige Einzelfälle“. Der SEV zwischen Stuttgart und Waiblingen werde vom Bahnunternehmen Averio organisiert. Wegen Erkrankungen habe die DB die von Averio angefragten Lotsen vor Ort – die sogenannten Reisendenlenker – nicht stellen können. „Die S-Bahn Stuttgart versucht, in den kommenden Tagen mit ihrem eigenen Dienstleister zu unterstützen.“
Man gehe davon aus, dass die beauftragten Unternehmen Busse einsetzen, die regelkonform seien. Busse im „öffentlichen Linien-Personenverkehr unter 50 Kilometer bedürfen keiner Sicherheitsgurte. Daher hat kein Linienbus solche verbaut“. Die Bahn erwarte, dass die Fahrer „nicht nur die Verkehrsregeln kennen, sondern sie auch einhalten.“
Manche Busse verfahren sich in Bad Cannstatt
Das Fehlen der Kleinbusse nach Sommerrain, die noch bei zurückliegenden Sperrungen in diesem Bereich eingesetzt waren, bedürfen einer Sondergenehmigung, für die in der Vergangenheit „unverhältnismäßig große Aufwände notwendig waren“.
Um in Bad Cannstatt sicherzustellen, dass Reisende gut zwischen den Expressbussen und jenen mit Zwischenhalten unterscheiden könnten, lässt die Bahn diese an unterschiedlichen Stellen halten und abfahren. Allerdings seien am ersten Tag der Sperrung „in wenigen Einzelfällen Fahrer in Bad Cannstatt falsch abgebogen und haben dadurch irrtümlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite am Bahnhof gehalten“.
Bahn bessert bei Beschilderung nach
Dass die Busse nach Reutlingen/Tübingen nicht direkt am Hauptbahnhof, sondern vom Pariser Platz im Europaviertel starten, liegt am begrenzten Platzangebot auf dem Arnulf-Klett-Platz. Den Stuttgarter Straßenbahnen sei wichtig, dass „die Fahrgäste ihrer Linienbusse ab Arnulf-Klett-Platz nicht durch SEV-Informationen und Wegeleitungen beeinträchtigt werden“. Allerdings habe die Bahn am Mittwochabend noch weitere Hinweisschilder aufgehängt, die den Weg zur SEV-Haltestelle weisen sollen.