Neue Gastronomie Weingüter eröffnen Restaurants – um sich gegen die Krise zu wappnen

Stefanie und Ludwig Schwarz freuen sich schon auf das spannende Projekt beim TB Untertürkheim. Foto: Michael Weier

Weil der Weinbau in der Krise steckt, setzen Winzer auf Gastronomie – mit Festen oder Gastköchen. Das Weingut Schwarz und die Sieglochs gehen noch einen Schritt weiter.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Der Neubau wirkt wie ein Symbol: Imposant ist er, pechschwarz von außen, innen lichtdurchflutet, modern und nachhaltig. „Gerade in schwierigen Zeiten muss man offen sein und Neues wagen“, sagt David Siegloch. Er und sein Bruder Markus haben viel Geld investiert, um ihr Weingut zukunftsfähig zu machen – mit einem Restaurant. Auch die Geschwister Stefanie und Ludwig Schwarz setzen auf ein Lokal als zusätzliches Standbein: Sie übernehmen die Vereinsgaststätte vom Turnerbund Untertürkheim. „Es ist natürlich eine riskante Sache“, sagt die 36-Jährige, Gastronomie sei so wenig krisenfest wie der Weinbau. „Aber der Wandel ist auch eine Chance, um sich neu zu erfinden.“

 

Überall werden in Württemberg die Reben herausgerissen. Um 4,4 Prozent ging die Weinbaufläche im vergangenen Jahr zurück. Das klingt nach wenig, ist jedoch nur der Anfang: Laut Prognosen könnte bis 2030 fast ein Drittel der Weinberge verschwinden. Der weltweite Weinkonsum ist auf den niedrigsten Stand seit 1957 gesunken. Die folgende Statistik findet Stefanie Schwarz besonders beängstigend: Junge Paare trinken 40 Prozent weniger Wein als Menschen, die 55 Jahre oder älter sind, bei jungen Singles sind es sogar minus 70 Prozent. Angesichts des Langlebigkeitstrends und der unsicheren Weltlage „muss man schauen, wie man sich aufstellt“, sagt David Siegloch. Essen und Trinken gehört schließlich zusammen, Gastronomie in Form von Besenwirtschaften schon immer zu vielen Weingütern.

Noch nicht ganz eingerichtet: David Siegloch im neuen Restaurant des Weinguts, das von außen betrachtet pechschwarz geflammt ist Foto:  /Kathrin Haasis

Am 1. Mai war an der Bergstube vom Weingut Schwegler von der neuen Trinkzurückhaltung nichts zu spüren: Rund um das Wengerterhäusle am Hörnleskopf in Korb tummelten sich die Ausflügler. Wenn das Collegium Wirtemberg im August seine Weinmeile aufbaut und das Wetter stimmt, werden die Genossen von Besuchern überrannt. Zur Sunset Lounge auf der Luitenbächer Höhe kamen laut Schätzungen der Stadt Weinstadt bisher rund 45 000 Gäste. Wer nicht über dauerhafte Besenwirtschaften wie die Rienths oder Bauerles in Fellbach verfügt, lädt zu Festen ein, schenkt auf Märkten oder Veranstaltungen aus und lässt wenigstens ab und zu kochen. Auf der Dachterrasse vom Weingut Leon Gold in Gundelsbach tischen beispielsweise die Sterneköche Bernd Bachofer und Simon Tress am 25. Juli ein sechsgängiges Menü auf.

„Events werden immer wichtiger“, sagt Markus Heid, der mit seiner Frau Bettina Hermann die Weingutsbar betreibt. Foto: Michael Weier

„Events werden immer wichtiger“, sagt Markus Heid, „die Menschen suchen Orte, an denen Gemeinschaft gelebt wird.“ Vor rund einem Jahr hat er in seinem Fellbacher Bio-Weingut eine Gutsbar eingebaut – im Fachwerkhaus an der Straße, wo früher ein Bekleidungsgeschäft war. Jeden Mittwoch herrscht nun großer Andrang, zum Wein gibt es Wurst und Käse. Die Kellerei Kölle in Bönnigheim setzt bereits seit vier Jahren auf ihre Weinstube Fassdaube mit Mittagstisch und Abendessen, um die Kundschaft zum Weinkaufen ins Gewerbegebiet zu locken. Die Felsengartenkellerei bei Hessigheim stellte Gastro-Container auf, um die Besuchermassen an Wochenenden und Feiertagen in ihrem Kellereihof durch Caterer bewirten lassen zu können. Für die Zeiten, an denen geschlossen ist, ist der Bau einer Terrasse am Verkaufsraum geplant, „damit die Kunden und Touristen ein Gläschen Wein an diesem schönen Ort genießen können“, kündigt der Vorstandsvorsitzende Martin Fischer an.

Besenwirtschaft als Existenzsicherung

Fürs Weingut Schwarz war die Besenwirtschaft bisher existenzsichernd. Die Konzession ist allerdings auf 40 Plätze und 16 Wochen im Jahr beschränkt. Kürzlich musste die Seniorchefin eine Weihnachtsfeier mit 100 Teilnehmern ablehnen. Ein Ausbau wäre in der beengten Ortsmitte nicht möglich, „das Traumszenario“ der Familie: ein Aussiedlungsplatz in Stuttgart mit der Erlaubnis für eine Gaststätte. „Aber das dürfen wir leider nicht, das schmerzt“, sagt Stefanie Schwarz. Im Vereinsheim vom Turnerbund sehen sie und ihr Bruder ebenfalls großes Potenzial: Es liegt mitten in den Weinbergen, unterhalb der Grabkapelle und hat einen Saal für rund 100 Personen. Deutsche und schwäbische Küche, „gutbürgerlich, nicht abgehoben“, soll es in dem Lokal geben, das im Sommer nach aufwendigem Umbau unter dem Namen Heimspiel 1888 eröffnen soll. Wie die Sieglochs  stellen sie Personal für Küche und Service ein.

Ihren Fahrzeugunterstand haben David und Markus Siegloch zum Restaurant umgebaut – nachhaltig aus abgeflammtem Holz und mit dem bestehenden Tragwerk. Unter dem Dach veranstaltete die Familie ihren erfolgreichen Sommerbesen, für Geburtstage und Hochzeiten vermieteten sie die Remise. Statt flächenmäßig zu wachsen und Preiskämpfe ausfechten zu müssen, konzentrieren sich der 40-Jährige und sein zwei Jahre jüngerer Bruder lieber auf die eigene Wertschöpfung über die regionale Vermarktung. „Die Leute kommen nicht mehr von alleine, man muss ihnen etwas bieten“, sagt David Siegloch. Anfang Juni soll es losgehen: Dienstags bis samstags bieten sie dann von 16 Uhr an „eine kleine, feine Speisekarte mit modernen, kreativen Gerichten“. Die Dachterrasse wird zur Lounge, wo Tapas serviert werden. „Wir wollen unserem Wein eine Bühne bieten“, sagt David Siegloch.

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