Nutzung des Stuttgarter Kaufhofs Zweifel an Turbo-Umbau zum Servicezentrum
Das ehemalige Kaufhaus müsste komplett entkernt werden. Dafür gibt es jedoch keine Planung – und eine Gemeinderatsmehrheit möchte dort das Haus der Kulturen unterbringen.
Das ehemalige Kaufhaus müsste komplett entkernt werden. Dafür gibt es jedoch keine Planung – und eine Gemeinderatsmehrheit möchte dort das Haus der Kulturen unterbringen.
Der Brandbrief von Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU) und dem Gesamtpersonalratsvorsitzenden Tomas Brause von Ende April an die Belegschaft und die interne Mitteilung an den Gemeinderat über angebliche Probleme bei der Planung eines modernen städtischen Dienstleistungszentrums auf dem Gelände der ehemaligen Bahndirektion zwischen Heilbronner, Jäger-, Ossietzky und Kriegsbergstraße wirft ein Schlaglicht auf die im Rathaus als unzureichend kritisierte eigene Immobilienpolitik. Der sogenannte „Front Office Hub“ mit zwei Verwaltungsneubauten für mehr als 2000 Mitarbeiter, mit einer sanierten Bahndirektion sowie einer Kantine, einer Betriebskita und Personalwohnungen ist von Nopper nach dreijähriger gemeinsamer Planung mit dem Investor P+B auf den Prüfstand gestellt worden.
Die kolportierten Probleme – man befürchtete langwierige Genehmigungsprozesse durch das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) – haben sich in Luft aufgelöst. P+B-Geschäftsführer Gerd Hebebrand hat deshalb die Unterstellung eines verspäteten Einzugstermins 2034 mit Nachdruck zurück gewiesen und kontert mit einem Termin bereits Ende 2029.
Das wiederum versetzt die Rathausspitze (und die Fraktionen von CDU und FDP) unter einen enormen Rechtfertigungsdruck, haben sie doch das ehemalige Gebäude Galeria Kaufhof in der Eberhardstraße 28 samt benachbartem Parkhaus in der Steinstraße 4 als Alternative ins Spiel gebracht. Diese Immobilien könnten angeblich viel früher zu einem modernen Verwaltungsgebäude mit einem Bürgerservice umgebaut werden.
Erkenntnisse aus im Rathaus präsentierten Unterlagen und Protokollen sowie aus städtischen Projekten – wie etwa dem 2010 erworbenen Grundstück und noch immer eingerüsteten Neubau in der Eberhardstraße 63 – lassen eine schnelle Kernsanierung eher zweifelhaft erscheinen. Hinzu kommt, dass es einen von der öko-sozialen Mehrheit erreichten Gemeinderatsbeschluss gibt, im Kaufhof-Gebäude vor allem das Haus der Kulturen, die Freie Tanz- und Theaterszene sowie Personalwohnungen, Büros und Gastronomie unterzubringen.
Der neue Liegenschaftsamtsleiter Raffael Sänger hat Anfang des Jahres im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik, als er noch nichts von der Entwarnung durch das Eisenbahn-Bundesamt ahnte, sich aber bereits einen Überblick über seinen Bereich verschafft hatte, eine „Betrachtung aus der Vogelperspektive“ gefordert. Es geht um mehr als nur den ehemaligen Kaufhof. Er erinnerte an die Herausforderung, dass für die Volkshochschule (vhs) die wegen der Sanierung des Treffpunkts Rotebühlplatz vorübergehend (oder dauerhaft) ausziehen muss, Ersatzflächen gefunden und hergerichtet werden müssen. Dafür kämen das Uhland-Carré und das Allianz-Gebäude im Westen infrage. Für die VHS-Direktorin Dagmar Mikasch-Köthner soll allerdings ein Verbleib im Justizviertel ausgeschlossen sein.
Und was geschieht eigentlich mit den Büros in der Eberhardstraße und in Feuerbach, die die städtische Ämter sowie die Kfz-Zulassungs- und die Führerscheinstelle frei machen? Mit dem Graf-Eberhard-Bau, von dem es einmal hieß, er werde verkauft, nachdem das Stadtplanungsamt ausgezogen ist? Und mit der ehemaligen Stadtkämmerei in der Schmale Straße und dem Bürobau in der Torstraße? Die Liste ist längst nicht vollständig. Es bedürfe einer „Gesamtstrategie“, hat Amtsleiter Sänger festgestellt. Der Appell richtete sich wohl an die Rathausspitze.
Dass das ehemalige Kaufhof-Gebäude, das deutlich weniger Bruttogeschossfläche aufweist als der bisher am Bahnhof geplante neue „Front Office Hub“, quasi über Nacht modernisiert werden könnte, dürfte daran scheitern, dass es gegenwärtig eine Bestands- noch eine Sanierungsanalyse gibt – von einem Konzept oder einer Detailplanung ganz zu schweigen. Im Herbst will die Verwaltung lediglich einen extern gefertigten Plan zur Zwischennutzung von wenigen Flächen im Kaufhof präsentieren, zu der auch eine Ausstellung der IBA’27 bis 2028 gehört. Der ehemalige Stadtrat Luigi Pantisano (Die Linke) hat aus der Sitzung des Unterausschusses zur Bauausstellung mitgenommen, dass der Umbau erst in „acht bis zehn Jahren“ erledigt sein dürfte. Auf einer Folie von IBA’27-Geschäftsführer Andreas Hofer war 2030 als Fertigstellungstermin genannt – allerdings für ein Gebäude mit vornehmend kultureller und gastronomischer Nutzung. Pantisano hat den „üblichen städtischen Verzug“ hinzugerechnet. Immerhin muss für den zweiten Projektteil – das zum Abriss vorgesehene Parkhaus in der Steinstraße – der Bebauungsplan geändert werden.
Der Kaufhof muss zudem komplett entkernt werden – so wie das ehemalige Breitling-Gebäude am Marktplatz. Das neue „Haus des Tourismus“ hätte eigentlich zur Fußball-EM im vergangenen Sommer eröffnet werden sollen, man wartet aber noch immer darauf. Der Teufel steckt im Detail: In den Rohbau müsste ein Lichthof geschnitten werden, damit die Angestellten Tageslicht bekommen. Die Betonkonstruktion muss verstärkt werden, weil mehr Erdbebensicherheit gefordert ist. Und die unteren drei Stockwerke müssen zwingend erhalten werden, andernfalls fiele der Stadtbahntunnel in die Baugrube.