Schon vor gut zwei Jahren demonstrierten Hebammen gegen den Kahlschlag in der Geburtshilfe. Foto: Simon Granville
Das Krankenhaus Leonberg schließt schon in wenigen Wochen den Kreißsaal. Diese abrupte Entscheidung löst massive Kritik aus, Lokalpolitiker sehen einen geplanten Abbau der Klinik.
Verbitterung, Verärgerung, Wut, Entrüstung, Ernüchterung: Die Reaktionen auf die urplötzlich verkündete Schließung der Geburtshilfe im KrankenhausLeonberg fallen drastisch aus. Schon zum 1. April soll der von Hebammen geführte Kreißsaal, bisher ein besonderes Qualitätsmerkmal, dicht gemacht werden. Der Schock ist groß – die Kritik an dem Schritt ebenfalls.
Der Landrat und Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikverbundes Südwest, Roland Bernhard, und der Geschäftsführer Alexander Schmidtke begründen den drastischen Schritt mit der medizinischen Qualität, die angesichts eines fehlenden Chefarztes nicht mehr gesichert werden könne. Finanzielle Aspekte, so versichern sie, hätten bei der Entscheidung keine große Rolle gespielt.
Mit „Das ist kein guter Tag für das Leonberger Krankenhaus“ fällt der Kommentar von Helmut Noë noch vergleichsweise moderat aus. Der Vorsitzende des Krankenhaus-Fördervereins wurde von den Abbauplänen „kalt erwischt“, wie er sagt. Da nun viele werdende Mütter in die Stuttgarter Häuser gingen, würde der Klinikverbund auf jeden Fall zahlreiche Patientinnen verlieren.
Krankenhaus Leonberg: CDU im Gespräch mit Gesundheitsministerin Nina Warken
„Unsere ganze Kraft wird nun darauf gerichtet sein, den Status als Haus der Grund- und Regelversorgung zu sichern.“ Dafür nutzt der frühere langjährige Chef der CDU-Kreistagsfraktion auch seine parteiinternen Drähte: „Ich bin mit der Bundesgesundheitsministerin Nina Warken im Gespräch.“
Werdende Mütter werden den Krankenhaus-Eingang künftig nicht mehr nutzen. Foto: Simon Granville
Deutlich härter geht der Leonberger CDU-Chef mit dem Klinikverbund und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Bernhard ins Gericht: „Das Krankenhaus wird schrittweise kaputtgespart und ausgehöhlt – ohne ehrliche Kommunikation und ohne eine klare Perspektive für Beschäftigte und Bevölkerung“, kritisiert Oliver Zander.
„Wir fordern den Landrat unmissverständlich auf, endlich Farbe zu bekennen. Es kann nicht länger hingenommen werden, dass Entscheidungen von dieser Tragweite als „strukturelle Anpassungen“ verkauft werden, während de facto zentrale medizinische Leistungen aus Leonberg abgezogen werden“, erklärt der Chef der CDU-Fraktion im Gemeinderat. Wer die Geburtshilfe verlagert, greift das Krankenhaus in seinem Kern an – alles andere ist Augenwischerei.“
Krankenhaus Leonberg: „Beschämender Umgang mit Personal“
„Besonders beschämend“ sei der Umgang mit dem Personal: „Ihm wird seit Jahren kein reiner Wein eingeschenkt. Statt klarer Aussagen erleben die Mitarbeiter Salamitaktik und ständig neue Begründungen.“
Die jetzt vorgebrachten Argumente – Weggang des Chefarztes, geringe Geburtenzahlen, steigende Qualitätsanforderungen – sind in den Augen des CDU-Chefs „das Ergebnis jahrelanger politischer Untätigkeit und fehlender Investitionen“. Die Menschen in der Raumschaft Leonberg „sollen nun die Zeche für einen überteuerten Neubau in Böblingen zahlen. Leistungen werden zentralisiert, Wege werden länger, und die regionale Versorgung wird geschwächt“.
Von Roland Bernhard fordert Zander: „Entweder der Landrat steht offen dazu, dass der Standort Leonberg perspektivisch abgewickelt werden soll – oder er sorgt endlich für nachhaltige Investitionen.“
Ähnlich hart ist die Analyse von Axel Röckle: „Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zum lange geplanten Ziel – dem Ende unseres Krankenhauses“, meint der Fraktionschef der Freien Wähler im Leonberger Gemeinderat. „Ich habe mich in der vergangenen Zeit mit Kommentierungen zurückgehalten, um unsere Klinik nicht schlechtzureden. Doch das übernimmt der Klinikverbund selbst.“
Der Hauptantreiber beim „Niedergang des Krankenhauses“ ist in Röckles Augen der Landrat: „Der stufenweise Abbau war von Anfang an Roland Bernhards Plan. Nun gilt die Devise: Der Letzte macht das Licht aus – wenn denn das Licht noch funktioniert.“
Niedergang des Leonberger Krankenhauses – ein lange geplantes Ziel?
Auch für den Grünen-Fraktionschef Bernd Murschel ist die „bei Nacht und Nebel vom Aufsichtsrat beschlossene Verlegung der Geburtshilfe ein Zeichen für den schleichenden Abbau des Medizinstandortes Leonberg“. Noch vor wenigen Jahren habe sich Landrat Bernhard „für den modernen und zukunftsgerichteten hebammengeführten Kreißsaal in Leonberg feiern lassen. Dann die abrupte Kehrtwende“.
„Geradezu grotesk ist die Argumentation, fehlendes Personal und mangelnde Qualität seien die Gründe für die Verlagerung“, meint Murschel. „Wer ständig gegen die eigenen Bestandsgarantien agiert, muss sich über die Fluktuation und Abwanderung nicht wundern. Leonberg braucht eine Garantie für ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung, die Geburtshilfe gehört dazu.“
„Besonders unredlich“ ist für den AfD-Sprecher Thomas Hartung der „Versuch, in einer Stadt mit knapp 50 000 Einwohnern die Zahl von 457 Geburten im Jahr 2025 als zu niedrig zu diskreditieren, nur weil eine Schwelle von 500 Fällen als „allgemein anerkannte“ bemüht werde. So werde „ohne jeden Vergleichsmaßstab statistische Kosmetik betrieben, um einen längst beschlossenen Schritt zu rechtfertigen“. Für den Chef der AfD-Ratsgruppe ist klar: „Die vorgezogene Verlegung ist ein weiterer Mosaikstein im schleichenden Rückbau des Krankenhauses.“