Nationalismus bei der Fußball-EM Rote Karte für Demiral & Co.

Der türkische Spieler Merih Demiral zeigt nach seinem 0:2 gegen Österreich die Geste der rechtsradikalen „Grauen Wölfe“. Foto: dpa/Sebastian Christoph Gollnow

Die von rechten Hetzern kultivierte Gestik des Türken-Stars Merih Demiral zeigt: Die Fußball-EM hat auch ihre Schattenseiten. Sie darf Nationalisten keine Arena bieten, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Zeigefinger und kleiner Finger wie Ohren aufgestellt, die anderen Finger auf den Daumen gepresst: Kinder erkennen in dieser Geste den „Schweigefuchs“ – in Fußballstadien und Fanzonen signalisieren solche Handzeichen jedoch eine weit weniger harmlose Botschaft. Der türkische Nationalspieler Merih Demiral hat seinen Torjubel beim Achtelfinalspiel der Fußball-Europameisterschaft damit zu einer Verbrüderung mit Nationalisten und Rassisten missbraucht. Sein „Wolfsgruß“ ist das Erkennungssymbol der rechtsextremistischen „Grauen Wölfe“ – und das weiß in der Türkei tatsächlich jedes Kind, mag sich Demiral hinterher auch noch so naiv stellen.

 

Verglichen mit dem Denken der „Grauen Wölfe“ ist der türkische Präsident Erdogan ein gesitteter Chorknabe. In deren Ideologie mischen sich türkischer Überlegenheitswahn, Rassismus und Antisemitismus. Sie haben allein in Deutschland 12 000 Anhänger und gelten damit laut Verfassungsschutz als größte rechtsextremistische Organisation hierzulande (solange die AfD dies nur in Teilen ist). Demiral ist auch keineswegs allein. Mesut Özil, der immerhin schon 92 Spiele im deutschen Nationaltrikot bestritten hat, ließ sich das Totem der „Grauen Wölfe“ auf die Brust tätowieren.

Gegen eine schlichte Triumphgeste nach den Torerfolgen des Türken-Stars, ein Signal der Verbrüderung mit den Fans auf der Tribüne wäre selbstverständlich nichts einzuwenden. Fußballstadien sind bei solchen Turnieren auch Schauplätze des Patriotismus. Beim Fußball geht es nicht nur um Mannschaftsgeist, Treffsicherheit und die Physik fliegender Bälle. Wenn Nationalmannschaften gegeneinander antreten, wird der Fußball zur Projektionsfläche für Nationalgefühle. Das beginnt schon mit den Hymnen vor dem Anpfiff. Länderspiele sind ritualisiertes Nationaltheater.

Die aktuelle Europameisterschaft findet in einer diesbezüglich hysterischen Zeit statt. Allerorten feiert zombigleich der Nationalismus eine Art Wiederauferstehung – eine totgeglaubte Ideologie in einer hochgradig globalisierten Welt. Nationalisten erobern das politische Terrain in Deutschland und in vielen Nachbarstaaten. Nationalistische Motive dienen in der Ukraine und andernorts als völkerrechtswidrige Rechtfertigungsversuche für Kriege und Gewalt.

Der Sport wird gerne als Beitrag zur Völkerverständigung gepriesen. Er bietet aber auch eine Arena für nationale Konkurrenz – in der die Regeln des Fair Play auf und abseits der Spielfelder gelegentlich mit Füßen getreten werden. Das gilt neben Demirals Wolfsgeste auch für das zum Teil hasserfüllte Gegröle kroatischer und albanischer Fans, für serbische Flaggen in den Stadien, auf denen die autonome Republik Kosovo als eigene Provinz beansprucht wird, für Reverenzen an Kriegsverbrecher am Rande der Fanzonen – und für die Häme in AfD-Kreisen über eine deutsche Elf, die manchen nicht „weiß“ genug ist. Die EM erweist sich auch als eine Plattform für Volksverhetzung.

So war sie aber nicht gedacht. Die Zeiten, in denen der britische Schriftsteller George Orwell zum Schluss kam, Länderspiele seien so etwas wie „war minus shooting“ (Krieg ohne Schüsse) sind zum Glück lange vorbei – doch der Furor hat in manchen Köpfen überlebt. Darüber kann auch die Sehnsucht nach einem zweiten Sommermärchen nicht hinwegtäuschen. Doch die Mehrheit der friedlichen Fans, die sich einfach nur am Sport erfreuen wollen, die Spannung des Spiels genießen und Tore bejubeln, haben ein Anrecht darauf, dass Leute wie Merih Demiral und seine Anhänger die rote Karte gezeigt bekommen.

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