Männer können aufatmen: Die meisten sind gar nicht toxisch. Eine neue Studie zeigt: Extreme Formen toxischer Männlichkeit sind woanders zu finden, als gedacht.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Ganz normale Männer, die sich noch nie in ihrem Leben etwas zu Schulden kommen lassen haben, haben es zugegebenermaßen in den letzten Jahren schwer. Bei dem äußerst beliebten Trend #womeninmalefields zeigten junge Frauen kürzlich in leicht ironisch Männern ihr Fehlverhalten auf. Über 100 000 Reels gab es davon allein auf Instagram. Wie zum Beispiel: „Mein Kollege sah so aus, als hätte er einen harten Tag. Deshalb habe ich ihm gesagt, er würde netter aussehen, wenn er mal lächeln würde.“

 

Toxische Männlichkeit gilt seit einigen Jahren als feststehender Begriff

Vor einigen Jahren sorgte die American Psychological Association (APA) schon weltweit für Aufregung, weil sie in einem Ratgeber als klassisch männlich konnotierte Eigenschaften wie Stärke, Dominanz und Konkurrenzdenken als „toxisch“ bezeichnete und in die Nähe von psychischen Krankheiten rückte. Seitdem hat sich der Begriff toxische Männlichkeit festgesetzt.

Aber sind wirklich alle Männer so? Forscher um die Psychologin Deborah Hill Cone an der Universität Auckland in Neuseeland sind in einer umfangreichen Studie „Are Men Toxic?“ dem Phänomen der toxischen Männlichkeit nachgegangen. Und hier können Männer nun aufatmen: Wie Cone und ihre Kollegen im Fachjournal Psychology of Men & Masculinity berichteten, zeigte nur ein wirklich kleiner Teil der rund 15 800 zufällig ausgewählten heterosexuellen Männer problematische Verhaltensweisen.

In der Studie zeigten über 90 Prozent keine toxischen Einstellungen

Über 90 Prozent der Probanden zeigten nur niedrige bis moderate Ausprägungen in verschiedenen Dimensionen toxischer Männlichkeit wie sexuelle Vorurteilen, Unverträglichkeit, Narzissmus, feindseliger und wohlwollender Sexismus, Ablehnung von Maßnahmen zur Gewaltprävention sowie soziale Dominanz.

Ist es vielleicht doch nur ein kleiner Teil an Männern, der so auffällt, dass er den Rest der eigenen Spezi gleich mit runterzieht?

Als Shepherd Bliss einst den Begriff „toxische Männlichkeit“ geprägt habe, so schreiben die Autoren der Studie, habe er damit einen „missbräuchlichen Anteil der männlichen Psyche“ hervorgehoben. Doch seit der #MeToo-Ära habe sich die Bedeutung des Begriffs stark erweitert und umfasse heute eine breite Palette beunruhigender Einstellungen und stereotypischer Verhaltensweisen von Männern.

„Dazu zählen die grobe Frauenfeindlichkeit eines Donald Trump, ernsthafte Bedrohungen für Frauen durch die sogenannte „Rape Culture“ oder Angriffe auf deren reproduktive Rechte“, schreiben Cone und ihre Kollegen. Aber auch vermeintlich harmlosere, wenn auch systemerhaltende Verhaltensweisen wie „Mansplaining“, das Vernachlässigen von Hausarbeiten oder das Unvermögen, ein ausreichender feministischer Verbündeter zu sein, würden mittlerweile unter dem Schlagwort „toxische Männlichkeit“ eingeordnet, so die Forscher.

Die Analyse identifizierte fünf unterschiedliche Profile von Männlichkeit. Das wohl bemerkenswerteste Ergebnis: Das größte Profil, die „Atoxics“ (35,4 Prozent), erzielte durchweg niedrige Werte bei allen Indikatoren. Zwei weitere Profile, die „LGBT-toleranten Moderaten“ (27,2 Prozent) und die „Anti-LGBT Moderaten“ (26,6 Prozent), zeigten ebenfalls eher geringe bis moderate Werte, wobei letztere sich durch höhere sexuelle Vorurteile auszeichneten.

Männliche Männer sind nicht unbedingt toxisch

Nur ein kleiner Teil der Stichprobe zeigte Formen der „toxischen Männlichkeit“. Die Forscher identifizierten zwei spezifische toxische Profile, die zusammen aber nur 10,8 Prozent der Männer ausmachten. Die „wohlwollenden Toxischen“ (7,6 Prozent) fielen durch hohe Werte bei wohlwollendem Sexismus, sexuellen Vorurteilen und einer starken Geschlechtsidentitäts auf, zeigten aber moderate Werte in anderen Bereichen. Das kleinste, aber extreme Profil waren die „Feindseligen Toxischen“ (3,2 Prozent), die die höchsten Werte bei feindseligem Sexismus, Unverträglichkeit, Narzissmus, Ablehnung von Gewaltprävention und sozialer Dominanzorientierung aufwiesen.

Ein interessantes Detail: Eine starke Identifikation mit der eigenen männlichen Geschlechtsidentität war übrigens nur ein schwacher Indikator für toxische Männlichkeit. Das bedeutet: Männer konnten „männlich“ sein, ohne toxische Eigenschaften zu zeigen.

Die Studie lieferte auch Einblicke in die demografischen Merkmale der verschiedenen Profile. Männer, die als „feindselig toxisch“ galten, waren tendenziell älter, arbeitslos, alleinstehend und religiöser. Auch Männer, die politisch eher konservative Einstellungen hatten, in Armut lebten und über wenig emotionale Kontrolle verfügten, waren häufig in dieser Gruppe.

Bildung und Körperzufriedenheit korrelierten hingegen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit, diesem Profil anzugehören. Und das ist tatsächlich der außergewöhnlichste Befund der Forscher: Das unter vielen jungen Menschen verbreitet Klischee, dass privilegierte und mächtige Männer wie Trump am ehesten toxisch sind, hat sich in dieser Studie nicht bestätigt. Tatsächlich waren es dort strukturell benachteiligte Männer.

Vielleicht ist toxisches Verhalten also unter jungen Männer gar nicht mehr so verbreitet. Das wäre immerhin eine positive Entwicklung.