Neuer Foodtrend Stuttgarts erste Ghost Kitchen – ein Restaurant, das Essen nur ausliefert

Innovativ: Nima Nafeei hat mit Roots Stuttgarts erste Ghost Kitchen installiert, er führt auch das Burgerheart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es gibt keine Gäste, kein Servicepersonal und auch kein Lokal: Die Gerichte von Roots lassen sich nur per Lieferservice bestellen. Nima Nafeei hat damit das erste Delivery only-Restaurant in Stuttgart eröffnet. Bald bekommt er Konkurrenz.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Stuttgart - Die Bowls, Ramen und Wraps von Roots gibt es nur im Internet. Dabei wirken die Bilder und das Logo mit der Roten Bete und dem Versprechen „eat better“ als würden sie aus einem Lokal nach Hause geliefert. „Einige Kunden haben schon nach der Adresse gefragt“, erzählt Nima Nafeei. Doch Roots ist eine von Stuttgarts ersten Ghost Kitchen – eine virtuelle Marke ohne Restaurant und Servicepersonal. Der 42-Jährige ist in der ersten Welle der Corona-Pandemie auf den Trend aus den USA aufgesprungen. Er betreibt die zwei Pizzerien Oh Julia und die Filiale von Burgerheart, im Lockdown suchte er eine Beschäftigung für seine Mitarbeiter und gründete den reinen Lieferservice Roots. Demnächst kommen noch mehr Ghost Kitchens nach Stuttgart: die bundesweiten Anbieter Chefly und Eatclever wollen expandieren.

 

Das entsteht quasi von Geisterhand

„Das Konzept ist sehr interessant“, sagt Nima Nafeei. In einer Ghost Kitchen kochen natürlich keine Geister, sondern das Essen entsteht quasi von Geisterhand. Im Fall von Roots wird es in der Pizzeria Oh Julia zubereitet. Die Ressourcen seien vorhanden, mit Roots konnte die Speisekarte um angesagte Gerichte erweitert werden. Als einer der ersten bot Nima Nafeei Bowls, Ramen und Wraps mit pflanzlichem Hühnerfleisch an, erklärt er. Nachhaltigkeit, die beim Thema Essen gerade auch sehr in Mode ist, sei ihm wichtig. Logo und Speisekarte waren für das Lieferangebot innerhalb von drei Tagen entworfen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Mit wenig Aufwand konnte der Gastronom eine neue Einnahmequelle schaffen.

Cookies von Mariah Carey aus der Ghost Kitchen

Von den üblichen Pizza-Lieferdiensten wollen sich die Ghost Kitchens abheben – mit einem professionelleren Auftritt, besserer Qualität und hipperen Speisen. In den USA werden Hunderte von Millionen in den neuen Geschäftsbereich mit Küchen in Industriegebieten und mobilen Einrichtungen investiert. Die bei jungen Leuten äußerst populäre Video-Plattform TikTok will im März in den USA den Lieferservice „TikTok Kitchens“ starten. Zu bestellen gibt es viel geteilte Rezepte wie Feta Pasta, die in 300 bestehenden Küchen von zwei italienischen Restaurantketten zubereitet werden. Mit prominenten Zugpferden funktioniert das Konzept außerdem hervorragend auf der anderen Seite des Atlantiks: Der Youtuber Mr. Beast verkauft über eine Webseite mittlerweile Burger im Millionenbereich. Sie werden gefroren an bestehende Restaurants aller Arten verschickt, in deren Küchen zubereitet und dann an die Kundschaft ausgeliefert. Auch im Namen der Rapper Wiz Khalifa und Tyga sowie der Sängerin Mariah Carey kann man dort schon online Essen bestellen.

Der Trend steckt noch in den Kinderschuhen

In Deutschland steckt die Geisterküchenbranche noch in den Kinderschuhen. Zu den Pionieren zählt das Berliner Start-up Chefly, das unter fünf Namen „authentische italienische Küche“, vegetarische Gerichte, orientalische Speisen und Eiscreme anbietet. Der 2017 gegründete Lieferservice bezeichnet sich als erste virtuelle Restaurantkette Deutschlands. Während am Anfang noch aus eigenen Küchen in Berlin gearbeitet wurde, werden nun auch Partnerrestaurants für die Expansion gesucht. Aktuell lässt sich Essen in Berlin und Frankfurt bestellen. Firmengründer Beschir Hussain will aber in acht weiteren Städten vertreten sein, Stuttgart gehöre dazu, teilt er mit. Die Suppen, Salate und Currys von der Hamburger Firma Eatclever sind bereits in 27 deutschen Städten zu haben. Unter dem Namen taste & soul gibt es noch Bowls und Wraps, auf der Internetseite Chicos sind Burritos zu haben. „Wir expandieren stetig“, erklärt Unternehmenssprecherin Katrin Wertz – und in den nächsten Wochen soll eine der beiden Marken auch in Stuttgart starten. Dafür sucht sie Partnerrestaurants.

Mehr Lieferservices befördern den Trend

Neben der Pandemie gilt die Digitalisierung als Treiber des Trends. „Wir haben beeindruckende Sachen gelernt“, sagt Nima Nafeei über die vergangenen zwei Jahre, „viel hat sich geändert.“ Während im Jahr 2019 der Anteil der Außer-Haus-Lieferungen von seinen Lokalen bei fünf Prozent lag, ist er auf mindestens 15 Prozent geklettert. Laut einer Prognose sollen sich die Umsätze mit nach Hause bestelltem Essen bis zum Jahr 2024 bundesweit auf 400 Millionen Euro verdoppeln. Durch die zunehmende Zahl der Lieferservices wie Lieferando wird das Thema weiter befördert. Im Herbst stieg mit Doordash der größte Drittanbieter-Lieferservice aus den USA in Stuttgart in das Deutschlandgeschäft ein, der Konkurrent Uber Eats steht wohl in den Startlöchern. „Wir müssen lernen und uns anpassen“, sagt Nima Nafeei. Trotz der Nachfragen: Ein echtes Restaurant wird er aus Roots nicht machen.

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