Die deutschen Fanszenen demonstrieren in Leipzig – gegen die geplanten Maßnahmen der Innenministerkonferenz (IMK) und für den Erhalt der Fankultur. Auch die VfB-Szene beteiligt sich.

Sport: Philipp Maisel (pma)

Wenn es gegen einen gemeinsamen Gegner geht, so haben sich die deutschen Fußballfans in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer nach ein und demselben Motto verhalten. „In den Farben getrennt – in der Sache vereint“. So auch dieses Mal. An diesem Sonntag – einen Tag, bevor die deutsche Nationalmannschaft dort spielt – haben sich die deutschen Fanszenen in Leipzig zu einer Mega-Demo getroffen.

 

Mehrere Tausend Fußballanhänger aus dem gesamten Bundesgebiet haben gegen schärfere Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien demonstriert. Die Polizei sprach von etwa 8000 Teilnehmern, die Veranstalter nannten eine Zahl von 20.000 Fans. Die Polizei war mit einem Großaufgebot inklusive Hubschraubern vor Ort.

Die Anhänger hatten sich am späten Vormittag auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Hauptbahnhof versammelt. Auch viele VfB-Anhänger waren vor Ort, die großen Ultragruppen trommeln schon länger für die Veranstaltung. Gegen 14.30 Uhr endete die Demo nach einer Abschlusskundgebung.

Doch worum geht es bei der Demo eigentlich? Dafür lohnt ein Blick hinter die Kulissen.

Innenminister fordern mehr Sicherheit

Anfang Dezember treffen sich die 16 Innenminister der deutschen Bundesländer zu ihrer zweiten IMK-Sitzung 2025. Die erste Sitzung fand bereits im Juni statt und befasste sich mit Themen wie Glücksspiel, innere Sicherheit oder auch Katastrophenschutz. Die zweite Runde wird sich nun schwerpunktmäßig mit Themen rund um die Sicherheit in Fußballstadien beschäftigen. Im Vorfeld kam es bereits immer wieder zu Äußerungen einzelner Politiker.

So fiel die Innenministerin Niedersachsens, Daniela Behrens (SPD), mit ihren Forderungen rund um das Niedersachsenderby zwischen Braunschweig und Hannover auf – sie machte sich unter anderem für personalisierte Tickets stark. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) äußerte sich mehrfach hinsichtlich Kollektivstrafen, personalisierten Tickets, Schnellgerichten und Spielabbrüchen.

Vorausgegangen war der aktuellen Situation ein Beschluss der letztjährigen Innenministerkonferenz unter dem Titel „Fußball ohne Gewalt: Maßnahmen zur Eindämmung von Gewalt und zur Stärkung der Sicherheit in Fußballstadien“. Es wurde ein Arbeitskreis gebildet. Der etwas sperrige Name: „Bund-Länder-offene-Arbeitsgruppe (BLoAG)“. Mitwirkende sind „Vertreter von Politik, Polizei, dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), der Deutschen Fußball Liga (DFL) und der Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS)“. Diese „BLoAG“ hat sich nun auf Forderungen geeinigt, die bei der anstehenden IMK vorgestellt und diskutiert werden sollen. Dem Dachverband der Fanhilfen e. V. gelang es offenbar, vorab an die Präsentation der Resultate zu kommen. Auf Bluesky sind sie einzusehen.

Die IMK und die Verbände versuchen durch Geheimverhandlungen neue Maßnahmen gegen Fans einzuführen. Um einen Einblick zu geben und auch den letzten Zweiflern die Augen zu öffnen, veröffentlichen wir nachfolgend Folien der Verbände, die den Vereinen präsentiert wurden. (1/6) #Fanrechte

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— Dachverband der Fanhilfen ( @fanhilfen.bsky.social) 11. November 2025 um 08:22

ZIS-Bericht: Deutsche Stadien sind sicher

Krass im Kontrast zu den Forderungen aus der Politik steht der aktuelle Bericht der Zentralen Informationsstelle Sport (ZIS) von Anfang Oktober. Die darin enthaltenen Zahlen zeigen ein völlig anderes Bild. Denn deutsche Stadien sind sicher. Sehr sicher sogar. Der ZIS-Bericht zeigt auf, dass in der vergangenen Saison rund 22 Prozent weniger Strafverfahren durch die Polizei eingeleitet wurden. Ebenso wurden 17 Prozent weniger Personen verletzt. Die Polizei musste 9 Prozent weniger Arbeitsstunden rund um die Spieltage aufwenden. Eine positive Entwicklung, vor allem wenn man bedenkt, dass es eine Steigerung der Zuschauerzahlen um rund eine Million zu verzeichnen gab. Bei 25 260 000 Zuschauern in der vergangenen Saison wurden 1107 Verletzte registriert. Das entspricht 0,00438 Prozent der Stadionbesucher.

IMK plant offenbar Eingriffe - das fürchten die Fans

Durch die geleakten Folien aus der Präsentation lässt sich ein Bild über die Ziele der BLoAG gewinnen. Es wird entgegen den Fakten aus dem ZIS-Bericht ein Sicherheitsproblem gezeichnet, zudem der Verwendung von Pyrotechnik der Kampf angesagt. Ferner sollen Polizei-Einsatzstunden reduziert werden. Als Maßnahme soll es eine zentrale Stadionverbotskommission von DFL und DFB geben. Bisher waren Entscheidungen zumeist lokalen Stadionverbotskommissionen der Clubs vorbehalten. Diese sollen zwar nicht aufgelöst werden, aber fortan eher beratender Natur sein. Das aktuell ein grundsätzlicher Rückgang der Stadionverbote verzeichnet wird, könnte sich dadurch wieder ändern. Denn durch eine Änderung der bisherigen Spielregeln und bei eigener Einleitung eines Ermittlungsverfahrens besteht die Gefahr, dass durch eine solche Handhabung Strafanzeigen noch häufiger gestellt werden sowie Stadionverbote ohne Verurteilung ausgesprochen werden können. Diese Möglichkeit existiert zwar schon jetzt, wurde allerdings vielerorts durch die lokale Stadionverbotskommission bis zur Verhandlung ausgesetzt.

Die IMK fordert eine Verschärfung der bestehenden Regeln. Foto: Enrique Kaczor/onw-images/dpa

Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien sind ein weiterer Kernpunkt. Neben verpflichtenden Sicherheitsbeauftragten direkt am Standort (Anzahl je nach Ligazugehörigkeit) und besserer Abstimmung zwischen Behörden und Vereinen soll vor allem ein „personalisiertes EDV-gestütztes und manipulationssicheres Check-In-System“ entstehen. Fans befürchten, hinter diesem verklausulierten Satz stecken verschärfte Einlasskontrollen zum Beispiel mit künstlicher Intelligenz oder Gesichtserkennung. Zudem kritisieren Anhänger schon jetzt die infrastrukturell mancherorts aus ihrer Sicht gefährlichen Einlasssituationen. Würden diese noch weiter verkompliziert und verschärft, könnten beispielsweise Massenpaniken die Folge sein.

Statistiken zu VfB-Heimspielen aus dem Innenministerium BW Foto: StZN/Lange

Nicht zuletzt gibt es das Thema „Stadionallianzen“. Hier soll Präventionsarbeit geleistet werden. Diese Allianzen gibt es seit 2017 in Baden-Württemberg, der Südwesten leistete hier bundesweite Pionierarbeit. Die DFL beschreibt das Konzept wie folgt: „Ziel der Stadionallianzen ist die Intensivierung und Weiterentwicklung der Zusammenarbeit von Clubs, Fanprojekten, städtischen Behörden und polizeilichen Sicherheitsbehörden bei der Organisation und Durchführung von Fußballspielen.“

Auch in Stuttgart gibt es diese Stadionallianz schon lange – und sie ist durchaus erfolgreich. Auch wenn die Stuttgarter VfB-Szene sich in einer Art Dauerfehde mit der Polizei befindet, so arbeitet die Allianz konstruktiv, zielgerichtet und ist dadurch auch in der Lage, mehrere VfB-Hochrisikospiele pro Saison – wie zuletzt gegen Feyenoord Rotterdam – mehr oder minder reibungslos abzuwickeln.

Kritik aus den Kurven – und aus der Politik

Nichtsdestotrotz ist die Stuttgarter Szene der aktiven Fußballfans deutschlandweit einer der Treiber für die jetzige Protestaktion. Seit Wochen äußern sie Kritik am geplanten Vorgehen der IMK – wie zuletzt gegen Augsburg sichtbar. Doch nicht nur bei den Fußballfans regt sich Widerstand. Auch in der Politik selbst, in Stuttgart etwa durch die BW-Landtagsabgeordnete Kathrin Steinhülb-Joos, wird Kritik geübt. „Äußerungen, in denen Fans unter Generalverdacht gestellt werden, verhärten die Fronten“, sagt die SPD-Politikerin und formuliert einen Auftrag an die IMK: „Auch das sollte bei der Entscheidung über neue Maßnahmen, wie beispielsweise die Einrichtung einer bundesweiten zentralen Stadionverbotskommission, berücksichtigt werden.“ Auch überregionale Fanorganisationen und Fanhilfen warnen vor dem ausufernden Sicherheitswahn und verweisen dabei auf aktuelle Statistiken wie den ZIS-Bericht.

Lehren aus der Vergangenheit – was bringt die Zukunft?

Nach der Mega-Demo am Sonntag ist auch im weiteren Saisonverlauf bis zur IMK mit massiven Protesten aus den Fanszenen zu rechnen. Das zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Ob es ein gemeinsames Schweigen in den ersten zwölf Minuten der Spiele oder geworfene Tennisbälle (DFL-Investoreneinstieg/50+1-Thematik) oder große Demonstrationszüge wie 2010 in Berlin (Anstoßzeiten/Montagsspiele/Kommerzialisierungsprotest) waren, die deutschen Fußballfans fanden noch immer Wege, ihrem Protest friedlich und kreativ Ausdruck zu verleihen. Das ist auch dieses Mal zu erwarten.