Nationalmannschaft Lob für Stiller – aber es gibt eine neue Dynamik in der DFB-Schaltzentrale

Mit Ballgefühl: Der VfB-Profi Angelo Stiller hat zuletzt im Nationaltrikot überzeugt und bereitet sich nun mit dem DFB-Team auf die WM vor. Foto: IMAGO/Nico Herbertz

Aleksandar Pavlovic ist auf dem Weg, eine feste Größe zu werden – und für die WM sieht Bundestrainer Julian Nagelsmann viele Möglichkeiten. Welche Rolle spielt dabei der Stuttgarter?

Sport: Carlos Ubina (cu)

Aleksandar Pavlovic verfügt über eine feine Ballbehandlung. Fließend sind seine Bewegungen, wenn er das Spielgerät an den Fuß nimmt und sich aufdreht, um das Spiel vor sich zu haben. Ganz gleich, ob er den rechten oder linken Fuß nimmt und ganz gleich, in welche Richtung es geht. Der Mittelfeldspieler scheint mit einem Radar um sich herum zu agieren, der ihn früh die Aktionen der Gegner und Mitspieler erkennen lässt. So behält er unter Druck die Ruhe. „Er hat eine tolle Saison gespielt“, sagt der Bundestrainer Julian Nagelsmann über den 22-Jährigen des FC Bayern.

 

In allen wichtigen Partien des Rekordmeisters stand Pavlovic in der Startelf – mit Joshua Kimmich an seiner Seite auf der Doppelsechs. Unaufgeregt, ballsicher, laufstark. Unabhängig davon, ob der Gegner Borussia Dortmund in der Bundesliga, VfB Stuttgart im Pokalfinale oder Paris Saint-Germain im Champions-League-Halbfinale hieß.

Pavlovic spielte dabei nicht immer auffällig, aber stets auf höchstem Niveau. Und so melden sich im Vorfeld der Fußball-WM weiterhin genug Experten zu Wort, die überzeugt davon sind, dass die beiden Münchner auch die beste Lösung für die deutsche Nationalmannschaft wären. Nur: Nagelsmann hat Kimmich aus Mangel an Alternativen auf die rechte Abwehrseite versetzt – und da bleibt der Kapitän vorerst.

Somit dreht sich vieles im Kreis der Nationalelf um Pavlovic. Mit Verzögerung. Denn die zentrale Rolle, die er aktuell einnimmt, war ihm gleich nach der Heim-EM 2024 zugedacht gewesen. Ein Ausnahmetalent mit Übersicht, das den zurückgetretenen Toni Kroos, die menschgewordene Passmaschine, als Taktgeber beerbt. Gerne im Verbund mit dem VfB-Profi Angelo Stiller, der ihm zuletzt in Berlin direkt gegenüberstand. Lange neutralisierten sich die Kontrahenten, ehe die Bayern beim 3:0 im Pokalendspiel die Kontrolle übernahmen.

Aleksandar Pavlovic vom FC Bayern hat eine starke Clubsaison hinter sich – und die WM vor sich. Foto: IMAGO/Revierfoto

Nun könnte es in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zusammen gehen. Allerdings verkörpern Pavlovic und Stiller einen ähnlichen Stil. Sie strukturieren mit ihren Pässen die Offensive und definieren ihre defensiven Aufgaben weniger über Körperlichkeit und Zweikampfhärte, sondern mehr über die Fähigkeit, die Angriffe des Gegners vorauszusehen und schlichtweg den Ball nicht zu verlieren. Das schafft Dominanz. Dennoch: Pavlovics Reifeprozess dauert aufgrund von Verletzungen und Krankheiten noch an. Aber er ist auf dem besten Weg, der Spieler zu werden, den es auf der Königsposition zwischen Abwehr und Angriff braucht: ein Spieler mit Autorität.

Schon immer haben starke Spielerpersönlichkeiten im Herzen des Spiels die DFB-Teams zu großen Turniererfolgen geführt. Siehe Lothar Matthäus beim WM-Gewinn 1990 oder Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira beim WM-Triumph 2014. Sie bildeten die Schaltzentrale auf dem Rasen, galten als Strategen und Führungskräfte.

Diesmal ist es anders. Pavlovic muss bei der Weltmeisterschaft in Nordamerika vollends zu einer festen Größe heranwachsen – aber mit welchem Partner? „Wir haben verschiedene Optionen und können auf verschiedene Situationen gut reagieren“, sagt Nagelsmann, der zuletzt Stiller auffällig gelobt hat. Als Konstante im Stuttgarter Spiel. „Wenn wir zwei tiefe Sechser sehen, dann sind Aleksandar Pavlovic und Angelo Stiller die Stabilsten, die wir in der Bundesliga haben“, sagt der Bundestrainer. Zudem hat er ein „sehr gutes Gespräch“ mit dem 25-Jährigen geführt, damit der Stuttgarter seine Rolle im Kader besser ausfüllt. Nicht nur auf dem Platz, denn Nagelsmann ist es extrem wichtig, für das XXL-Turnier in den USA, Kanada und Mexiko eine Einheit zu formen.

Zu den fünf Kandidaten für die Sechserposition zählen auch Leon Goretzka und Pascal Groß. Nagelsmann liebäugelt jedoch mit einem Spieler, der im DFB-Trikot bisher nur Ansätze seines Potenzials gezeigt hat: Felix Nmecha. 25 Jahre alt, sechs Länderspieleinsätze, ein Tor. Der Bundestrainer meint, dass er „alles mitbringt, um einer der besten Mittelfeldspieler der Welt zu sein.“

Doch Verletzungen haben den Dortmunder immer wieder zurückgeworfen. Neun Wochen fehlte Nmecha vor der WM-Nominierung wegen einer Knieblessur. Mit ein Grund, weshalb Nagelsmann den Termin verschob. Er wollte dem BVB-Profi die Chance geben, es noch zu schaffen. Dann sah ihn der Bundestrainer beim Comeback: „In seinen 20 Minuten hatte er eine Aufdrehaktion mit anschließendem Tempodribbling über 40 Meter – da wusste ich: Er ist wieder da.“

Gut für die DFB-Elf, ist Nagelsmann überzeugt. Denn mit seiner Athletik und Geschwindigkeit kann Nmecha dem deutschen Spiel geben, was Pavlovic und Stiller bei aller Eleganz weniger bieten – Dynamik.

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