Der scheidende Leonberger Oberbürgermeister Martin Georg Cohn hat eine turbulente Amtszeit hinter sich. Foto: Simon Granville
Nach acht Jahren verabschiedet sich Martin Georg Cohn mit versöhnlichen Tönen aus dem Rathaus. Doch ein Großteil seiner Amtszeit war alles andere als harmonisch.
Es ist Freitag, 21. November, kurz vor 22 Uhr. Das Publikum applaudiert stehend dem Mann auf der Bühne zu, der sich gerade mit wohl gewählten Worten verabschiedet hat. Demonstrativ duzt Martin Georg Cohn seinen Nachfolger Tobias Degode. Die beabsichtigte Botschaft ist klar: Der alte und der neue Oberbürgermeister verstehen sich.
Cohn genießt den großen Beifall. Endlich, so dürfte es ihm durch den Kopf gehen, erhält er die öffentliche Anerkennung, die er schon lange für sich angemessen hält. Der letzte große Auftritt des offiziell noch bis zum 30. November amtierenden Leonberger Oberbürgermeisters verläuft harmonisch. Das liegt auch am Auditorium in der Stadthalle, das ihm überwiegend wohlgesonnen ist. Zudem will der 59-Jährige am Ende keine Schärfe aufkommen lassen. Denn die hatte es während seiner acht Amtsjahre mehr als genug gegeben. Ein Rückblick.
1 Die Kandidatur
Der Oberbürgermeister nutzt die große Bühne, die ihm der Altjahrabend bietet. An Silvester 2016 erklärt Bernhard Schuler bei der Neujahrsansprache in Leonberg seinen Verzicht auf eine weitere Kandidatur. Fast ein Vierteljahrhundert lang hat der Jurist die Stadt solide geführt. Von einer möglichen Wahlniederlage will er sich sein Lebenswerk nicht zerstören lassen.
Der alte und der neue OB: Martin Cohn und Tobias Degode (rechts) am Wahlabend Foto: Simon Granville
Denn dass ein Wind des Wechsels unter dem Engelberg weht, ist schon länger zu spüren. Die Parteien wissen, dass die künftigen Kandidaten für Aufbruch stehen müssen. Einer von ihnen ist Martin Kaufmann, der für die SPD ins Rennen geht. Der bisherige Bürgermeister von Rudersberg im Rems-Murr-Kreis verspricht „frischen Wind“, macht einen professionell organisierten Wahlkampf und ist sehr präsent. Noch am Vorabend der Wahl lässt er sich zu vorgerückter Stunde in der legendären Weinstube Weidenbusch blicken, um dort den einen oder anderen Vierteleschlotzer von sich zu überzeugen.
Keine 24 Stunden später hat es Kaufmann geschafft. Mit knapp 52 Prozent der abgegebenen Stimmen setzt er sich im ersten Anlauf durch. „Er ist ein Menschenfänger“, meint eine Insiderin. Das Versprechen des frischen Windes hat verfangen. Bei seinem offiziellen Start am 1. Dezember 2017 kann sich der neue OB eines kräftigen Rückenwinds erfreuen. „Wir lassen Sie nicht im Regen stehen“, sagt Elke Staubach und überreicht ihm symbolisch einen Schirm. Die Chefin der CDU-Fraktion und der neue Rathauschef ahnen damals nicht, dass dieses Versprechen nur von kurzer Dauer sein wird.
2 Die Seilbahn und der Name
Erste Diskrepanzen treten auf, als Kaufmann im Juli 2018, gerade ein halbes Jahr im Amt, im Gespräch mit unserer Zeitung eine Seilbahn für Leonberg ins Gespräch bringt. Die Gondeln würden quasi über den Staus hinwegschweben. Im Gemeinderat und in der Öffentlichkeit wird der unorthodoxe Vorschlag hin- und herdiskutiert.
Eine Machbarkeitsstudie bringt Ende 2019 Klarheit: zu langsam, zu umständlich, zu teuer. Die Gondeln sind thematisch abgestürzt, hängen aber bleiben knapp 40 000 Euro, die die Stadt für die Expertise zahlen muss. Der OB muss sich erstmals deutliche Kritik anhören – die er zurückweist. Schließlich habe die Studie wichtige Daten zur Verkehrssituation in Leonberg geliefert.
Martin Georg Cohn winkt in einer Kutsche beim Pferdemarkt 2024 Foto: Simon Granville
Zwischenzeitlich hat der Rathauschef seinen Namen geändert. Im Mai 2019 löst er ein Versprechen an seinen Großvater ein, den Familiennamen Cohn weiterzuführen. Der frühere Mann seiner Mutter hieß Kaufmann. Anfang der siebziger Jahre waren unterschiedliche Nachnamen in einer Familie noch unüblich, deshalb nahm der Schüler Martin den Namen Kaufmann an.
3 Schwere Corona-Zeiten
Die Coronapandemie wird die erste große Herausforderung des Oberbürgermeisters. Cohn ruft einen Krisenstab ins Leben und richtet in der alten Hauptpost ein zentrales Testzentrum ein. Das städtische Citymanagement und der Einzelhandel entwickeln gemeinsam für Geschäfte und Gastronomie die Initiative „Leonberg bringt’s“. Ihre Wut über Ausgangssperren und Kontrollen laden derweil viele Menschen nicht nur bei der großen Politik, sondern auch bei den Verantwortlichen vor Ort ab. Cohn erhält sogar Morddrohungen, seinem Renninger Kollegen Wolfgang Faißt werden gebrauchte Masken vor die Tür gelegt. Jeden Montag treffen sich auf dem Marktplatz viele Leute zu einem „Spaziergang“, den es in kleinerer Form noch immer gibt.
4 Tauziehen um den Sparkassen-Neubau
Mitten in der Corona-Zeit muss der Oberbürgermeister eine harte Nuss knacken: Die Kreissparkasse will an ihrem alten Leonberger Stammsitz in der Stuttgarter Straße ein neues Direktionsgebäude plus 70 Wohnungen bauen. Städtebaulich wie auch vom Immobilienmarkt her ist das ein wichtiges Projekt, das freilich deutlich größere Dimensionen als die bisherige Sparkassen-Direktion hat.
Dass die neue Sparkassen-Direktion gebaut wurde, ist einer von Cohns großen politischen Erfolgen. Foto: Simon Granville
Genau dagegen regt sich in der Nachbarschaft Widerstand, der bis in den Gemeinderat schwappt. Mit hauchdünner Mehrheit werden dort die Pläne Anfang 2020 abgelehnt. Das kommunale Kreditinstitut ist sauer und will das komplette Projekt platzen lassen. Cohn erfährt, dass einer der Stadträte als direkter Anwohner befangen ist und erhebt Widerspruch gegen den Beschluss. Am Ende kann die Kreissparkasse ihr Projekt doch verwirklichen, im Frühjahr 2025 wird die neue Direktion eröffnet. Der OB, das sagen selbst seine Kritiker, habe hier schnell und konsequent gehandelt.
5 Eine außergewöhnliche Bürgermeister-Wahl
Das wohl schwierigste und am kontroversesten diskutierte Kapitel in Martin Georg Cohns politischem Leben ist die – man muss es so nennen – Nicht-Zusammenarbeit mit Josefa Schmid. Auch die nimmt während der Pandemie ihren Anfang. Im Jahr 2020 läuft die Amtszeit des stellvertretenden Oberbürgermeisters aus, der die Amtsbezeichnung Erster Bürgermeister trägt. Ulrich Vonderheid, der Amtsinhaber von der CDU, möchte gerne bleiben, doch sein Chef hat andere Pläne. Er sähe gerne Maic Schillack, Kämmerer im niedersächsischen Neustadt am Rübenberge, auf dem Posten.
Bei der Wahl im Gemeinderat gewinnt Schillack hauchdünn vor Vonderheit. Einer anderen Kandidatin fehlt nur eine Stimme für den Einzug in die Stichwahl: Josefa Schmid aus Niederbayern. Die Leonberger Ambitionen der „singenden Bürgermeisterin“ scheinen damit erledigt, doch es kommt anders.
Im Leonberger Gemeinderat herrschte zwischen Martin Cohn und den Fraktionen oft gereizte Stimmung. Foto: Simon Granville
Ausgerechnet an Weihnachten 2020 macht Schillack einen Rückzieher. Cohn steht mit leeren Händen da und muss die Stelle neu ausschreiben. Von fünf Bewerbungen, die in die Endausscheidung kommen, bleibt am Ende nur eine übrig: die von Josefa Schmid. Doch bevor die frühere Bürgermeisterin ihrer niederbayerischen Heimatgemeinde Kollnburg am 4. Mai 2021 mit ebenfalls nur einer Stimme Mehrheit im Gemeinderat zur neuen Ersten Bürgermeisterin von Leonberg gewählt wird, gibt es erhebliche Turbulenzen. Unmittelbar vor einem im April angesetzten Wahltermin liegt urplötzlich ein Eilantrag vor: Die Stelle sei nicht rechtmäßig ausgeschrieben worden. Der Einspruch wird vom Gericht abgelehnt, doch vielen im politischen Umfeld kommt das Ganze etwas spanisch vor.
6 Stimmungskiller „Vetternwirtschaft“
Das Verhältnis zwischen dem ersten Mann und der zweiten Frau im Rathaus ist von Anfang an angespannt. Dass die beiden nicht harmonieren, ist förmlich greifbar. Die „Bild“-Zeitung hat das Thema längst für sich entdeckt und berichtet über einen angeblichen satten OB-Rabatt, den Cohn beim Kauf eines Aston Martin erhalten haben soll. Der Erwerb des Luxuswagens hat zwar nichts mit den Vorgängen im Rathaus zu tun, sorgt aber für großes Aufsehen.
Der nächste Stimmungskiller: Im Oktober 2022 veröffentlicht Martin Georg Cohn sein Buch „Vetternwirtschaft“. Ohne Namen zu nennen, unterstellt er darin Stadträten, sich vor allem aus eigennützigen Gründen in der Kommunalpolitik zu engagieren. Entscheidungen würden in Hinterzimmern und an Stammtischen getroffen. Das Echo im Gemeinderat ist entsprechend. „Ego-Trip“ des OB ist noch die harmloseste Reaktion.
7 Rechtsstreit zwischen Cohn und Schmid
Ende Juni 2023 eskaliert die Lage: Wegen „gravierender Verstöße gegen die Dienstpflichten“ schickt der OB seine Vize in den bezahlten Zwangsurlaub, in dem sie sich seither befindet. Rein rechtlich kann er das, der Gemeinderat reagiert gleichwohl verschnupft, dass er nicht vorab informiert wurde.
Nach ihrer Wahl bekam Josefa Schmid von Martin Cohn noch Blumen. Doch das Verhältnis war von Anfang an gespannt. Foto: Granville
Cohn und Schmid zeigen sich gegenseitig an. Die Staatsanwaltschaft stellt am Ende die Ermittlungen gegen den Leonberger OB ein. Die zwangsbeurlaubte Erste Bürgermeisterin wiederum wird vom Vorwurf , sie habe einen Dienstreiseantrag verfälscht, vom Gericht freigesprochen. Dies soll einer der wesentlichen Gründe für die Freistellung gewesen sein.
8 Der Rückzug
Bei der Kommunalwahl im Juni 2024 verfehlt der SPD-Kandidat Cohn den angestrebten Einzug in den Kreistag. Josefa Schmid, die für die FDP antritt, wird hingegen ins Gremium gewählt. Nach ihrer Hochzeit ist ihr Name Josefa von Hohenzollern. Es mag auch mit dem Misserfolg bei der Wahl zu tun haben, dass der OB im September 2024 verkündet, bei der nächsten OB-Wahl nicht mehr anzutreten. Er räumt ein, dass er „das notwendige Band des Vertrauens“ nicht mehr spüre. Diese frühzeitige Verzichtserklärung führt zu einem Tauwetter im Gemeinderat.
Diese atmosphärische Entspannung dürfte mit ein Grund gewesen sein, warum ihm jetzt ein würdiger Abschied bereitet wurde. „Die Verabschiedung war für mich ein sehr bewegender Abschluss meiner intensiven Amtszeit. Ich danke allen Menschen, die mich begleitet haben. Leonberg bleibt für mich Heimat“ , erklärt Cohn nach der Feier des vergangenen Freitags. Und beantwortet damit eine Frage, die in den letzten Wochen immer wieder gestellt wurde: Bleibt er in Leonberg? So sieht es im Moment aus.