Überall hört man es inzwischen: Menschen, die wortgewandt von „toxischen Beziehungen“ mit narzisstischen Ex-Partnern sprechen, die sie „total triggern“ und von denen sie vielleicht sogar ein „Trauma“ haben. Das klingt lächerlich. Ist es aber nicht. Inzwischen werden psychologische Diagnosen von Menschen ohne medizinische oder psychologische Ausbildung inflationär verwendet.
Die Diagnosen werden in der Alltagssprache verwässert
Viele Menschen interessieren sich heute für ihr psychisches Befinden. Auch der Umgang mit psychischen Erkrankungen ist wesentlich toleranter geworden. „Prinzipiell ist es eine gute Sache, dass Menschen durch Begriffe besser ihre Gefühlswelt beschreiben können und wissen, was nicht psychisch gesund ist“, sagt Veronika Bamann, Psychologische Psychotherapeutin aus Bremen. An sich sei es gut, dass sich jeder heute über das Internet über Depressionen, Angststörungen und andere psychologische Erkrankungen informieren könne. Sie macht deshalb den Podcast „Gehirnerschütterung“, in dem sie psychologische Phänomene wissenschaftlich fundiert erklärt. Niemand wolle schließlich in die Zeit zurück, als Kinder mit ADHS im Haus versteckt wurden. „Nur leider nimmt der inzwischen ausufernde Gebrauch die Trennschärfe, die Begriffe werden dadurch verwässert“, sagt Veronika Bamann.
Dass Begriffe wie Narzisst, toxisch oder Gaslighting gang und gäbe sind, liegt an einer erhöhten Nachfrage nach Erklärungen über psychische Störungen, aber eben auch an sozialen Netzwerken, in denen sich diese schnell und oft unreflektiert verbreiten. Dies trage nicht zu der gewünschten Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten bei, sagt Bamann. Nicht jeder, der eine Woche lang schlecht drauf sei, habe eine schwere Depression. Negative oder aufwühlende Erinnerungen an ein Ereignis sind nicht gleich ein Trauma. Und nicht jeder, der uns kränkt, ist gleich ein Narzisst. „Diese falsche Pathologisierung macht es Menschen mit einer echten psychischen Störung schwer“, sagt Bamann.
Viele, die Diagnosen stellen, sind dazu eigentlich nicht berechtigt
Allein auf Instagram finden sich Tausende Anbieter zu „Umgang mit Narzissten und toxischen Beziehungen“ – die wenigsten besitzen eine medizinische oder psychotherapeutische Ausbildung. Die Klienten werden so leider leicht Opfer von falschen Diagnosen oder Heilsversprechen. „Das kann gefährlich sein“, sagt Veronika Bamann.
Psychiatrische Diagnosen zu stellen ist sehr komplex
So ist die Diagnose von psychischen Krankheiten Sache von Psychiatern und ausgebildeten Psychologischen Psychotherapeuten. Die Feststellung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist komplex. „Dazu mache ich mindestens fünf Stunden ausführliche Diagnostik, Interviews, Testverfahren und spreche mit anderen Fachpersonen“, sagt Veronika Bamann, die auch als Lehrtherapeutin tätig ist.
Was sie massiv ärgert: „Viele denken, informieren über Tiktok reicht aus.“ Aber niemand könne über Fremderzählungen eine Diagnose stellen. Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung sei sehr selten. Ihr sei es deshalb wichtig, dass soziale Netzwerke keine professionelle Therapie ersetzen. Auch könne sich niemand therapeutische Erfahrung „anlesen“. „Nur weil ich schon mal selbst Karies hatte, kann ich es noch lange nicht bei anderen behandeln“, sagt Bamann.
Was auch oft unterschätz wird: Viele psychischen Störungen oder auch Persönlichkeitsmerkmale lassen sich eher anhand eines Spektrums abbilden. So haben alle Menschen narzisstische Merkmale, bei denen einen sind sie eben stärker ausgeprägt, bei den anderen weniger stark. „Eine echte Störung ist für Laien wirklich nicht leicht zu erkennen“, sagt Bamann.
Nicht jede dysfunktionale Beziehung ist „toxisch“
Begriffe wie Narzissmus, Gaslighting oder toxisch tauchen vor allem im Zusammenhang mit gescheiterten oder dysfunktionalen Beziehungen inzwischen inflationär auf. Auf Instagram klagt eine Psychotherapeutin: „Bei mir fängt inzwischen fast jede Sitzung mit der Einleitung an ‚Mein Ex ist ein Narzisst‘.“ Häufig hört man, wenn es um ungesunde Beziehungen geht, auch den Begriff von der „toxischen Beziehung“. „Diesen Begriff gibt es an sich in der Fachsprache nicht“, betont Bamann. „In der Regel ist es nicht so, dass einer in der Beziehung das Gift sprichwörtlich verteilt und der andere ist der Gute. Oft sind das wechselseitige Dynamiken, die ineinandergreifen.“
Woher rührt diese Art, andere zu beschimpfen? In langen Beziehungen passiert es zwangsläufig, dass es zu Kränkungen, Verletzungen und Enttäuschungen kommt. „Man tut sich selbst keinen Gefallen, wenn man alles auf den anderen schiebt“, sagt Bamann. „Eine Beziehung besteht immer aus zwei Menschen.“
Ungesunde Beziehungen sind eher eine feministische Debatte
Außerdem ist ihr wichtig: „Ich halte das vor allem für eine feministische Debatte.“ Psychische und körperliche Gewalt in Beziehungen, vor allem gegenüber Frauen, sei zu lange legitim gewesen, sagt Bamann. Man denke daran, dass erst 1997 in Deutschland eine Vergewaltigung innerhalb der Ehe ein Straftatbestand wurde. Frauen wurden schlicht als hysterisch bezeichnet, wenn sie strukturelle Gewalt in Beziehungen angeprangert haben. „Und dem muss ich als Therapeutin immer nachgehen“, sagt Bamann. Viele hätten leider nicht gelernt, dass es ihnen erlaubt ist, eine Beziehung jederzeit zu verlassen. „Auch wenn ich diese nur blöd oder langweilig finde“, sagt die Psychologin.
Die Begriffe werden inzwischen so häufig falsch verwendet, dass sich viele Psychologen massiv darüber ärgern. Auch die Psychologische Psychotherapeutin Sonja Unger klagt, dass häufig unreflektiert Diagnosen gestellt würden von Menschen, die keine fachliche Expertise haben. „Wir sollten uns generell davor hüten, Begriffe wie Narzissmus unreflektiert oder inflationär in den Mund zu nehmen“, sagt sie. „Mittlerweile fungiert er ja bereits als Schimpfwort.“
Gewalt in Beziehungen ernst nehmen, aber nicht zwingend pathologisieren
Dies bedeute keineswegs, psychische oder physische Gewalt in Beziehungen abzutun. Sie empfiehlt, sich in einem geschützten Rahmen mit Freunden und Familie darüber auszutauschen und sich professionelle Unterstützung zu suchen. „Und wenn nötig beschreibende Adjektive für das Verhalten des anderen finden, die die Menschenwürde achten.“ Und: „Bei sich bleiben. Eigene Eindrücke, Gedanken und Gefühle reflektieren, unabhängig von der Person, die diesen Zustand ausgelöst hat“, so der Rat von Sonja Unger.
Fehlende Kassensitze für Psychologische Psychotherapeuten
Therapie
Ein Problem in Deutschland ist, dass es zu wenig Kassensitze bei Psychotherapeuten gibt. Die Wartelisten von approbierten Psychotherapeuten sind lang. Dies beklagt die Deutsche Gesellschaft für Gesundheit und Prävention (DGGP), da es Probleme mit sich bringe: „Oft ist es für den Laien schwierig zu erkennen, bei welchen Bezeichnungen es sich um qualifizierte Berater handelt“, heißt es in einem Papier der Gesellschaft. Denn in diese Lücke stoßen oft Coaches, Berater oder Heilpraktiker für Psychotherapie sowie Betroffene, die häufig aber eben keine fundierte Ausbildung besitzen.
Ausbildung
So ist der Begriff „Therapeut“ in Deutschland nicht geschützt. Die Berufsbezeichnung Psychologischer Psychotherapeut wiederum erlangt man erst nach einem abgeschlossenen Diplom- oder Masterstudium der Psychologie sowie einer mindestens dreijährigen Vollzeitausbildung nach dem Psychotherapeutengesetz. Damit erwirbt man die Berechtigung zur eigenständigen Durchführung von Psychotherapie und erlangt die Approbation.