Prominente Stimmen zollen Wolfgang Grupp Dankbarkeit und Anerkennung. Nach seinem Suizid-Versuch ruft der 83-Jährige dazu auf, sich bei Depressionen Hilfe zu holen.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Günther Oettinger kennt den Trigema-Seniorchef Wolfgang Grupp seit 40 Jahren. In letzter Zeit hat der frühere EU-Kommissar eine „gewisse Melancholie“ aus den Worten des Unternehmers herausgehört. Es falle eben nicht leicht, alt zu werden. Nicht gerechnet hätte er damit, dass der nach außen lebensbejahende Grupp versuchen werde, sich das Leben zu nehmen. Dass sich der 83-Jährige nun offen dazu geäußert hat, hält Oettinger für richtig: „Es hätte sich irgendwann herumgesprochen.“ Mit dem Appell, bei Altersdepression Therapien zu nutzen, mache sich Grupp zum Vorbild, lobt der frühere Ministerpräsident – als Vorbild für alle, die meinten, immer stark zu sein.

 

Hagel: „So offen über seine Situation zu sprechen erfordert echte Größe“

Als streitbarer Unternehmer und Verfechter konservativer Werte ist Wolfgang Grupp bekannt. Jetzt hört er viel Dankbarkeit und Anerkennung. „So offen über diese Situation zu sprechen erfordert echte Größe“, findet der CDU-Landessvorsitzende Manuel Hagel, „Herr Grupp zeigt damit, dass psychische Krisen jeden treffen können – und wie wichtig es ist, Hilfe anzunehmen.“ Für viele Menschen sei der Mann von der Schwäbischen Alb schon immer eine „Inspiration“ gewesen – gerade auch jetzt durch seine Offenheit.

Christoph Sonntag dankt Wolfgang Grupp: „Wir sehen an ihm, dass Ehrlichkeit entlarvend und bewegend ist.“ Als Kabarettist würde er sich wünschen, „dass Entscheider öfters mal zugeben, was sie denken, wie es ihnen geht und auch, wenn etwas schief lief, was sie gemacht haben“. Dies würde die Demokratie stärken.

Der 80-jährige Unternehmer Uli Endress hat schon „ähnliche Erfahrungen wie Wolfgang Grupp“ gemacht. Foto: Wolfgang List

Uli Endress sagt, was ihm geholfen hat

Auch der 80-jährige Unternehmer Uli Endress wird nachdenklich. „Gerade Menschen, die ein Leben lang im Rampenlicht stehen oder stehen wollen, leben mit einer Fassade, die Erfolg, Reichtum und Macht suggeriert“, sagt er. Der private Mensch hingegen habe Ängste, Sorgen und Trauer wie alle anderen Menschen. Im Alter nach dem Rückzug vom aktiven Unternehmerleben falle man dann „in tiefes Loch“, was zu Depressionen führe. Uli Endress hat schon „ähnliche Erfahrungen“ gemacht, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion einräumt, und sagt aus eigenem Erleben: „Was hilft, sind Bewegung, die Aktivierung neuer Interessen, Kunst, Kultur, Musik sowie gute Freunde.“ Endres schreibt gerade ein persönliche Buch, um damit sein Leben zu verarbeiten, das sei hilfreich und spannend.

„Wer an Depressionen leidet, hat keinen Dachschaden“

„Depressionen betreffen viel mehr Menschen als wir ahnen“, sagt SWR-Nachrichtenfrau Tatjana Geßler. Die Krankheit müsse endlich aus der Tabuzone geholt werden, findet sie: „Es kann jeden treffen und wer darunter leidet hat keinen ,Dachschaden’ und ist auch kein Schwächling. Er ist schlicht und ergreifend krank. Oder hat seinem Körper und seiner Seele zu viel zugemutet.“ Sich Hilfe zu holen sei kein Versagen, sondern absolut nötig. Wenn sich jemand ein Bein bricht, verurteile ihn doch auch niemand, wenn jemand zum Orthopäden geht.

„Manchmal braucht es Vorbilder“, sagt Besteller-Autorin und Ärztin Lisa Federle Foto: Kaufmann

Mustafa Göktas, Moderator und Model, hat selbst schon miterlebt, „wie stille Kämpfe Menschen zerreißen können – vor allem Männer, die sich nichts anmerken ließen, bis es zu spät war“. Daher hat ihn Grupps Offenheit „tief berührt“. Es brauche unglaublich viel Mut, sich so zu zeigen. Und genau dies wünscht er der Gesellschaft: Weniger Schweigen, mehr Gefühle zeigen. Wahre Stärke bedeute nicht, alles allein zu tragen, sondern Hilfe anzunehmen und über das zu sprechen, was einen innerlich bewegt, sagt Göktas.

„Großartig“ findet es die Besteller-Autorin und Ärztin Lisa Federle, dass Wolfgang Grupp seine Altersdepression offen angesprochen und dazu aufgerufen habe, in Therapie zu gehen. „Manchmal braucht es Vorbilder, um diesen Schritt zu tun und sich Hilfe zu holen“, sagt sie.

Hinweis

Wenn Sie selbst von Depressionen oder Suizidgedanken betroffen sind, finden Sie rund um die Uhr Hilfe bei der Telefonseelsorge unter der Nummer 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222. Weitere Informationen und Angebote finden Sie unter www.telefonseelsorge.de.