Neuer Kulturbau in Stuttgart trotz hoher Kosten Klare Mehrheit für neue Konzerthalle steht

So könnte das Eingangsgebäude zum neuen Konzertforumaussehen. Foto: Visualisierung Isin & Co

Die Vorentscheidung für einen großen Saal und Proberäume ist gefallen, ein Vertagungsantrag findet keine Mehrheit. Der Ausbau bei der Villa Berg könnte kleiner werden.

Die Planung für den Bau eines neuen Konzertforums mit großem Saal auf dem früheren Areal der Sektkellerei Rilling in Bad Cannstatt soll weiter betrieben werden. In der Vorabstimmung im Verwaltungsausschuss des Gemeinderates votierten außer dem Linksbündnis und der Fraktionsgemeinschaft Puls (elf von 60 Sitzen) am Mittwoch alle für dieses neue Stuttgarter Kulturprojekt. Die Mehrheit sieht eine Chance für den Stadtteil und Orchester.

 

Der Grundsatzbeschluss im Gemeinderat wird damit zur Formsache. Der Bau, bisher mit 120 Millionen Euro kalkuliert, steht unter einem Finanzierungsvorbehalt, er würde Ende 2025 zum Doppelhaushalt 2026/2027 entschieden werden. Die Verwaltung hat nun den Auftrag, Finanzierung, Trägerschaft und Betrieb des Hauses zu klären.

Anderer Standort möglich?

Der Standortwahl vorgeschaltet wird ein Interessenbekundungsverfahren. Damit soll erhoben werden, ob es weitere, womöglich besser geeignete Plätze als den am Neckar geben könnte. Das Rilling-Areal wird gegenüber der Stadt seit November 2023 vom privaten Eigentümer, der Trias GmbH (Architekt Cemal Isin, Aalen), und dem Stuttgarter Kammerorchester mit detaillierten Vorstellungen beworben. Trias hatte Rilling übernommen und zunächst den Ausbau der Sektproduktion propagiert.

Das neue Konzerthaus auf einem im Sanierungsgebiet eigentlich für Wohnungsbau vorgesehenen Areal würde 1100 Menschen Platz bieten. Es soll neben dem Kammerorchester die Stuttgarter Philharmoniker und die Bachakademie aufnehmen. 25 Millionen Euro an privaten Spenden und Zuschüssen könnten möglich sein, so der Kammerorchester-Intendant Markus Korselt. Der Bezirksbeirat hatte sich am Montag mit deutlicher Mehrheit für das Forum ausgesprochen.

Finanzbürgermeister: Keine Priorität

Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) warnt vor dem Grundsatzbeschluss. Das Forum sei eines von vielen Projekten in einer langen Liste und genieße keine Priorität. Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) hat den Bürgervertretern nichtöffentlich eine Aufstellung aller Kulturbauten samt Kostenschätzungen vorgelegt.

Sie führt die Sanierung des Staatstheaters, der Villa Berg, die Ergänzung des Theaterhauses, den Neubau des Hauses für Film und Medien, des Informationszentrums für die Bauausstellung und mehrere Stadtteilbibliotheken auf. Das summiert sich auf rund 1,1 Milliarden Euro. Der Landesanteil an der Oper ist abgezogen.

Vertagung wird abgelehnt.

Dazu kommen die Sanierung des Gustav-Siegle-Hauses (74 Millionen) und die noch undotierte Erweiterung des Linden-Museums, eine Spielstätte für die Freie Tanz- und Theaterszene und der Aus- oder Neubau der Schleyerhalle (bis zu 612 Millionen). Und nun auch das neue Konzertforum. Die Investitionssumme bis 2035 tendiert in Summe gegen zwei Milliarden Euro.

Das Linksbündnis hatte zum Konzertforum einen Vertagungsantrag gestellt. Fraktionssprecher Hannes Rockenbauch (SÖS) sagte, Stuttgart benötige Wohnungsbau und Geld für Verkehrswende und Klimaanpassung. Er forderte, das Paketpostamt als Interim für die Philharmoniker zu prüfen. Sie verlieren bei der Sanierung des Siegle-Hauses ihre Räume. Ein weiteres Interim spare kein Geld, hielt Mayer dagegen. Das Projekt Konzertforum sei zwar „ziemlich kurzfristig aufgetaucht, aber wir haben den Mehrwert erkannt“, so Mayer. Die Vertagung wurde abgelehnt.

Einsparung bei Villa Berg möglich

Zustimmung fanden zwei Forderungen der Fraktionsgemeinschaft Puls. Sie will, dass die Stadt und nicht Isin Architekturbüros für ein Werkstattverfahren benennt, die mit den bisherigen Konzertforum-Planern zusammenarbeiten sollen. Auch soll geprüft werden, ob die ausgedehnten Rilling-Keller als Proberäume geeignet sind. Wenn ja, sollen die an der Villa Berg geplanten nicht gebaut werden.

Die Architektenkammer hatte vor wenigen Tagen ihre Kritik am Verfahren verschärft. Das Projekt widerspreche den Sanierungszielen in Bad Cannstatt, die Kostenentwicklung sei „äußerst problematisch“. Grunderwerb, Planung und Bau des Hauses müssten getrennt werden, ein zweistufiger Planungswettbewerb sei geboten, so die fünf Stuttgarter Kammergruppen.

Stadt kennt wenig Details

Tatsächlich ist bisher vorgesehen, dass die Stadt das Konzertforum vom Investor Trias schlüsselfertig zum Festpreis übernimmt. Eine Grundlage für die Aufteilung der Gesamtkosten auf Grundstück, Gebäude und Ausstattung liege der Stadt nicht vor, teilte diese auf Anfrage unserer Zeitung mit. Zu Abschreibungskosten und Gebäudeunterhalt sowie der Klimaneutralität des Neubaus könne man noch nichts sagen, bei der Zustandsbeschreibung des Bestandes verlasse man sich auf Trias-Untersuchungen. Auch zum Namensrecht, mit dem womöglich ein Finanzierungsbeitrag erlöst werden könnte, kann die Stadt nichts sagen. Das für die Marke Rilling liegt laut Korselt bei der Trias GmbH.

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