Die Krise der Automobilindustrie trifft auch das Handwerk. Doch hat sie immerhin einen positiven Effekt, stellt der Baden-Württembergische Handwerkstag fest.
Herr Reichhold, die Angst vor einer Deindustrialisierung im Land geht um – würde sie auch das Handwerk treffen?
Wir hängen direkt an der Industrie. Nur wenn es der Gesamtwirtschaft gut geht, geht es auch dem Handwerk gut. Wenn die großen Automobilhersteller leiden, sind es auch schlechtere Zeiten für uns. Und wenn die Industrie nicht in den Standort Baden-Württemberg investiert, wird auch im industriellen Umfeld nicht gebaut. Das spüren wir. Hinzu kommt: Die Mitarbeiter, die gerade Angst haben, dass sie bei Daimler, Bosch und sonstigen Unternehmen entlassen werden, werden nicht bereit sein, ein Haus zu sanieren. Sie sparen sogar bei Brötchen und Friseur. Trotz noch hoher Kaufkraft mangelt es an der Bereitschaft, Geld auszugeben, wenn ich mich sorge, ob ich morgen noch einen Job habe. All dies sind Aufträge, die auch dem Handwerk fehlen. Baden-Württemberg geht es nur gut, wenn Industrie und Handwerk im Gleichschritt erfolgreich sein können.
Wegen der Krise sind die kommunalen Kassen leer. Noch ein Kardinalproblem?
Viele Kommunen wie die Stadt Stuttgart müssen in ihren Haushalten massiv einsparen. Auch dies trifft das angegliederte Handwerk, weil dann zum Beispiel die Schule nicht saniert und nicht in die Infrastruktur investiert wird. Wir sollten aber nicht nur auf die Krise der Automobilindustrie schauen – wir haben auch tolle Industriezweige, die wachsen, so im Energiebereich. Ich glaube nicht an den Niedergang der Industrie, ich glaube an die Transformation. Wenn die Energiewende ernsthaft gewollt ist, kriegt man die natürlich nur mit uns hin. Also ist mir ums Handwerk generell nicht bange.
Fängt das Handwerk Beschäftigte auf, die bei den Autoherstellern zu viel an Bord sind?
Dass Mitarbeiter aus dem industriellen Umfeld in großer Zahl ins Handwerk kommen, sehe ich nicht. Was uns aber gut tut: Der Sog, den die Industrie lange auf das Handwerk ausgestrahlt hat und der uns die Mitarbeiter weggenommen hat, ist im Moment nicht vorhanden. Unsere Mitarbeiter wissen, dass ihre Jobs zukunftsfest sind. Und wenn fast 80 Prozent der ausgelernten Azubis als Gesellen bei ihren Arbeitgebern bleiben, ist das ein eindeutiges Zeichen. Das tut gut, denn der Fachkräftemangel beherrscht trotz allem unser Geschäft. Eine Chance, aus der Industrie Leute zu bekommen, sehe ich in der Betriebsnachfolge. Einen qualifizierten Bachelor, Ingenieur oder Techniker, der im gewerblich-industriellen Umfeld gearbeitet hat, könnte ich mir sehr wohl als Geschäftsführer eines Handwerksbetriebs vorstellen.
Im jüngsten Konjunkturbericht beschreiben 60 Prozent der Betriebe ihre Geschäftslage als gut und 29 Prozent als befriedigend. Zugleich wird die Lage von einzelnen Handwerkern als dramatisch beschrieben – wie ist sie wirklich?
Was wir an Zahlen herausgeben, ist repräsentativ. 140 000 Betriebe in Baden-Württemberg vermitteln uns ein solides Bild. Aber das Handwerk hat viele Facetten – in manchen Bereichen ist es sehr schwierig. Wenn elf Prozent die Lage als schlecht bewerten, dann sind das immerhin um die 15 000 Betriebe. Wir erleben zum Beispiel, dass die Bäckereien in großer Stückzahl verschwinden – es gibt keinen Betriebsnachfolger, und das Geschäft wird geschlossen. Und viele Verbraucher, die jetzt jammern, dass sie keine frische Brezel mehr kriegen, haben den Bäcker vor Ort viele Jahre nicht unterstützt. Umgekehrt gibt es Bäcker und Metzgereien, da stehen die Leute auf der Straße Schlange; die laufen richtig gut. In Summe denke ich: Dass sich 60 Prozent in unserer Erhebung zufrieden zeigen, zeichnet ein richtiges Bild.
Die Bundesregierung stellt 500 Milliarden Euro als Sondervermögen für Infrastruktur bereit. Davon müsste in den nächsten Jahren automatisch Geld ins Handwerk fließen – gute Perspektiven?
Das ist eine gigantische Summe. Die Frage ist, was davon in Baden-Württemberg ankommt. Der klassische Handwerksbetrieb wird weder die Autobahn bauen noch die große Eisenbahnbrücke sanieren. Es gibt viele andere Bereiche, wo das Handwerk tätig ist. Hier müssen wir darauf achten, dass die Losgrößen bei den Ausschreibungen so sind, dass ein regionaler Handwerksbetrieb das noch stemmen kann. Wenn ich es in Fachlose aufteile, besteht eine große Chance für das Handwerk. Dann muss ich halt für jedes Gebäude den Dachdecker, die Heizung und die Elektrik ausschreiben statt eines Pakets für viele Häuser. Wenn eine Schulsanierung als Komplettpaket ausgeschrieben wird, geht es wahrscheinlich am Handwerker vorbei. Land, Landkreise, Kommunen, eben die öffentlichen Auftraggeber müssen sich ein bisschen mehr Mühe machen, damit die Wirtschaftskraft hier steigt. Noch etwas…
… bitte sehr…
... bei den Investitionen in die Erneuerung der Bundeswehr soll die Losvergabe für kleine Unternehmen herausgenommen werden. Das heißt, wenn jetzt eine Kaserne renoviert oder neu gebaut wird, dann wird das in der Direktvergabe gemacht, damit es schneller geht. Davon profitieren dann zum Beispiel internationale Baukonzerne. Das darf so nicht sein. Im Verteidigungsfall soll das Handwerk auch zur Stelle sein. Dann darf man uns jetzt nicht links liegen lassen.
Die CDU hat vor der Bundestagswahl der Wirtschaft die große Wende zugesagt. Kommt sie schon im Handwerk an?
Die 100-Tage-Frist endet jetzt erst; somit ist vieles noch im Ankündigungsstadium. Aber alles, was bis jetzt sichtbar ist, unterstützt nur die Industrie und die Konzerne. Da ist das Handwerk außen vor. Am deutlichsten erkennbar ist das bei der Entlastung von Stromkosten. Davon profitieren nur die Großen. Das Handwerk ist nur in den Reden berücksichtigt – obwohl es den Wechsel zu dieser Bundesregierung mit herbeigeführt hat. Hier wird deutlich Kredit verspielt. Wenn ich nur die Industrie sehe und Handwerk, Handel, Mittelstand außen vor lasse, dann ist da eine Schieflage – und das wird schief gehen.
Wie erklären Sie sich, dass die Industrie mehr wahrgenommen wird?
Beim Zentralverband des Deutschen Handwerks sitze ich im Präsidium und bin somit auch auf Bundesebene nahe genug dran. Dort werden wir aber von der Politik derzeit nicht so bedient, wie es uns versprochen wurde. Ich glaube nicht, dass wir zu wenig an den Verantwortlichen dran sind. Eher schon ist die Wahrnehmung für das Handwerk bei den Politikern nicht so stark, wie sie es manchmal erzählen.
Der Kanzler macht eher Außenpolitik; setzt er den falschen Schwerpunkt?
Wir haben genügend Themen in der Weltpolitik – alles gut, wenn sich die Bundesregierung da einsetzt. Doch die Mittelstandsfragen werden im Moment nicht bearbeitet. Die Regierung sollte mehr die Breite der Wirtschaft im Blick haben – das ist unsere klare Forderung.
Sie unterstreichen oft Ihre verlässlichen Beziehungen zur Landespolitik. Hat Grün-Schwarz dem Handwerk mehr Gewinn oder mehr Verdruss gebracht?
Die Landesregierung hört dem Handwerk zu. Wir haben in Summe ein durchaus positives Ergebnis, verfallen aber nicht in Euphorie. Im Zeugnis würde es heißen: Sie hat sich stets bemüht, und meistens hat es auch geklappt. Wir müssen die Regierung, egal um welches Ministerium es geht, immer antreiben und auf Probleme hinweisen. Oft kriegen wir Unterstützung aus den Regierungsfraktionen. Natürlich muss ich die Landesregierung wegen ihres Einsatzes für unsere Zukunftsinitiative „Horizont Handwerk“ loben. Die bereitgestellten Mittel geben wir nachweislich erfolgreich aus – Unterstützungsmaßnahmen für unsere Betriebe, die direkt draußen ankommen. Die Meisterprämie müsste man noch anpassen. Und die Förderung eines jungen Meisters auf dem Weg in die Selbstständigkeit ist zu stark begrenzt: Bisher muss er zwei Jahre nach der Prüfung neu gründen, um diese Prämie zu erhalten. Dieser Rahmen müsste auf drei oder vier Jahre ausgeweitet werden.
Erwarten Sie vor der Wahl von der Koalition noch Ergebnisse für das Handwerk?
Ich möchte doch hoffen und an die Landesregierung appellieren, dass sie das Arbeiten nicht einstellt. Wir brauchen weiter eine Regierung, die funktioniert und keine auf Abruf. Sonst hätten wir inklusive der Regierungsbildung nahezu ein Jahr Stillstand – in dieser so kritischen Zeit können wir uns das nicht erlauben. Konkret kommt jetzt die Tranche aus dem Sondervermögen in den Ländern an, die im Herbst Nachtragshaushalte machen müssen. Da haben wir die klare Erwartung, dass von diesen 13 Milliarden Euro, die das Land da bekommt, auch etwas für die Bildungszentren des Handwerks herausgelöst wird. Wir warten nicht auf Almosen, sondern wollen Rahmenbedingungen, die uns nach vorne bringen können. Schaffen tun wir selbst und zwar genügend.
Lobbyist
Jüngst wurde Rainer Reichhold als Präsident des Spitzenverbands Handwerk BW wiedergewählt – als Repräsentant von 140 000 Betrieben im Land. Der 67-jährige führt die Dachorganisation seit 2015. Zugleich ist er bereits seit 2005 Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart.
Handwerker
Der Elektroinstallateurmeister führt einen Betrieb in seiner Heimatstadt, Elektro Nürk in Nürtingen-Zizishausen. Nebenher hat er viele ehrenamtliche Mandate inne. Einer Partei gehört er nicht an. „Ich erachte es für meine Position als sehr wichtig, dass ich politisch neutral bin.“ Er rede mit allen demokratischen Parteien.