Nahverkehrsvision in der Region Schafft die Magnetbahn im Gäu den Durchbruch?

Eine Fotomontage zeigt, wie eine mögliche Magnetbahn in Nagold aussehen könnte. Foto:  Project One/Max Bögl

Seit Jahrzehnten laboriert man in Deutschland an der visionären Magnetbahntechnologie. Nun gibt es für sie in Baden-Württemberg eine Überraschung.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Werden Nagold und Herrenberg das neue Shanghai? Zumindest haben die beiden Orte nun eine reelle Chance zu Pionieren bei der Magnetbahn zu werden, wie es – weltweit beachtet – die chinesische Metropole seit 2004 schon ist.

 

Seit 2018 versucht das in der Oberpfalz beheimatete Bauunternehmen Max Bögl mit einer Nahverkehrsvariante die Technologie wiederzubeleben, nachdem der ursprüngliche Entwickler Thyssenkrupp das Interesse verloren hatte . Ohne das Engagement des Bauunternehmens wäre das über Jahrzehnte vom Staat massiv geförderte Magnetbahn-Know-how in Deutschland nach der Stilllegung einer Teststrecke 2011 wohl am Ende gewesen. Für eine Baufirma ist attraktiv, dass nach Bögls Angaben 70 Prozent des Investitionsvolumens auf den betonierten Fahrweg entfallen.

Erste Teststrecke in China

Seit 2020 gibt es im chinesischen Chengdu eine von Bögl errichtete 3,5 Kilometer lange Teststrecke. Und vor wenigen Wochen erhielt das Unternehmen vom Eisenbahn-Bundesamt nun die amtliche Genehmigung, auch in Deutschland öffentliche Strecken betreiben zu dürfen. Doch bisher gibt es noch keine kommerzielle Anwendung.

Nun hat aber eine eine vom Verkehrswissenschaftlichen Institut Stuttgart für die Landkreise Böblingen und Calw erstellte Machbarkeitsstudie die beiden 15 Kilometer voneinander entfernten Städte Herrenberg und Nagold auf Augenhöhe mit Hamburg oder Nürnberg gebracht, wo es aktuell entsprechende Machbarkeitsstudien gibt. In Nürnberg liegt laut Bögl ebenfalls bereits ein Ergebnis mit einem positiven Kosten-Nutzen-Verhältnis vor.

Bei der Wirtschaftlichkeitsrechnung für eine neue Direktverbindung schlug die Magnetbahn, auf der die Züge im Fünfzehn-Minuten-Takt theoretisch mit bis zu 150 Kilometer in der Stunde verkehren könnten, alle anderen Alternativen – vom Metropolexpress bis zu S-Bahn und Regionalstadtbahn.

Sollte nach Jahrzehnten zerstobener Visionen, die von der Strecke Hamburg-Berlin bis zur Flughafenanbindung in München reichen, die deutsche Magnettechnologie ausgerechnet an der ländlichen Nahtstelle zwischen dem Gäu und dem Nordschwarzwald den Durchbruch schaffen? Der Regionalverkehr ist aktuell einer der Bereiche, wo die schwarz-rote Bundesregierung mit aufgestockten Fördergeldern lockt.

Vollautomatischer Betrieb möglich

Ein Vorteil der Magnetbahn wäre neben einem vollautomatischen und damit wirtschaftlichen Betrieb auch die Fähigkeit, die beträchtlichen Steigungen mit wenig baulichem Aufwand zu überwinden – sofern man die auf Stelzen geführte Bahn vor allem in Nagold ins Stadtbild integrieren könnte. „Auch ebenerdige Trassenführung wie auch die Integration im Tunnel sind problemlos möglich“, sagt eine Bögl-Sprecherin: „Dank der Magnetschwebetechnologie ist das System leise, platzsparend, emissionsarm, flexibel und zuverlässig.“ Der Bau würde mit veranschlagten knapp 300 Millionen Euro bis zu 250 Millionen Euro weniger Kosten als eine Verlängerung der S-Bahn, die teure Tunnel benötigen würde.

Das in die Planung eingebundene Landesverkehrsministerium Baden-Württemberg zeigt sich aufgeschlossen. Die Magnetbahn biete in der nicht einfachen Topographie voraussichtlich konkrete Vorteile. „Dabei geht es um den potenziellen Eingriff in den Naturraum, Steigungsfähigkeit, Kosten“, sagt ein Sprecher: „Gleichzeitig wäre das System trotz aller Vorteile mit einem Umstieg in Herrenberg verbunden.“ Es bleibe am Ende eine Entscheidung der Gremien vor Ort.

Region eher skeptisch

Doch bisher ist dort die Neigung eher gering, sich auf das technologische Experiment einzulassen. Das System sei mit dem übrigen Bahnnetz nicht kompatibel, hieß es vor wenigen Tagen bei der Präsentation der Ergebnisse im Wirtschaftsausschuss des Landkreises Calw. Die Technik sei unerprobt, so zitierte der „Schwarzwälder Bote“ das CDU-Ausschussmitglied Jürgen Großmann. Zudem müsste auch eine eigene Werkstatt an der Strecke gebaut werden.

Wie belastbar die Versprechungen des Herstellers sind, kann in Deutschland noch niemand nachprüfen. Der berechnete, wirtschaftliche Vorsprung vor der zweitbesten Lösung, einer Regionalstadtbahn, die dann von Herrenberg ohne Umsteigen direkt weiter nach Tübingen fahren könnte, ist allerdings nicht sehr groß. Ob und wann die dort angekündigten modernen Stadtbahnen im Rahmen der geplanten Regionalstadtbahn Neckar-Alb auf die Schiene kommen, ist allerdings auch auf dieser Strecke noch nicht sicher.

Attraktion für die Region?

Dass man damit womöglich eine technologische Attraktion und ein überregional betrachtetes Leuchtturmprojekt erhalten würde, spielt bisher in der Diskussion keine Rolle. Diese Hoffnung hegt zurzeit beispielsweise die Berliner Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) die eine Magnetbahnstrecke auch als Zukunftssymbol der Bundeshauptstadt propagiert.

Und so passiert das, was hier zu Lande üblich ist. Eine Entscheidung gibt es noch lange nicht. Die besten Alternativen sollen jetzt noch einmal vertieft untersucht werden. Nagold, das von einem schnellen Metropolexpress nach Stuttgart träumt, lanciert sogar noch einmal eine ganz eigene Untersuchung.

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