Das ins Auge gefasste Neubaugebiet in Neustadt liegt inmitten grüner Natur. Foto: Frank Rodenhausen
Mit nur einer Stimme Mehrheit gibt der Gemeinderat grünes Licht für das umstrittene Neubaugebiet Söhrenbergweg in Neustadt. Der Beschluss ignoriert das Votum des Ortschaftsrats.
Am Ende reichte ein Name – und die Zukunft eines Landschaftsstrichs war besiegelt. Mit 17 zu 16 Stimmen entschied der Waiblinger Gemeinderat am Donnerstagabend knapp, die Planungen für das Baugebiet Söhrenbergweg am Rand des Waiblinger Teilorts Neustadt fortzusetzen.
Ausgerechnet Oberbürgermeister Sebastian Wolf gab als Letzter in der namentlichen Abstimmung die entscheidende Stimme. Damit stellte sich das Gremium gegen den Ortschaftsrat Neustadt, der das Vorhaben mit Mehrheit abgelehnt hatte.
Die Stimme von Oberbürgermeister Sebastian Wolf hat in der Abstimmung den Ausschlag gegeben. Foto: Gottfried Stoppel
Die Stadt kann nun die nächsten Planungsschritte einleiten. Konkret soll das Gebiet abschnittsweise entwickelt werden – zunächst über den Bühlweg, später folgen Seestraße und Söhrenbergweg. Die städtebauliche Konzeption sieht eine Mischung aus zwei- bis dreigeschossigen Mehrfamilienhäusern, Reihenhäusern, gemeinschaftlich genutzten Innenhöfen, einem Quartierstreff und einem Spielplatz vor. Entwässerung über ein Mulden-Rigolen-System, Parkplätze teils unterirdisch – Papier ist geduldig. Aber die Debatte brennt.
Konfliktlinie mitten durchs Stadtgefüge
Projekt gegen die Wohnungsnot
Der Söhrenbergweg teilt die Stadt. Nicht geografisch, sondern emotional. Die einen sehen hier eine Chance, der chronischen Wohnungsnot zu begegnen. CDU-Fraktionschef Peter Abele mahnt, man dürfe nach sieben Jahren Planung nicht alles aufgeben: „Waiblingen braucht 250 neue Wohnungen pro Jahr – und das geht nicht ohne eine moderate Außenentwicklung.“
Die anderen warnen vor einem ökologischen, sozialen und stadtklimatischen Desaster. SPD-Stadtrat Urs Abelein betont, dass der Söhrenbergweg weder günstigen Wohnraum schaffe noch stadtverträglich sei: Das Gebiet sei kein Ort für günstige Mieten, sondern für schönes Wohnen – auf Kosten von Natur, Klima und Gemeinsinn.
Auch die Grünen lehnen es ab. Iris Förster nennt das Vorhaben „aus der Zeit gefallen“, angesichts der Lage direkt am Landschaftsschutzgebiet, aber auch unter ökonomischen Gesichtspunkten. Die Grünen fordern stattdessen Innenentwicklung – Nachverdichtung, kluge Konzepte für den Bestand, bessere Nutzung bereits versiegelter Flächen. Und: „Waiblingen kann nicht die Wohnungskrise der Region Stuttgart alleine schultern“, sagt Förster – und stellt die grundsätzliche Frage: Wie viel Wachstum verträgt eine Stadt?
Die Gärten sollen bleiben – die Grundstücke auch
Ein dritter Akteur kommt hinzu: Die Grundstückseigentümer. Denn ein Teil der geplanten Flächen ist nicht verfügbar. Laut eigenen Angaben der Stadt umfasst das Projekt derzeit rund 75 Prozent gesicherte oder prinzipiell verkäufliche Grundstücke. Doch besonders eine Gärtnereifläche am südlichen Rand – als möglicher vierter Bauabschnitt eingeplant – ist weiterhin nicht zu haben. Die Besitzer winken ab. Und ohne sie wird es eng – nicht nur im Bau-, sondern auch im Regionalplan: Die geforderte Dichte von 80 Einwohnern pro Hektar wäre nur mit diesem vierten Abschnitt erreichbar.
Das hindert die Stadt nicht daran, weiterzudenken. In der Gemeinderatsvorlage heißt es: „Grundstücksverfügbarkeit ist immer auch eine Momentaufnahme.“ Man wolle keine Enteignungen, aber langfristig bleiben. Stillstand sei keine Option. Bau-Bürgermeister Dieter Schienmann sagt offen: „Ohne Außenentwicklung lösen wir das Wohnproblem nicht.“
Ortschaftsrat? Spiel ohne Macht
Der Ortschaftsrat Neustadt ist anderer Meinung. Acht zu fünf – so lautete dort das Votum gegen das Projekt. Und auch wenn dieses Gremium nur beratend tätig ist: Der symbolische Affront liegt auf dem Tisch. „Wenn wir das ignorieren, wozu haben wir dann einen Ortschaftsrat?“, fragt SPD-Mann Abelein.
Und was ist mit der Verwaltung? Sie bleibt nüchtern: Die nächste Planungsrunde soll vorbereitet, das Entwässerungskonzept verfeinert, Haushaltsmittel für 2026 angemeldet werden. Ein klassischer Verwaltungsweg – vorbei an den aufgeladenen Fronten.
Mehr als nur ein Baugebiet
Denn der Widerstand ist mehr als ein ökologisches Bauchgrummeln. Es geht ums Ganze. Um das Stadtbild. Um Lebensqualität. Um Klimafragen und Verkehrsprobleme, um Infrastruktur, Kindergartenplätze, Umweltschutz – und letztlich um Vertrauen. Vertrauen in die Stadtpolitik. Vertrauen in Beteiligungsprozesse. Vertrauen in die Möglichkeit, dass „bezahlbarer Wohnraum“ mehr ist als ein Schlagwort in Bauausschüssen.
Naturschützer sehen mit der Bebauung am Söhrenbergweg eine wichtige Kaltluftschneise zerstört. Foto: Frank Rodenhausen
Der Beschluss des Gemeinderats hat Fakten geschaffen – vorerst. Ob sie Bestand haben, hängt an vielen Wenns: Wenn die Grundstücke wirklich verkauft werden. Wenn die Finanzierung klappt. Wenn der Widerstand nicht weiter wächst. Wenn nicht eine neue politische Mehrheit das Ruder herumreißt.
Bis dahin bleibt der Söhrenbergweg ein Lehrstück. Über kommunale Entscheidungsprozesse. Über das Ringen um das richtige Maß. Über die Frage, wie viel Beton auf wie viel Boden passt. Und über eine Demokratie, die sich manchmal mit einer Stimme entscheiden lässt. Aber auch viele zurücklässt.