Auf einem Hochsitz ist der Erzähler zum Schriftsteller geworden. Foto: imago images/imagebroker/imageBROKER/Ronny Behnert via www.imago-images.de
„Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“: will man von einem ungewöhnlichen Leseerlebnis berührt werden, sollte man diesen Titel von Saša Stanišić auf seinem Stapel ganz nach oben legen.
Dass Literatur ein Spiel mit der Sprache ist, sagt sich so leicht dahin. Man könnte nun ein wichtiges Gesicht aufsetzen und Schiller, Wittgenstein und wen noch alles zitieren. Lass stecken, würden die vier Migrantenkinder wohl sagen, die sich in Saša Stanišić‘ neuem Buch zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts in einem Weinberg die Zeit bis zum Anbruch ihrer ungewissen Zukunft vertreiben. Und natürlich hätten sie recht. Um etwas darüber zu erfahren, wie sich zweckfreie Lustentfaltung auf den existenziellen Ernst des Lebens bezieht, reicht es völlig, sich dem zu überlassen, was sich unter dem verspielten Titel versammelt: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“.
Saša Stanišić /Magnus Terhorst
Bis die Witwe ihren Auftritt hat, verweilt man am besten noch einen Moment bei den vier Teenagern im Weinberg, einer davon heißt Saša. Während sie an einem heißen Tag kurz vor den Sommerferien Steine in die Luft werfen und versuchen, sie abzutreffen, hat Fatih eine Eingebung: „Wie super wäre es, wenn es einen Proberaum für das Leben gäbe? Du gehst in den rein und probierst zehn Minuten aus der Zukunft? Wie bei Deichmann, nur nicht mit Schuhen, sondern mit dem Schicksal.“ Gute Idee.
Plötzlich steht die Zeit still
Wenn es passt, was da auf einen zukommt, kann man sich einloggen, was allerdings eine Stange Geld kostet. Wenn nicht, hat man immer noch die Chance, sich anzustrengen, um vielleicht etwas Besseres zu erwischen, als das, was jungen Leuten mit so durchwachsenen Startbedingungen bevorsteht wie jenem Saša: Mit seiner Familie ist er vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen, sein Deutsch holpert, die Eltern haben entweder „Kackjobs“ oder gar keine . Was bleibt ihm übrig, als mit der Wirklichkeit sein eigenes Spiel zu treiben.
Das Ergebnis sind die Geschichten dieses Bandes. Sie handeln von Dilek, Fatihs Mutter, die beim Putzen im Haushalt einer gönnerhaft herablassenden Kolumnistin ihr Leben Revue passieren lässt und in einem Moment tagträumender Selbstermächtigung erlebt, wie die Zeit stillsteht. Der Justiziar einer Brauerei kommt nicht damit zurecht, dass ihn sein Sohn immer im Memory besiegt, er beschließt zu kündigen – trotz seines Status als siebzehnmaliger Mitarbeiter des Monats.
Beinahe noch seltsamer sind die Gründe, wegen denen Mo sich bei den wöchentlichen Doppelkopfrunden seiner Freunde verspätet, so dass bisweilen der Reichsbürger Siggi für ihn einspringen muss – „und Siggi war ein Vollidiot“. Die Witwe der Titelgeschichte richtet ihren Ausguss auf den ebenfalls verwitweten schleswig-holsteinischen Landesmeister im Schmieren von Butterbroten, bevor sie als einzige einen Flugzeugabsturz überlebt. So ist zumindest in dem Proberaum zu erfahren, den der später zum Professor am Bernstein Center for Computational Neuroscience aufgestiegene Fatih einmal tatsächlich konstruieren wird.
Und dann ist da noch diese Reise nach Helgoland, deren Folgen eine der Episoden ausmalt, die jedoch nie stattgefunden hat. Saša hat sie erflunkert, damit seine Freunde glaubten, er würde im Urlaub etwas Cooles machen, während er in Wirklichkeit auf einem Hochsitz zwischen Wald und Weinberg ein Referat über Heinrich Heine vorbereitet. Der war tatsächlich in Helgoland, als er vom Ausbruch der Juli-Revolution in Frankreich erfährt. Heine flieht vor den deutschen „Polizeydienern“ in das Pariser Exil, der Kriegsflüchtling Saša vor den Nachrichten aus Hoyerswerda, Mölln, Rostock-Lichtenhagen, den Terminen bei der Ausländerbehörde oder den Albträumen der Abschiebung in das freie Spiel der Fantasie. „Ich glaube, in jenem Sommer auf jenem Hochsitz und auf jener Insel bin ich Schriftsteller geworden.“
Entwaffnende Fabulierlust
Auch im Erwachsenenalter bleiben seine Figuren empfänglich für die Versuchung von Pokemon Go, man begegnet Ballerspielern und Doppelkopfexzentrikern, aber ebenso neben Heinrich Heine, Arthur Schnitzler auch versteckt hereingespielten lyrischen Bekenntnissen der romantischen Dichterin Karoline von Günderode. Und deshalb darf man vielleicht doch noch einmal an Schiller erinnern. Bei ihm heißt der Anproberaum für ein besseres Leben „ästhetische Erziehung“. Nichts anderes ist es, zu was sich diese Preziosen einer entwaffnenden Fabulierlust zusammenfügen.
Der Einsatz, um den Saša Stanišić spielt, ist hoch, darüber sollte man sich bei der dabei aufgesetzten heiteren Miene nicht hinwegtäuschen lassen: es ist das eigene Leben. Doch die geradezu kindliche Lust am Text hebelt das ernüchternde Realitätsprinzips von etablierten Schreibweisen, Moden und Absehbarkeiten aus. Alles ist erfüllt von sprungbereiter Geistesgegenwart, die jederzeit aus vorgezeichneten Bahnen ausbricht. So überraschend und gleichzeitig überzeugend, dass irgendwann auch die Wirklichkeit nicht mehr anders kann, als sich zu fügen.
Das Schreiben, dessen Genese man hier beiwohnt, ist das Pfand, mit dem sich der Junge auf dem Hochsitz in einer besseren Zukunft eingeloggt hat, die zu der Zeit im Weinberg noch nicht absehbar war: dass aus einem Flüchtlingskind einer der sprachwitzigsten, inspiriertesten und originellsten Schriftsteller seiner Generation werden würde.
Am Schluss werfen die vier Jungs wieder Steine in die Luft, ein Spiel das sinnbildlich fürs Ganze steht: die Kunst, das Schwere leicht erscheinen zu lassen und für eine Weile zum Fliegen zu bringen.
Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne. Luchterhand. 256 Seiten, 24 Euro.
Info
Autor Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad im damaligen Jugoslawien geboren. Während des Bosnienkriegs flüchtete seine Familie 1992 nach Deutschland. Stanišić studierte in Heidelberg Deutsch als Fremdsprache und Slawistik. Seine Magisterarbeit über Wolf Haas wurde 2004 mit dem Jürgen-Fritzenschaft-Preis der Universität Heidelberg ausgezeichnet. Als Autor debütierte er mit dem Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“. Für das „Das Fest“ erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse, für „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis. Saša Stanišić lebt und arbeitet in Hamburg. Er ist dort Fußballtrainer einer F-Jugend.
Termin Am 28. Juni stellt Saša Stanišić sein neues Buch im Literaturhaus Stuttgart vor.